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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 09:55

     

    Clemens Berger: Die Wettesser

    28.05.2007


    Es ist angerichtet

    Clemens Berger serviert mit seinem zweiten Roman eine Fiktion, die es (fast) genauso tatsächlich gibt: Die Wettesser und ihre schärfsten Kritiker – die Veganer.

     

    Heinrich Steinfest, der kongeniale Vertreter des außergewöhnlichen Kriminalromans, lässt seinen Erzähler in Ein dickes Fell sagen: „Mit dem Fressen beginnt der ganze Wahnsinn des Töten und Getötetwerden, der Wahnsinn einer permanenten Unruhe, des Zwangs, sich umzusehen, wachsam zu sein, neidisch, gierig, durchtrieben, nervös, unausgeglichen.“ Da sind wir schon in einer Welt angekommen, in der das Fressen und Gefressenwerden zum alltäglichen Geschäft gehört, und in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Wettbewerb alles gibt. Brutaler Wettbewerb manchmal, der die Herzen so vieler Menschen gelegentlich höher schlagen lässt. Zum Beispiel anlässlich von Fress-Wettkämpfen, die neuerdings sogar olympische Disziplin werden wollen. Dabei sind die Fress-Athleten Stars und locken in den USA und Japan Millionen Zuschauer vor die Fernseher. Diese Helden schaffen beispielsweise 57 Rinderhirne in 15 Minuten oder drei Kilo Kohl in neun Minuten. Aber das geht auch mit Butter, Eiern, Nudeln oder mit Okonimiyaki, der japanischen Pizza. Logisch, dass danach auch gehörig gekotzt wird. Bei Clemens Berger liest sich das so: „Dann explodierte er. Das Okonimiyaki, die Nudeln, die Sauce, alles brach aus ihm heraus, schnelle, starke Stöße, denen Ed keinen Einhalt mehr zu gebieten vermochte. Er hielt sich noch die Finger vor den Mund, hörte Schreie ringsum, Kreischen, die Finger wurden zum Sieb, es spritzte in alle Richtungen.“

    Umjubelte Fress-Giganten

    Es sind die Japaner Ari und Kobayashi, die Amerikaner Hardy und Krachie, um die es hier geht und deren Geschichten aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Es sind Schicksale. Und was für welche! Nach außen sind sie Stars, im Inneren arme Würstchen, die von der verzweifelten Suche nach Anerkennung getrieben werden. Und da ist die Königsdisziplin der Wettesser, alljährlich ausgetragen am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, mit dem der Roman im Jahre 2000 beginnt und genau ein Jahr später endet. Dort, vor Nathan’s Fastfood Lokal in New York, Coney Island stehen die sensationsgeilen Massen, um den Fress-Giganten zuzujubeln, die sich zum Hot-Dog-Wettessen treffen, dort, wo neue Fress-Stars geboren werden und alte abtreten. An diesem Tag ist es Kazutoyo Arai, genannt „der Hase“, der triumphiert. Ausgerechnet ein schmächtiger Japaner, ein „Nudelfresser“ mit „drei Mägen“, wie ihn das aufgescheuchte Publikum aus gekränktem Nationalstolz beschimpft.
    Beschimpft werden die Fress-Athleten auch von einer Gruppe radikaler Veganer, die sich nichts Perverseres als solche Spektakel vorstellen können. Es sind junge Tierschützer, Weltverbesserer, die ihre Botschaft vom tierleidfreien Leben verbreiten. Sie heißen Sandra, Jeremy, Sophie und Andrew und dienen dem Autor als eine Art Kontrapunkt, als Folie, als radikale Andersheit, die aber ebenso verrückt erscheinen. Fleisch zu essen ist für sie gleichzusetzen mit Mord – und dem großen Fressen der vier Fress-Stars wollen sie nicht mehr tatenlos zusehen. So wartet der Leser auf eine große Aktion, die nicht stattfindet. Die Tierschützer bleiben nämlich bis zum Schluss nur Zaungäste, die radikalen Gegensätze dramaturgisch ungenutzt.

    Moralische Leerstelle

    Auffällig ist, dass Clemens Berger mit der Ausgestaltung seiner Charaktere weitgehend an der Oberfläche verharrt. Da entsteht zunächst der Eindruck, dass eine fabelhafte Idee und ein dankbares Thema allzu holzschnittartig umgesetzt werden, der Leser mit allzu sparsamen Häppchen abgespeist wird, wo er durchaus mehr hätte vertragen können. Besonders die Gruppe der radikalen Veganer kommt einem nicht wirklich nahe. Damit gibt es aber auch keinen richtigen Ort, an dem sich die Empörung des Lesers entladen kann. Diese moralische Leerstelle, die im Leser eine Art Überdruck erzeugt, erscheint indes gewollt. Dazu passt, dass der Autor so klug war, auf jegliche Moralkeule zu verzichten, was aber auch zur Folge hat, dass seine eigene Position undeutlich bleibt. Überdeutlich geworden sind hingegen die radikalen Auswüchse einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Wettbewerb alles gibt, und die hier interessant und gut lesbar in Szene gesetzt werden.

    Frank Kaufmann


    Clemens Berger: Die Wettesser. Roman. Skarabaeus 2007. 184 Seiten. 19,90 Euro.

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