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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 06:37

     

    Paul Torday: Lachsfischen im Jemen

    09.04.2007


    Propheten in der Wüste


    Ein Debütroman zu einem derart heiklen Thema: mutig. Nicht viele Autoren würden es fertig bringen, die psychologischen und politischen Implikationen des Lachsfischens derart packend auszuschreiben, wie es hier Paul Torday macht, Engländer, neu im Literaturgeschäft, aber ein Veteran an der Angel.

     

    Melvilles Erzähler Ishmael macht es ganz zu Beginn seiner Erzählung klar: es gibt Momente, in denen ein Mann einfach ans Wasser muss, aufs Wasser, etwa um zu angeln. Gut, die Fahrt der Pequod kann man nur mit viel Grobheit im Ausdruck als Angeltrip, nach eben einem Über-Wal, beschreiben, aber die Mechanismen bleiben doch die gleichen, egal, ob man nun die Angelrute oder doch eher eine Harpune schwingt. Mann stellt sich zuerst dem Wasser und dann dem Dämon Fisch/Wal. Bei Torday strahlt dieser Dämon eine meditative Ruhe aus, die sich über die gesamte Erzählung legt wie ein zufriedenes Grinsen, was dem Ganzen auch gleich jede politische Brisanz nimmt, die das Buch eventuell haben könnte, weil es in den Nahen Osten zieht, anstatt sich über die Eigenheiten des Lachsfischens in Oberammergau oder in der hohen Tatra auszulassen. Im Jemen also schwimmen sie oder vielmehr noch nicht: ein jemenitischer Scheich mit einer Dependance in Schottland hat eine Vision. In dieser Vision sieht er, wie seine Landsleute sich friedlich an einem Wadi in der Wüste einen, um dort die Rute nach Lachsen zu schleudern. Von dieser Prämisse erholt sich der Roman glücklicherweise nicht mehr – und man merkt, welch diebische Freude es Torday macht, so eine drollige Idee nicht nur gehabt zu haben, sondern sie auch zu schreiben, gewissermaßen als Friedensplan der ganz besonderen Art, der eben mal aus der englischen Fischereibehörde kommt, nicht aus einer historisch schweren Stätte wie Camp David.

    Ein halber Briefroman

    Torday macht sich das Geschäft etwas einfacher, wenn er große Teile der Handlung in Form von geschäftlichen Briefen abrollt, gibt dem Ganzen damit aber auch eine offizielle Note, die die Erzählung braucht – schließlich schaltet sich mit einiger Stilsicherheit bald die britische Regierung ein und will auf den PR-Zug hüpfen, den das absonderliche Projekt stellt. Sogar Premierminister Jay Vent, ein karikaturesker Verschnitt des derzeitigen Noch-Premiers Blair und mindestens so erfahren wie dieser im Bereich des medientauglichen Nahkampflächelns, nimmt sich der Sache an, fliegt schließlich in den Jemen, um an der Eröffnung des Projekts teilzunehmen. Man setzt die besagten Lachse natürlich nicht in irgendeinem beliebigen Teich aus – Flutwelle! – sondern, das hebt die Aktion vom Außergewöhnlichen ins Exzentrische, in einem Wadi, einem eigentlich trocken liegenden Tal, das nur nach lang anhaltenden Regenfällen Wasser führt, dann aber schlagartig. Die Lachse sollen also während der wasserreichen Regenzeit dazu bewegt werden, den Wadi von unten nach oben zu durchwandern, um an seinem Ausgangspunkt dann das Laichen aufzunehmen. Um die Wandererfahrung authentischer zu machen, baut man Barrieren und Rutschen ein und hofft für den Sommer, oder überhaupt alle Monate außerhalb der Regenzeit, auf Auffangbecken, in denen die temperaturempfindlichen Lachse vor der notwendig hohen – so ein Wadi setzt halt auch ein gewisses Maß Wüste voraus – Wassertemperatur geschützt werden können. Das ist die knappe, stümperhafte Zusammenfassung einer Mechanik, die das Buch so liebevoll erklärt, dass man meinen könnte, Torday habe neben dem Manuskript für den Roman auch schon einen Packen Konstruktionszeichnungen und warte nur noch auf die Reaktionen der Öffentlichkeit, um dann in den Nahen Osten aufzubrechen. Die Liebe zum aberwitzigen Projekt und vor allem zum Fisch zieht das Buch kräftig voran, auch wenn ich mich gerade außer Stande sehe, mit Recherchen nachzuhelfen, ist es doch, glaube ich, eine sichere Sache, wenn man vermutet, dass dem Fisch und vor allem dem Lachs an sich schon lange nicht mehr ein derart glühender Tribut gezollt wurde.

    Beziehungen zwischen Menschen und Fischen

    Erzählerisch wird das umgesetzt dadurch, dass der Protagonist des Romans ein Experte der Fischereibehörde ist, der vom Jemen-Projekt bald so eingenommen ist, dass er seine Umwelt nur noch wenig wahrnimmt. Alle menschlichen Beziehungen – etwa seine scheiternde Ehe oder sein Flirt mit der hübschen Kollegin – hängen sich an den Erzählkern „Fisch und Mann“ irgendwo seitig an, werden zu wenig ausgeführt und nicht schlüssig verbunden. Torday kann allerdings einen Sinn von Macht in die Erzählung transportieren, wenn er Jay Vent und seinem übereifrig-hechelnden Adjutanten Peter Maxwell immer wieder Einsatzzeiten in der Erzählung gewährt. So kann man den Roman vielleicht auch als Parodie der oft unbeholfenen Nahost-Politik des Westens lesen, als Parodie vielleicht der wenig zielgerichteten Entwicklungshilfe, denn die ist das Lachsprojekt im Jemen natürlich auch. Das aberwitzige Unterfangen scheitert dann ja schließlich auch grandios. Der Premierminister steht im Wadi, ist selig versunken in sein Spiel mit der Angelrute: da rauscht von hinten die Flutwelle an und nimmt ihn mit und gleichzeitig auch den Scheich, der das Projekt finanzierte. Mit dem Scheich stirbt ein Traum von Menschlichkeit. Irgendwie liest sich der Gute ja doch wie eine Mischung aus Kofi Annan und Mutter Theresa, wenn er immer wieder ernsthaft die friedensstiftende Seite des Lachsfischens anführt, die er seinem Volk nahe bringen will als Friedensnukleus in einer unruhigen Nation. Angelruten statt Bomben! – und Frieden könnte so einfach sein.

    Daniel J. Gall


    Paul Torday: Lachsfischen im Jemen. Deutsch von Thomas Stegers. Berlin-Verlag 2007. Gebunden. 320 Seiten. 19,90 Euro.

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