Finnland ist wie Sizilien. Geschichts- und Kochbücher beweisen es: Beiderseits Hackfleischgerichte und Obrigkeitshass. Das Wetter - nun gut... Man kann nicht alles haben, nicht einmal als Produzent für Paramount Pictures. Aber solange sich Pirjos Schänke in der Rajametsäntie in eine Trattoria verwandeln lässt, kommt Hollywood auch mit ein paar Grad weniger aus; zumal wenn es billiger ist und die Mafia zuhause bleibt.
Was liegt also näher, als den Klassiker Der Pate in Helsinki zu drehen? Produzent Ruddys Kalkül ist so simpel wie gerissen: Coppola macht als Neuling ohnehin alles mit, Brando geht es nur ums Geld, egal wo, Pacino und Caan werden nicht gefragt.
Dies jedenfalls möchte uns Kari Hotakainens Roman Lieblingsszenen glauben machen. Dabei bildet seine geklitterte Filmgeschichte, die ausgerechnet einen Meilenstein des amerikanischen Kinos in die Tundra versetzt, nur die Kulisse. Denn die Familie, um die es im Roman geht, sind nicht die Corleones, sondern die Kytöniemis aus der Neubausiedlung Maunula, Helsinki.
Raimo Kytöniemi ist Schlosser und arbeitslos. Sozialkritik hin oder her, ist gerade das für ihn ein idealer Zustand: Während seine Frau Möbel verkauft und sich um Kinder, Küche, Kaltfront kümmert, hat der Filmverrückte fast unbegrenzt Zeit, den finnischen Rundfunk mit Wiederholungswünschen zu traktieren. Seinem Lieblingsregisseur Mikko Niskanen schickt er außerdem Bulletins seiner cineastischen Sitzungen. Leitthema: die Metaphysik der Gewalt und die Unterlegenheit des schwedischen Films.
Als just Niskanen die Dreharbeiten zum Paten mit koordinieren soll, sieht Raimo seine Chance gekommen. Von jemandem, der Niskanens Acht Todeskugeln so oft gesehen hat wie er, kann der „Grünschnabel“ Coppola nur profitieren. Mit entsprechender Jovialität akzeptiert Raimo die Stelle als "Berater", die er sich selbst anbietet, und geriert sich fortan als Pate des Paten. Gerade er sollte eigentlich wissen, dass die Familie keinen Verrat verzeiht, erst recht nicht, wenn der Herr Experte nicht eine einzige Finnmark nachhause bringt. Die Corleones schießen so was aus, Ehefrau Ilona schwingt die Bratpfanne.
Schon deshalb ist Finnland nicht Sizilien. Das Pathos ist schwerblütig, schlecht gekleidet und von einer Komik, die aus der Kälte kommt. Das erwartet man, wenn man außer den Figuren aus Aki Kaurismäkis Filmen keinen Finnen kennt. Und der Roman enttäuscht einen nicht. Auf der Folie des vergleichsweise farblosen Filmteams, dem allein Marlon Brando als Satyr und Philosoph ein bisschen Glanz verleihen darf, schimmern Raimos lakonisches Schwadronieren und Ilonas Tiraden wie Nokia-Reklamen. Sie ragen heraus aus der grotesken Fiktion, die Hotakainen durch seine Neuverfilmung des Paten schafft, als vitales Gegenbild der Familie, die die Filmschauspieler eben nur spielen. Ihre Konflikte erscheinen allzu real, auch wenn sie selten realistisch erzählt werden. In den harten Schnitten, der Plastizität, mit der Innerlichkeit nach außen verlegt wird, und dem Popcorn, das daraus mitunter entsteht, ist dieses Buch Kino. Seine simple Ästhetik jedoch gilt für alle gelungene Kunst: Es führt auf, was man kennt oder meint zu kennen, mit Bildern, die man noch nicht gesehen hat.
Mathias Tretter
Kari Hotakainen: Lieblingsszenen. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster.
Fischer Taschenbuch 2004. Taschenbuch. 9,90 Euro. ISBN 3-596-15384-0
Gebunden: S.Fischer. 348 S. 22 Euro. ISBN 3-10-033640-2 ¤