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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 19:14

     

    Hermann Kinder: Mein Melaten.

    16.05.2007

    Unter Polymoribunden

    Den „Methusalem-Roman“ hat der in Konstanz lebende Hermann Kinder geschrieben. Sein „Melaten“ ist eine außerordentlich kompakte und realistische Abrechung mit dem Altern in unserer Gesellschaft.

     

    Der 1944 geborene Hermann Kinder – „lebt und lehrt als Akademischer Rat in Konstanz“, heißt es in seiner Biografie – hat seit 1977 eine ganze Reihe von Romanen und Erzählungen geschrieben (z.B. „Der Schleiftrog“, „Liebe und Tod“, „Der Mensch, ich Arsch“). Aber mit keiner seiner literarischen Arbeiten ist dem Akademiker das gelungen, was der „Literaturbetrieb“ einen „Durchbruch“ nennt und damit eine öffentliche Anerkennung meint, die sich in der stetigen oder umtriebigen Präsenz von Person und Werk durch Rezensionen, Buch-Verkauf oder in der Regelmäßigkeit von Lesereisen des Autors niederschlägt.

    Ein umfangreiches Werk, ein witziger Autor – aber dennoch gehören beide nicht zu den Geläufigkeiten, denen der Betrieb Aufmerksamkeit schenkt. Warum das so ist und ob es anders sein sollte, weiß ich nicht. Ich konstatiere es nur – als sein gelegentlicher Leser. Kinder teilt diese literarische Existenz unterhalb der öffentlich von der Kritik vermittelten Beachtung mit anderen Autoren und Autorinnen, die wie er in der „zweiten Bundesliga“ situiert sind.

    Hermann Kinders neues, jüngstes Buch wird daran auch gewiss nichts ändern, wenngleich es ebenso außergewöhnlich wie außerordentlich ist und ganz & gar dem Nietzsche-Aphorismus entspricht: „Wieviel Wahrheit wagt, wieviel Wahrheit erträgt der Mensch?“

    Es ist ein komisches Buch, aber eine Peinigung; es ist unterhaltsam, aber lieber neigt man (vor allem als älterer Leser) dazu, es immer wieder wegzulegen; es nennt sich „Roman“ und obwohl das ja eine höchst offene Form ist, ähnelt es eher einer Sammlung von negativen Idyllen, satirischen Bestandsaufnahmen und einem Kompendium von literarischen Zitaten – und das alles häuft sich an & auf zu einer eindrücklichen Summe dessen, was Hermann Kinder unter dem Strich des Satzes: „Tempus vincit omnium, aber auch wirklich alles“ auf 240 Seiten angesammelt hat.

    Weil die Zeit über auch wirklich alles & jeden siegt, d.h. unser Leben physisch, psychisch, sozial zugrunde richtet, heißt Kinders Buch „Mein Melaten“. Ein rätselhafter Titel, den ich mir immer (höchst verständlicherweise) mit „Mein Alter“ verballhornte, weil ich kein Kölner bin, der nämlich sofort begriffen hätte, dass es sich bei „Melaten“ um eine dort bekannte Friedhofsanlage handelt, die ursprünglich der Platz öffentlicher Hinrichtungen war, und 1810 zum Zentral-Friedhof außerhalb der Stadtmauern Kölns wurde und heute ein beliebter Seniorentreffpunkt ist, auf dem der Erzähler, der seiner zwangsweisen Frühpensionierung entgegengeht, bereits „polymoribunde“ Lebensabschnittsbegleiter nach „der Entlassung ins Ende“ findet, die ihm aus ihren alltäglichen Erfahrungen nach der „Zurruhestellung“ mündlich und später auch per Internet berichten.

    Denn „Mein Melaten“ ist „Der Methusalem-Roman“ – ein Untertitel, den möglicher- oder besser wahrscheinlicherweise Hermann Kinders Verleger & Freund, der Schopenhauer-Verehrer Gert Haffmans, erfunden hat, um mit diesem literarischen Sarkastikum Frank Schirrmachers millionenfach erfolgreichem Sachbuch „Das Methusalem-Prinzip“ einen bösartigen Nachruf zur Seite zu stellen.

    Der ebenso „miesepeterige“ wie herzensgute Erzähler arbeitet in einem Amt in Konstanz, während seine Frau, mit der er eine problemlose Wochenend-Ehe führt, in Köln – ebenfalls in einem Amt – Arbeit gefunden hat. Die gemeinsamen Kinder gehen längst eigene Wege: die nach Leverkusen verheiratete Tochter Juliane verachtet den Vater wegen seines „danebenes Leben“ und spricht noch nicht einmal mehr mit ihm; und der ewig auf Job- & Frauensuche in deutschen Landen herumgetriebene Sohn Jakob benutzt den Vater nur, damit dieser sich um Jakobs Hund Fiffi in Singen am Hohentwiel, nahe Konstanz, kümmert. Den auf seinem Amt als Dienstältester unwiderruflich ausgemusterte und bei lebendigem Leib „abgewickelte“ Erzähler erleben wir als von Bundesbahn-Verspätungen und „lärmenden Stimmbruchstimmen“ genervten Reisenden zwischen dem womöglich schönsten Ort Deutschlands (Konstanz) und seinem möglicherweise schrecklichsten (Köln), zwischen klein- & großstädtischer Provinz.

    Das ist der Roman-Rahmen, der Hermann Kinder erlaubt, möglichst viel Realitäts-Stoff für sein Buch zu requirieren – umso mehr, als er seinem Erzähler eine hochsensible Wahrnehmungsbreite & pointierte Formulierungsfähigkeit zuspricht, die Martin-Walsersches Format besitzen. Jedoch favorisiert im Gegensatz zu Walsers jüngsten alterserotischen „Angstblüten“-Aufwallungen Hermann Kinders Wahrnehmungsseismograph den alterssklerotischen Rundum- & Bösen Blick, der einen stetig & allseits wachsenden „Schrecken ohne Ende“ im „Rentnerparadies“ unserer deutschen „Methusalem“-Gesellschaft konstatiert, bzw. die Schrecken vor dem Ende, das den Erzähler schließlich im letzten Satz infarktartig ereilt, als er gerade dabei war, umständlich ein vegetarisches Kräutermenü aus absonderlichsten Wald- & Wiesenfundstücken für ein Familienfest zusammen zu stellen: „...öffnete ich die Balkontür und dachte, als ich sackte, noch: 'Polier dir jetzt bloß nicht noch die Birne'“.

    Ob er sich auch noch die Birne poliert hat, erfahren wir nicht mehr. Ist auch nicht nötig, weil er als Erzähler uns ausgiebig „die Fresse poliert“ und wenn er uns zum Lachen gebracht hatte, auch sogleich dafür gesorgt hatte, dass es uns im Halse stecken geblieben ist. Denn Hermann Kinder, der uns vom Rückumschlag verschmitzt lächelnd entgegenblickt, als könnte er kein Wässerchen trüben, hat uns zuvor jede Laune verdorben und alle Hoffnung genommen, einen Lebens-„Abend mit Goldrand“ nach dem „Methusalem-Prinzip“ zu erwarten.

    Sein „Melaten“ ist das enzyklopädisch ausgreifende, dokumentarisch ausgefütterte, fugendicht aneinandergeschweißte Mosaik einer Alten-Gesellschaft, die er sowohl als soziales Panorama, wie auch in Groß-& Detailaufnahmen körperlichen Verfalls mit einer schonungslosen, geradezu beißenden Klarsichtigkeit uns vor Augen gestellt hat. Zwischen Darmspiegelung und Krebs, Demenz und Schlaganfall, Atemnot und Hinfälligkeit mit den „Unfall-Entleerungsängsten“, Körperekel und Verachtung, zwischen Altersheim und Krankenhaus, Kinderbesuch und egotistischer Einsamkeit: - Hermann Kinder lässt nichts aus, was zu den alltäglichen Selbst- & Fremderfahrungen in unserer gegenwärtigen deutschen Gesellschaft gehört. Innen- & Außenansichten, Öffentliches wie Privates werden gleichermaßen gnadenlos realistisch beschworen, und man kann nur staunen, mit welcher Intensität Hermann Kinder offensichtlich unser Leben, unsere Lebens- & Sterbensweise beobachtet, registriert und dessen Zeugnisse gesammelt hat.

    Darunter sind auch kleine Inseln zarter Rührung durch Berührungen, Wegsehen, verschwiegenem Verständnis untereinander oder Beispiele stoischer Tapferkeit vor dem Feind durch die Mobilisierung von individueller Erinnerung und ausschweifender Phantasie oder durch Glücksmomente erlebter Naturschönheit, die Hermann Kinder durch euphorische Aus- & Anblicke rund um den Bodensee beschwört.

    Der Sarkasmus, mit dem sein Erzähler dem Skandal des Alterns zu Leibe rückt, aufspießt und ihn sich selbst vom Leibe zu halten versucht, passt zwar nicht zu dessen eher untertemperierten, sentimentalen Charakter; ist aber wohl eher als Versuch des Autors zu verstehen, der die Linie zu den lebenden Schatten auch schon überschritten hat, dem nahen Grauen vor den grauen Panthern wenigstens durch wahnwitzige Komik und trostlosen Humor ein Gran Widerstand entgegenzusetzen – nämlich im Bewusstsein, so viel Wahrheit wie nur möglich gewagt zu haben, um das Unerträgliche wenigstens durch dessen Benennung für diesen literarischen Moment erträglich gemacht zu haben.

    Während seiner letzten Wanderung auf der Schweizer Seite des Bodensees in einer Kneipe vor einem Glas Elisabethenberger sitzend, hört der Erzähler, wie „am Nebentisch frische Postrentner unter aufgespannten Schirmen vom Rest ihres Lebens (träumten): nur noch reisen, reisen, reisen und etwas Soziales. Altenhilfe zum Beispiel. Hospiz aber lieber nicht. Eigentlich war, dass man den Enkel mal betreute, schon sozial genug. Die Frage der Pöstler war, ob man das, was man schon gesehen hatte, noch einmal sehen sollte oder etwas ganz Neues. (...) Wieviel Zeit ich schon erlebt hatte“, überlegt der Erzähler, „sah ich an der Stadt Singen unter mir, die ich schon anders gekannt hatte. Wie wenig Zeit ich erleben würde, sah ich am Alpsteingebirge, das seinerseits auch nur ein versteinerter Furz im All war. Die ingeniöse, aber nur irdische Natur hatte per trial and error ihr System ausdifferenziert, das mich für paar Jahrzehnte benutzte und – schwerer Fehler – mit Selbstbewusstsein ausstattete. So wurde man zur Murmel, zur Pusteblume in Gottes Zeitvertreib. Ich war nichts. Das war es, was Juliane an mir gehasst hatte. Die Einsicht in sein Nichts schien mir ein Anfang. Während die ehemaligen Pöstler für Südafrika sparten, trank ich noch einen kleinen Elisabethenberger, den ich mir auslief zum nächsten Hügel, von dem aus ich dem See zuschrie: Ich bin ein Nichts. Dann in Richtung Köln: ich komme“. Als mutiger Leser war man sein Begleiter auf dieser letzten Reise, die jeder vor sich hat: früher oder später.

    Wolfram Schütte


    Hermann Kinder: Mein Melaten.
    Der Methusalem-Roman.
    Haffmans Verlag bei Zweitausendundeins,
    Frankfurt a. M. 2006. 240 Seiten, 12.90 ¤

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