TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 30. März 2017 | 16:30

 

Elisabeth Binder: Orfeo

28.05.2007


Einmal Venedig und zurück

Elisabeth Binder ist mit ihrem dritten Roman ein ganz großer Wurf gelungen.

 

Die 56-jährige Schweizerin erzählt die Geschichte der unglücklichen Liebe zwischen Hans Bauer und der einstigen italienischen Gastarbeiterin Stella. Das geschieht so kunstvoll und anspielungsreich, in einer beinahe lyrischen Sprache, dass man sich in ein ruhig dahinfließendes Musikstück versetzt fühlt. Venedig, die Stadt der Liebenden, schimmert immer wieder als malerischer Handlungshintergrund durch, und zwischen den Zeilen schwingt eine Melodie von Orpheus und Eurydike mit.

Der Schweizer Textilunternehmer Hans Bauer nimmt die Rolle des modernen Orpheus ein. Er war vor vierzig Jahren – gegen den Widerstand seiner Angehörigen – für kurze Zeit mit der Gastarbeiterin Stella aus Triest verheiratet. Die Italienerin suchte bald das Weite, flüchtete aus ihrem goldenen Käfig, Bauer hat ihr ein Leben lang nachgetrauert und sich in seiner Freizeit ganz der Natur verschrieben, dem Beobachten von Pflanzen und Tieren in seinem Garten.
Als betagter Mann bricht er auf nach Venedig, um noch einmal seiner großen Liebe zu begegnen, mit dem „Geruch von vierzig Jahren Einsamkeit“ im Gepäck. Als er Stella trifft, verspürt der Protagonist „dieses Altgewordensein wie nie zuvor“. Aus der grazilen, hübschen Italienerin, die sich als Bild in seinem Kopf eingenistet hat, ist eine Greisin geworden, die sich auf einem Gehstock abstützt.
Die Treffen des einstigen Paares verwandelt sich für Bauer in eine erneute Niederlage, als er erfährt, dass Stella nach der Rückkehr in ihre Heimat viele glückliche Jahre mit dem inzwischen verstorbenen Janko verbracht hat. „Sie hatte ihn nicht nur vergessen. Sie hatte noch einmal eine wirkliche Liebe erfahren.“ Durch die Gespräche entsteht eine bedrückende Atmosphäre, in der sich Vertrautheit und Nähe sowie Gleichgültigkeit und Fremde wie unüberwindbare Hindernisse gegenüber stehen.

„Orpheus“ Hans Bauer hat sich ein zweites Mal nach seiner Eurydike umgeschaut und reist im festen Wissen, sie endgültig verloren zu haben, von Venedig zurück in die Schweiz – desillusioniert und vom Glauben an die ewige große Liebe kuriert. Eine kleine Tragödie, ein meisterhaftes literarisches Kammerspiel. Reinhard Mey sang vor langer Zeit: „Ich wollte wie Orpheus singen,/ dem es einst gelang,/ selbst Steine zum weinen zu bringen/ durch seinen Gesang.“ Auch davon ist Elisabeth Binder mit diesem äußerst sinnlichen Roman nicht weit entfernt.

Peter Mohr


Elisabeth Binder: Orfeo. Roman. Klett-Cotta 2007. 168 Seiten. 17 Euro.

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Mr. Charms ist nicht zu fassen!

Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

Die Jugend endet auf dem Campingplatz

Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter