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    TITEL kulturmagazin
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    Anna Mitgutsch: Zwei Leben und ein Tag

    25.03.2007


    Scheitern wie Melville


    Aus ihren Erinnerungen an Melville und aus der fiktiven Familiengeschichte hat Anna Mitgutsch einen sprachmächtigen Kosmos des Scheiterns arrangiert.

     

    "Was habe ich falsch gemacht?" Mit dieser Frage quält sich die weibliche Hauptfigur Edith im achten Roman der österreichischen Autorin Anna Mitgutsch durchs Leben. Die todkranke Protagonistin lässt in einer Flut von nicht abgeschickten Briefen ihr Leben Revue passieren: ihre gescheiterte Beziehung zu Leonhard, den potenziellen Empfänger der Post, das Schicksal des gemeinsamen Sohnes Gabriel, der seit einer frühkindlichen Erkrankung zum Autismus neigt, und nicht zuletzt das eigene Scheitern, das aufs Engste mit Leonhard und Gabriel verknüpft ist. Zwar befindet sie für sich selbst, dass sie "den Verdächtigungen Fremder zum Trotz nicht schuldig" sei, doch latent schwingen Selbstanklagen immer zwischen den Zeilen mit.

    In jungen Jahren hat das Paar gemeinsam über den amerikanischen Romancier Herman Melville (Moby Dick) geforscht und sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, eine bahnbrechende Biografie zu verfassen. "Ich jedenfalls habe es nötig, mich ein wenig an der Glut des fremden Lebens zu wärmen", erklärte Edith ihre Affinität zu Melville. Doch die Glut erkaltete schnell, das Projekt blieb Fragment, und das Scheitern Melvilles, der zu Lebzeiten weit unterschätzt und von seiner Familie zu einem "normalen" Leben aufgefordert wurde, wurde prägend für Ediths weiteren Lebensweg.

    Dramatischer Untergang

    Anna Mitgutsch, die selbst einige Jahre in Seoul gelebt hat, schickt das Paar in die südkoreanische Hauptstadt, wo Leonhard nach seiner Doktorarbeit über die Nebenfiguren in Melvilles Romanen eine Bibliothek aufbauen soll. Wie die Nomaden ziehen sie um den Erdball und mit ihnen Sohn Gabriel, der nirgends Anschluss findet, sich immer stärker von der Umwelt abkapselt und für die Beziehung zu einer echten Zerreißprobe wird.
    Den zum großen Pathos neigenden Leonhard ("Wer nie versagt hat, dem fehlt es an Größe") zieht es schließlich zu einer jüngeren Frau, und Edith laviert sich mehr schlecht als recht als Kunsthändlerin durch den Alltag.

    "In meinem Schreibtisch habe ich eine Liste griffbereit, auf der ich die besten Stunden meines Lebens aufgeschrieben habe. Für den Fall, dass ich sie vergessen habe, wenn ich Trost brauche", heißt es in einem von Ediths Briefen an Leonhard, die sie stets mit "In Liebe Deine Edith" unterzeichnete.
    Das Ende der Handlung ist Sohn Gabriel gewidmet, der am Grab der inzwischen verstorbenen Edith Zwiesprache mit seiner Mutter hält und sich auf dem Weg zum Vater befindet. Er ist inzwischen um die Dreißig, hat zwei Ausbildungen abgebrochen und ist ohne die schützende Hand der Mutter völlig hilflos. Sein dramatischer Untergang war für den Leser absehbar - vorgezeichnet durch Herman Melville, dessen Vater im Wahnsinn endete und dessen Bruder sich als 16-jähriger erschoss.

    "Erinnern und Erfinden" hatte die 57-jährige Linzerin Anna Mitgutsch jüngst ihre Poetikvorlesungen in Graz betitelt. Aus ihren Erinnerungen an Melville und aus der fiktiven Familiengeschichte hat die ausgebildete Anglistin einen sprachmächtigen Kosmos des Scheiterns arrangiert.

    Peter Mohr


    Anna Mitgutsch: Zwei Leben und ein Tag. Roman. Luchterhand Verlag. 349 Seiten. 19,95 Euro.

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