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    TITEL kulturmagazin
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    Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

    07.05.2007

    „Schreiben, Umhergehen, Nachdenken“: Weigands Weg zum Schriftsteller

    Ein Mann müsse in seinem Leben ein Kind zeugen, ein Haus bauen und einen Baum pflanzen, besagt ein deutsches Sprichwort. In Anlehnung daran formuliert Wilhelm Genazino eine modernisierte und intellektualisierte Variation: eine Frau, eine Wohnung, ein Roman sind die Lebensziele des jungen Weigands.

     

    Heinrich Böll, Thomas Wolfe, Knut Hamsun, Kurt Tucholsky, Franz Kafka und viele andere berühmte Schriftsteller bevölkern Weigands Olymp der literarischen Vorbilder. Er will mal einer von ihnen werden. Voller Begeisterung erzählt er seiner Freundin Gudrun bis zur beiderseitigen Erschöpfung aus deren Biographien und ergötzt sich dabei an jedem Detail, das eine Parallele zu seinem eigenen Leben darstellt. Seine Tätigkeit als Feierabendjournalist neben der Ausbildung zum Speditionskaufmann erinnert ihn an das Doppelleben von Kafka als Angestellter einer Versicherungsgesellschaft und Autor. Und vor allem die Arbeit als Journalist qualifiziert ihn seiner Meinung nach für die Literatur, so haben doch fast alle späteren Größen der Literatur begonnen, ist sich Weigand sicher. Seine Hoffnung trügt ihn auch nicht wirklich, zu einer respektablen Größe der deutschen Literatur wird er es eines Tages wohl bringen. Denn in Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman tritt er zwar nicht in die großen Fußstapfen von Kafka oder Tucholsky, aber immerhin in die von Wilhelm Genazino. Dieser erzählt mit starkem autobiographischen Einschlag und ironischem Augenzwinkern Weigands bzw. seinen eigenen Weg vom siebzehnjährigen Schulabbrecher zum Schriftsteller.

    Stete Entwicklung des Helden

    Wilhelm Genazino erfüllt mit diesem Roman keinesfalls die Erwartungen derjenigen Leser, die in Kenntnis seiner vorhergehenden Bücher wieder mit einem einsamen Streuner fortgeschrittenen Alters rechneten, der tagein, tagaus die Straßen durchstreift, auf der Jagd nach poetischen Augenblicken, die ihm für eine Weile als Rettung vor den Anmaßungen der Gesellschaft erscheinen. Es wird diesmal kein Teppich aus Beobachtungen und Gedanken gewoben, der ohne große dramaturgische Anstrengungen das Buch von der ersten bis zur letzten Seite ausfüllt.
    Weigand durchlebt im Gegensatz zu den früheren Romanhelden sogar eine stete Entwicklung, die von der ersten Liebe über den ersten Sex (zu seinem Leidwesen macht er diese Erfahrungen nicht mit derselben Frau) bis zum Umzug in die eigene Wohnung reicht. Er eignet sich allmählich die Fertigkeiten an, die ein Schriftsteller im Geiste Genazinos haben sollte. Er lernt als Außenseiter in der Speditionsfirma die Kunst des genauen Beobachtens, als Journalist übt er sich darin, seine Beobachtungen zu Papier zu bringen und er beginnt allmählich zu begreifen, dass das Gelingen seiner literarischen Texte eng mit der Fähigkeit zum „gedehnten Blick“ verknüpft ist: „Es war, als könnte ich meinem eigenen Blick dabei zuschauen, wie er aus einer bloßen Ansammlung von Gegenständen eine wunderbare Verschwisterung der Dinge machte: ein Mysterium mit mir selber in der Mitte. [...] Ich war momentweise sicher, daß in diesem Zimmer, an diesem Tisch und an dieser Schreibmaschine mein Roman losgehen würde.“ Mit solchen Einsichten gegen Ende des Buches nähert sich Weigand den Vorstellungen von Genazino immer mehr an, der die Entstehung seiner Literatur einmal kurz und prägnant folgendermaßen zusammenfasste: „Einfälle entstehen durch langes Schauen.“

    Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman ist ein hervorragender Genazino-Roman. Nicht aber deswegen, weil er sich von seinen Vorgängern so stark unterscheidet, sondern weil es Genazino geschafft hat, die Stärken der früheren Bücher in diesen stimmigen Entwicklungsroman zu integrieren. Die schier endlosen Spaziergänge, die Unzahl der beobachteten Alltagsszenen und die sich daran anschließenden Gedankengänge und Erinnerungen sind im Vergleich zu Die Kassiererinnen oder Ein Regenschirm für diesen Tag auf ein überschaubares Maß zusammengeschrumpft. Nichtsdestotrotz wird hier besonders deutlich, welche große Bedeutung Wilhelm Genazino diesen Phänomenen beimisst, gelingt Weigand der Weg zu einem selbst bestimmten und -bewussten Leben doch nur, weil er das Credo des Autors befolgt: „Schreiben, Umhergehen, Nachdenken.“

    Tobias Kaiser


    Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. DTV 2005.160 Seiten. 8,50 Euro.

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