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Sonntag, 26. März 2017 | 05:33

 

Harald Martenstein: Heimweg

04.04.2007

 
Auf der Suche nach den Martenstein-Qualitäten

Harald Martenstein hat einen Roman geschrieben, der seine Fans enttäuschen wird. Liegt das am Buch oder an den Erwartungen?

 

Es ist schwierig mit den Journalisten, Kolumnisten, Rezensenten, die plötzlich zu Romanautoren werden (oder schon jahrelang heimlich Romane geschrieben haben und es jetzt erst zugeben). Man ist begeistert von ihren Texten in den Zeitungen, und wenn man erfährt, dass sie einen Roman geschrieben haben, erwartet man die Qualität ihrer Zeitungstexte auf zweihundert bis dreihundert Seiten. Nach zehn bis zwanzig Seiten aber ist man schwer enttäuscht. Dann nimmt man sich vor, das Buch ab sofort ohne Erwartungshaltung zu lesen, um sich die Lektüre nicht komplett zu verderben. Aber man bleibt enttäuscht.

Enttäuscht war man bei Roger Willemsens Kleine Lichter, einem verkitscht-rührseligen Roman über eine Koma-Liebe. Und enttäuscht ist man jetzt bei Harald Martensteins Roman Heimweg. Wo sind da die Alltagsentdeckungen, die Lakonik der Kolumnen, die Skurrilitäten und die Prägnanz? Wenn es die Prägnanz und die Kürze sind, die die ZEIT-Kolumnen von Martenstein so einmalig machen, kann und soll ein Martenstein-Roman naturgemäß keine verlängerte ZEIT-Kolumne sein. Aber Heimweg erinnert in nichts an die Kolumnen: weder im Sprachduktus noch in der Skurrilität. Das muss nicht unbedingt mittelmäßig sein, ist es in diesem Fall aber schon.

Weit ausholendes Erzählen

Joseph, ein Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg, und Katharina, seine Frau, die als Prostituierte den Krieg überlebt hat, wohnen in einem der Wirtschaftswunderbauten und haben sich nichts mehr zu sagen. Joseph fühlt sich betrogen: um sein Leben, seine Liebe, die Anerkennung, die er als tapferer Soldat verdient hätte. Aber er ist pflichtbewusst: Er sucht sich einen Job, liebt weiterhin seine Frau und erledigt auch die Hausmeisterarbeiten ganz passabel. Und natürlich ist er geizig und hasst Verschwendereien, so wie alle Kriegsheimkehrer, die Not erleben mussten.

Katharina dagegen gibt irgendwann ihren Nebenverdienst als Prostituierte auf und wird auf eine liebenswerte Art und Weise schizophren. Um das zu erklären (obwohl es eigentlich keiner Erklärung bedürfte), holt Martenstein weit aus: Katharinas Vater, ebenfalls schizophren, trifft in seinem Wahn seinen Großvater wieder, den Räuber Heigl, eine Art bayrischen Robin Hood, dessen Leben in Auszügen geschildert wird. Neben diesen Figuren gibt es noch Katharinas Schwester Rosalie, ihren Mann Fritz, mehrere Kriegsverwundete, die Nachbarn von Joseph und Katharina, und auf den letzten zehn Seiten taucht sogar noch Josephs Bruder auf. Die Geschichte spannt sich über sieben Generationen und wird erzählt aus der Perspektive eines imaginären Enkels, ohne dass Katharina und Joseph jemals Kinder gehabt hätten.

Ein wenig geplaudert, ein wenig fabuliert

Das klingt arg verwirrend, ist es aber nicht, sondern locker und vollkommen selbstverständlich dahinerzählt. Aber der Text verfügt weder über eine Spannung, noch merkt man den einzelnen Passagen eine innere Notwendigkeit für die Gesamtdramaturgie an. Das ist dann vielleicht doch wieder der Kolumnenstil: ein wenig geplaudert, ein wenig fabuliert – ein Stil, der auf langer Strecke jedoch nicht funktioniert. Martensteinsche Qualitäten hat Heimweg jedenfalls nur an sehr wenigen Stellen, zum Beispiel, wenn von den vier apokalyptischen Reitern die Rede ist, die im Bayrischen Wald ihr Unwesen treiben und sich gegenseitig ärgern: „Der Hunger aber stichelte die ganze Zeit gegen die Pest. Gegen Pesterkrankungen gab es nämlich inzwischen ganz brauchbare medizinische Mittel, im Grunde, sagte der Hunger, sei die Pest als apokalyptischer Reiter überhaupt nicht mehr ernst zu nehmen […]. Der Krieg wiederum war wegen der neuen Erfindungen in der Artilleriewissenschaft in einer Weise selbstgefällig geworden, dass mit ihm nicht mehr vernünftig zu reden war.“ Viel mehr Martenstein ist in dem Roman nicht zu finden.

Fest steht, dass die Schwierigkeit bei den plötzlich Romane schreibenden Journalisten, Kolumnisten, Rezensenten nicht nur in der Enttäuschung über die Lektüre liegt, sondern auch in der anschließenden eigenen journalistischen Verpflichtung. Der Verriss eines Buches von einem geliebten Journalisten tut ein wenig weh. Denn man mag ihn doch so gerne! Und irgendwie hat man die Enttäuschung ja auch schon geahnt. Still legt man also danach das Buch zur Seite und schaut nach dem Verriss schuldbewusst in die Zeitung: Na bitte, das ist schön, denkt man, und vergisst den zweihundertseitigen Ausrutscher und seinen eigenen unangenehmen Eindruck.

Katharina Bendixen


Harald Martenstein: Heimweg. Roman.
C. Bertelsmann 2007.
Gebunden. 220 Seiten. 18,00 Euro.

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