• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 10:00

     

    Vladimir Zarev: Verfall

    28.05.2007


    Der Traum der Freiheit ist aus


    Das Unterhaltsame an der menschlichen Verzweiflung: Vladimir Zarevs Roman
    Zerfall

     

    Verfall heißt der erste ins Deutsche übersetzte Roman des renommierten bulgarischen Schriftstellers Vladimir Zarev, und bei diesem Titel weht einen gleich der muffig-strenge Geruch eines konservativen Weltbildes, mindestens aber des Kulturpessimismus an. Verfall ist ja gar nicht denkbar ohne einen positiven Bezug zu früher. Ist Zarev also nur ein weiterer kulturpessimistischer Autor, der die Vergangenheit zu Ungunsten von Gegenwart und Zukunft glorifiziert?

    Keineswegs. Wenn es so etwas wie eine Formel in Verfall gibt, dann lautet sie: Früher war vieles schlecht. Heute ist vieles schlecht. Morgen wird vieles schlecht sein. Nur das, was schlecht war, ist oder sein wird, ändert sich. Konfrontieren wir diese Formel mit einer anderen im Roman erwähnten Formel, nämlich der Lebens- und Arbeitsmaxime "Wenn etwas mit Geld nicht geht, dann geht es eben mit viel Geld" des nach 1990 rasch zu Vermögen und Einfluss gekommenen Bojan, dann ergibt sich Zarevs Thema ganz von selbst. Verfall untersucht literarisch den Umbruch Bulgariens vom Staatssozialismus zum Kapitalismus.

    Dabei stehen sich zwei Figuren gegenüber, anfangs antagonistisch, später kommen sie sich näher. Da ist Martin Sestrimski, ein einst vom Staat geförderter Schriftsteller, der sich nach der Wende nur noch dem Suff ergibt. Und da ist Bojan Tilev, ehemaliger Staatsangestellter, der zur rechten Zeit am rechten Ort die richtigen Leute kennt und sich nach und nach ein auf Zigarettenschmuggel basierendes kleines Firmenimperium aufbaut.

    Zwischen den beiden Protagonisten liegt der Rest Bulgariens, also der politisch-wirtschaftlich-offizielle ebenso wie der alltäglich-banale, oder anders gesagt: einige Reiche und viele Arme, wenige Helden und viele Verlierer. Eins jedoch eint sie alle: der Betrug. Oder wie es in dem Roman heißt: "Der größte Teil der Leute hielt sich und die Familie ohnehin nur durch kleinere Betrügereien über Wasser und war darauf eingestellt, auf den Wellen des Chaos zu reiten." So denkt Bojan an einer Stelle und hält damit eigene Skrupel wegen seiner regelmäßigen Zahlungen an korrupte Politiker, Journalisten und Geschäftsleute klein.

    Gefängnis „Zur ausgeträumten Freiheit“

    In Zarevs kapitalistischem Bulgarien sind Korruption und Käuflichkeit so verbreitet, wie es Bürokratie und Militär im sozialistischen waren. Bojan weiß: "Mit Politik - so erwies sich nach der Wende zum wiederholten Male - war in Bulgarien am leichtesten, am schnellsten und am sichersten Geld zu machen." Und auch die Gründe sind ihm bekannt: "Es gibt nichts Besorgniserregenderes und Deprimierenderes als die Ungewissheit, denn gegen die Ungewissheit gibt es keine Strategie." Martin dagegen kommt zu der Erkenntnis: "Wir leben im Gefängnis ,Zur ausgeträumten Freiheit'."

    Manches in Verfall nervt, etwa die Spielchen mit den biblischen Namen Maria und Magdalena oder die semiphilosophischen Räsonnements des gewaltbereiten Hyperkapitalisten Bojan oder die erdrückende Nähe Zarevs zu seinem Alter Ego Martin. Aber es nervt nur zu Beginn. Wer sich davon abschrecken lässt und nicht weiterliest, verpasst eine schöne, vom Moralisieren wie von Häme weit entfernte, in einer unaufgeregt-präzisen Sprache formulierte Geschichte.

    "Die menschliche Verzweiflung hatte etwas Unterhaltsames, weil die Ursachen so unvorhersehbar und vielfältig waren wie das Leben selbst", denkt Martin, als er aus Geldnot bei einem Büro für telefonische Seelsorge anheuert. Das ist noch so ein Satz, der zur Formel für diesen Roman taugt. Denn über Verzweiflung kann man, wie Zarev zeigt, durchaus unterhaltsam schreiben. Konservativen und Kulturpessimisten wird das nicht gefallen.

    Maik Söhler


    Vladimir Zarev: Verfall. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 512 Seiten, 24,90 Euro.

    Erstveröffentlicht im taz Magazin vom 5.5.2007.

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter