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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:40

     

    Clare Allan: Poppy Shakespeare

    29.04.2007

    Ein wenig mehr Wahn geht immer

    Der Titel legt eine falsche Fährt. Es ist keineswegs so, dass Poppy Shakespeare eine Verwandte des englischen Jahrtausend-Dichters ist, die den eifrigen Händen von Hildegard Hammerschmidt-Hummel bislang entging, um nun von Clare Allan in einen Roman geschrieben zu werden.
    Poppy Shakespeare ist einfach nur durchgeknallt.

     

    Um das System zu verlassen, muss man gesund sein – behauptet man aber, gesund zu sein, gilt man als verrückt und darf sich auf einen längeren Aufenthalt einrichten. Diese und ähnliche kreiselhafte Logiken erlangten mit Joseph Hellers Catch 22 Weltruhm und werden hier neu und gut und gründlich auseinander genommen. Wie Catch 22 ist auch Allans Buch eine Systemkritik, wenn man diese durchaus witzige und tragikomische Geschichte mit einem derart schweren Begriff zudecken will, zuerst aber auch ein sorgfältig und (für einen Debütroman) sehr diszipliniert erzählter Einblick in ein Gedankengebäude, das oft ziemlich schief steht, trotzdem aber nicht zusammenstürzt.
    Der Schauplatz: eine psychiatrische Tagesklinik – die Insassen finden sich also tagsüber zur Therapie ein und werden abends wieder entlassen –, die Erzählerin: eine psychotische und neurotische Langzeit-Patientin, die unter dem Kürzel „N.“ firmiert. Ihre Beziehung zur Namensgeberin, Poppy Shakespeare, ist ebenfalls wieder eine therapeutische – sie soll Poppy, die gerade erst in die Klinik eingewiesen wurde, einführen und mit dem Tagesgeschäft vertraut machen: Verrückte unter sich. Diese Konstellation verpasst dem Roman dann auch a priori eine Grund-Ernsthaftigkeit, auf der ein ordentliches Maß an Absurdität wachsen kann. N.s Selbstbezug ist extrem stark ausgeprägt, immer wieder fällt ihre Rhetorik auf sie selbst zurück und misst ihren gedanklichen Raum aus – eine Anatomie des Wahnsinns gewissermaßen und dabei aller Instanzen, die ihn behandeln und in bürokratische Bahnen lenken wollen.

    Man ist gerne verrückt

    Es gibt nur eine Erzählinstanz, eine Stimme, auf deren Ausgestaltung sich Allan konzentriert – und entsprechend auch keinen Ausweg aus dem Wahnsinn, in dem N. sich dreht, mal schneller, mal langsamer, aber nie ohne ihren ganz eigenen scharfen Blick zu pflegen. So baut sich wenigstens für Augenblicke ein stabiles Soziogramm auf – Tagespatienten wie Poppy und ihre Tutorin N. etwa sind ihrem Selbstverständnis nach den stationären Patienten, den „Hängern“, übergeordnet und in einer besseren Position, ihre Lebenswelt zu ihrem Nutzen zu manipulieren – da werden Hierarchien ausgehandelt im Kampf um den besten Sitzplatz, während anderswo ein Insasse mit einer Bankdirektor-Vergangenheit unter der Hand einen Medikamenten-Handel aufzieht, der mancher Apotheke Konkurrenz machen könnte – nur dass hier Zigaretten und Antidepressiva als Währungsmittel gelten. Im Grunde machen die Verrückten unter sich eine Stabilität aus, ein Gefüge, das vom Pflegepersonal nur unnötig gestört wird, wann immer es auf die Idee kommt, irgendwelche Schritte zu unternehmen, Insassen in die Freiheit zu entlassen. Man ist gerne verrückt, hat ja auch in den Grenzen der Klinik ein funktionales Leben und keinerlei Anlass, auf Freiheit zu drängen. Das tut nur Poppy und die ist, wie sich schlussendlich herausstellt, tatsächlich verrückt und verlässt die Klinik nicht mehr.

    Kampf gegen die Bürokratie

    Der Kampf geht gegen die Maschine der Bürokratie, deren Klingen immer schneller rotieren. In die traute Heimeligkeit der verrückten Runde tropfen auf einmal Ansprüche wie Effizienz und Nachhaltigkeit, die die Gesundheitspolitik der Klinikleitung ans Herz diktiert – auf einmal sollen die Insassen tatsächlich gesund werden, je schneller, desto besser, und man taktet ihre Routine-Untersuchungen so, dass man sie möglichst schnell als therapiert entlassen kann. Wenn der Kampf auch von innen heraus dringt und geschickt geführt wird – einen guten Teil ihrer Energie verwenden die Insassen etwa darauf, ihre Sozialbezüge, ihr WAHN-Geld, zu optimieren, indem sie auf ihre Psychosen und Neurosen die Gewissheit satteln, dass man nicht annähernd verrückt genug sein kann, ein wenig mehr Wahn geht immer –, so ist er letztlich doch umsonst. Die Bürokratie siegt. Poppy wird nach tapferem Kampf gegen sie interniert, N. wird ungewollt freigesetzt, und jede der beiden hat, was sie nicht will.

    Daniel J. Gall


    Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Karl Blessing Verlag 2007. Gebunden. 352 Seiten. 19,95 Euro.

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