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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 00:44

     

    Louis Begley: Ehrensachen

    22.04.2007


    Eine ehrenwerte Gesellschaft


    Louis Begleys neuer Roman startet grandios und endet eher bescheiden. Ein hochinteressantes, aber leider zwiespältiges Lesevergnügen. Unterm Strich bleibt
    Ehrensachen jedoch ein durchaus gewichtiges Werk.

     

    Schon der erste Satz in Louis Begleys (About Schmidt, Lügen in Zeiten des Krieges) neuem Roman Ehrensachen verrät viel über seine grundlegende literarische und thematische Konzeption: „Dies ist meine erste Erinnerung an Henry: (...).“ Ein Ich-Erzähler, eine nahezu klassisch amerikanische Reflektorfigur breitet vor uns in klarem, nüchternem Ton die Geschichte einer Generation, einer Freundschaft und vor allem eines Mannes aus – die Geschichte eben jenes Henry White, den der erste Satz programmatisch vorstellt.
    Henry White ist, wie der Autor selbst, ein polnischer Jude, dessen Familie nach dem Krieg in den Westen aufgebrochen ist – nach Amerika, in das Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Mit einem Vollstipendium kommt er nach Harvard, studiert dort zuerst Klassische Philologie und danach Jura. Später praktiziert er als Anwalt.

    Kaum jüdischer als ein geräucherter Schweineschinken

    Auf der Folie dieses scheinbar schlichten Plots breitet Begley ein präzise beobachtetes Sittengemälde der amerikanischen Upperclass der frühen Nachkriegszeit aus. Dreh- und Angelpunkt seiner Schilderungen ist die Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler Sam Standish und seinen Zimmergenossen Archibald P. Palmer III. (kurz: Archie) und Henry White. Während Standish, dessen Eltern zwar ein tristes, verkorkstes Leben führen, aber einer traditionsreichen neuenglischen Familie entstammen, und Palmer als Sohn eines hochrangigen Offiziers die amerikanische Oberschicht repräsentieren, hat White – geborener Weiss – gegen die unterschwelligen antisemitischen Ressentiments der scheinbar besseren Gesellschaft zu kämpfen. Er ringt mit seinem Jüdisch-Sein, fühlt sich zwar „kaum jüdischer als ein geräucherter Schweineschinken“, kann jedoch nie seiner Herkunft vollständig entrinnen.

    Mehr als die Hälfte des Romans lässt sich Begley Zeit, diese Themen zu entwickeln. In Harvard, dem Epizentrum der intellektuellen amerikanischen Oberschicht, liegen die Konflikte einer ganzen Generation offen: Hinter der biedermeierlichen Fassade der penibel korrekt eingehaltenen Etikette schlummern Sexbesessenheit, Alkoholismus, Klüngelei und Antisemitismus.
    Dabei ergibt die Mischung aus Henrys fast essayistisch zu nennenden Reflexionen über die Natur seines Jüdisch-Seins und dem nüchternen Porträt der amerikanischen Oberschicht einen wunderbaren amerikanischen College- und Gesellschaftsroman von geradezu herausragender literarischer Qualität.

    Zu viel des Guten

    Leider aber belässt es Begley nicht dabei. Der genaue Blick auf den Harvardschen Mikrokosmos Anfang der fünfziger Jahre weicht im letzten Drittel des Romans einem eiligen Durchmarsch durch die folgenden Jahrzehnte. Was der Autor in den vorangegangenen Kapiteln mit feiner Feder andeutete, wird nun lautstark herausgeschrieen: Archie stirbt an den Folgen seines übermäßigen Alkoholkonsums und seiner Liebe zu schnellen Autos, Henry kämpft auch als Anwalt gegen den latenten Antisemitismus der Highsociety und gleicht sich im Umkehrschluss nahezu vollständig seiner Umgebung an, was wiederum den bereits in Harvard entwickelten Konflikt mit seiner Familie zu einem tragischen Endpunkt führt usw. Chronist dieser Ereignisse bleibt Sam Standish, der inzwischen ob seiner nüchternen Beobachtungsgabe zum gefeierten Starautor aufgestiegen ist.

    Begley will des Guten zu viel: Ein Gesellschaftspanorama über fast vierzig Jahre hinweg, Wirtschaftskrimi, Familiendrama, Intellektuellenroman und nicht zu vergessen eine tragische Love-Story. So viele Genres gehen auch in den Händen eines ausgewiesenen Meisters nur in höchst seltenen Fällen eine fruchtbare Symbiose ein.

    Als Begley dann zu allem Überfluss seinen Roman auf den letzten Seiten noch zu einer – natürlich ebenfalls eilig erzählten – Aussteigergeschichte werden lässt, wird endgültig klar, dass der Autor die Gewalt über seinen Stoff mit zunehmender Wegstrecke verloren hat. Das originäre Problem des Romans ist also weder ein stilistisches noch ein poetisches – es ist vielmehr im weitesten Sinne ein architektonisches. In der vorliegenden Form ist das Romangebäude, um im Bilde zu bleiben, vom Einstürzen bedroht.

    So ist Ehrensachen ein teilweise wunderbarer, teilweise misslungener Roman eines der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren geworden. Ein Roman, dem man allerdings trotz aller Einschränkungen viele Leser wünschen würde.    
                        
    Sebastian Karnatz


    Louis Begley: Ehrensachen. Aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger. Suhrkamp 2007. 445 Seiten. 19,80 Euro.

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