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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:42

    Manfred Rumpl: Fausts Fall

    20.05.2007

    Philosophischer Fall

    Ein Philosoph verzweifelt an der Gesellschaft, eine freundschaftliche Abhängigkeit kehrt sich in ihr Gegenteil. Sprachlich souverän und dramaturgisch perfekt erzählt Manfred Rumpl in Fausts Fall die Geschichte eines modernen Gelehrten. Von KATHARINA BENDIXEN

     

    Faust fällt. Und er fällt gleich zweimal. Als gescheiterter Philosoph und Familienvater fällt er dem Alkohol anheim und landet in einer „Anstalt für sehr, sehr Nervöse“. Als Geheilter entlassen aus dieser Anstalt und während des Versuchs, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, fällt er ein zweites Mal, weicher zwar, aber kontinuierlich. „… habe ich mich inzwischen eingereiht in den Stau auf der Autobahn der Existenz. Im Stau ist es nicht so gefährlich wie auf der Überholspur oder gegen die Einbahn. Vom Geisterfahrer mit Bleifuß zum Bremser im Stau …“, beschreibt Faust seinen Zustand. Aber: Es stört ihn nicht, dass er fällt. Nur seine Frau Helene und seine Tochter Julia tun ihm Leid, später seine Geliebte Katharina. Sich selbst fühlt Faust sich nicht verpflichtet, bloß seine Lieben möchte er nicht enttäuschen.

    Aber warum fällt Faust? Früher ein ambitionierter Philosophiestudent hat ihn sein Kindheitsfreund und Studienkollege Paulus fachlich längst überflügelt. Faust liegt das angepasste Leben nicht, mit den universitären Gepflogenheiten kann er sich nicht anfreunden, lieber trinkt, raucht und kifft er und fährt nachts Taxi, um genügend Geld für seine Familie zu verdienen. Immerhin hat sich Helene damals nach langem Kampf für ihn, Faust, und gegen Paulus entschieden. Paulus aber rettet Faust vor dem finanziellen Ruin, als dieser seinen letzten Lehrauftrag an der Uni verliert. Als Assistent darf Faust den erfolgreichen Paulus auf seiner Lesetour mit dem Buch „Markt.Masse.Macht“ begleiten und ihn an- und abmoderieren. In der Schule früher war das Verhältnis umgedreht: Der unangepasste Faust musste den schwächlichen, unbeliebten Paulus unterstützen. Jugendliche wissen eben gesellschaftskritische Unangepasstheit noch zu schätzen.

    Fausts Fall des österreichischen Autors Manfred Rumpl ist die Geschichte von einem Gelehrten, der in der Gesellschaft nicht zurechtkommt und nicht zurechtkommen möchte. Seine pubertierende Tochter mit ihren finanziellen und Handygelüsten ist ihm ebenso zuwider wie das Karrierestreben seines Freundes und Kollegen Paulus. Und obwohl Faust weiß, dass ein inneres sich Wehren gegen diese unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft umsonst ist, kann er sich doch nicht mit ihnen anfreunden. Von dieser Widersprüchlichkeit der Figur Faust lebt der Roman. Auch wenn die Namen der beiden Protagonisten etwas zu sprechend sind und sie sich zu allem Überfluss auch noch regelmäßig in einer Kneipe namens Auerbach treffen, sind sie interessante, vielschichtige Charaktere.

    Fausts Fall ist aber nicht nur eine Studie über den Verfall und die Verzweiflung eines Menschen, sondern auch die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft, ja Symbiose zwischen zwei Männern. Der Jugendliche Faust muss den Jugendlichen Paulus beschützen, der Erwachsene Paulus nimmt sich des erwachsenen Faust an, gleichzeitig aber auch dessen Frau Helene, die er nicht nur auf freundschaftliche Art und Weise über die Kompliziertheit ihres Mannes hinwegzutrösten versucht. Gegensätzlich in ihrer philosophischen Grundeinstellung belächeln sie gegenseitig ihre Forschungsprojekte und protegieren sich trotzdem. Es gibt da etwas, was diese Freundschaft im Innersten zusammenhält, für lange Jahre zumindest, nicht für immer. Denn am Ende des Romans fällt Faust ohne seinen Freund Paulus.

     



     

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