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John OHara: Begegnung in Samarra

04.03.2007

Die Geschichte eines Autounfalls

John O’Hara (1905-1970) ist eine Ikone der modernen amerikanischen Literatur, hängt als solche aber bestenfalls in einem Alkoven an der Seite - ein manischer Schreiber-Wüstling, der seinen Debütroman Begegnung in Samarra Anfang der 1930er-Jahre in einem Quartal runter zwang und prügelte. Eigentlich kann man das Buch nur ununterbrochen loben.

 

Es hört alles mit dem Tod auf, es fängt alles mit dem Tod an, hier in der Version von William S. Maugham, aus dessen Stück Sheppey (1933) O’Hara im Vorklapp zitiert. Maugham (und O’Hara mit ihm) erzählt eine kleine Episode – vom Tod in Bagdad. Ein Diener wird auf dem Basar von Bagdad von Gevatter (oder eher: von Mutter) Tod angerempelt, leiht sich das Pferd seines Dienstherren und flieht nach Samarra, einer Stadt nördlich von Bagdad. Als der Dienstherr den Tod zur Rede stellt, entgegnet dieser geradezu angsteinflößend höflich, dass er den Diener nicht verängstigen wollte, er sei nur erstaunt gewesen, ihn in Bagdad zu sehen, wo er doch am selben Abend eine Verabredung mit ihm in Samarra haben werde. Der Tod kommt unausweichlich, egal, welche Manöver man fährt, um ihn abzuschütteln: das ist die Lehre dieser wunderlichen kleinen Parabel zur Einleitung und gleichzeitig die wichtigste Handlungslinie des nun folgenden Romans.

O’Hara will dabei die Geschwindigkeit, das bringt auch die Übersetzung von Klaus Modick, selbst ein erfolgreicher und mutiger Schreiber, Erzähler und Stilist, gut hervor. Sätze werden auf einen Effekt hin gepeitscht, gehen nahtlos ineinander über, ohne dass der Erzähler einmal nach Luft schnappen würde. Die Parataxe führt ihr Regiment in aller Gefälligkeit und installiert diese scharfe erzählerische Präzision, die auch Hemingway bekannt machte – ein Hoch auf die wortkargen Erzähler, denen man die Geschichte trotzdem nicht aus der Nase ziehen muss. Zwischendurch werden immer wieder Dialogfetzen und Halbunterhaltungen aneinander vorbei eingefügt, und natürlich ist die Handlung auch brutal auf den kurzen Raum von gerade einmal drei Tagen gerafft: den Weihnachtstagen des Jahres 1930.

In einem kleinen, moderat wohlhabenden Kohlennest in Pennsylvania verliert der kleinmagnatische Automobilhändler Julian „Ju“ English die Lust zur Beherrschung und haut seinem Geschäftspartner ein Glas Whisky ins Gesicht, samt Eiswürfeln. Drei Tage später ist Julian tot, im Suizid gerichtet und in den Abgasschwaden seines Wagens. Natürlich muss er im Auto sterben – in seinem Nachwort zum Roman hebt John Updike die Schwere hervor, die das Automobil als amerikanisches Symbol, als ganze Verkörperung der Industrialisierung trägt. Die nahm im Herbst 1929 natürlich einen kräftigen Schlag vor den Bug, und auch hier fallen Wohlstandsszenarien nahtlos auseinander, kriechen kleine Schuldenberge in die scheinende Lebenswelt von Julian. Was sollte er da anders sinnvolles tun, wenn nicht dem Hauptinvestor seines Autohauses den Drink ins Gesicht schütten, um so das Ende zu begießen? Nichts, das Ende kommt unausweichlich und zwingt zur Aufgabe.

Zivilisationsmüdigkeit im Kleinstadt-Biotop

Drei Jahrzehnte nach Begegnung in Samarra zeichnete Kurt Vonnegut in Cat’s Cradle – Katzenwiege eine Welt, der es so langweilig ist und der so sehr jede Motivation fehlt, dass sie lustwillig zu Eis erstarrt. Nichts anderes bietet O’Hara seinen Charakteren – eine eisige, verschneite Welt, in der selbst alle Handlungsroutinen so grundlangsam und gelangweilt abrollen, als befände sich die Welt in den letzten qualvollen Zügen. Das Einzige, was in dieser Pennsylvania-Kleinstadt Geschwindigkeit aufnimmt, sind Gerüchte. Julian braucht nicht mehr als einige Stunden, um zum Pariah zu werden und arbeitet auch noch kräftig auf seinen Ausschluss hin. Der Whisky-Episode folgt noch eine Schlägerei und ein kleines, verunglücktes Tête-à-Tête mit einer Sängerin, und schon steht er an der Außenseite eines jeden seiner sozialen Zirkel. Da ist seine Ehe eingeschlossen – natürlich verliert auch seine Frau die Geduld mit Julian. Die Charaktere leben in einem seltsamen sozialen Gefüge, das alle Mühe aufbringt, ein striktes Moraldogma in jeden Lebensbereich zu transportieren, so dass Tabu-Wörter wie „Scheidung“ als Skandalmaterial taugen – dass sich dann aber in einem manischen Hang zum Egozentrischen nicht im Geringsten kümmert, was der Einzelne daraus macht. Jeder ist für sich, ohne jede Persönlichkeit und Bewusstsein (dazu passt es, dass sich niemand an die Prohibition hält: getrunken wird viel und energisch), reduziert zu einer kleinen Variablen in einem Spiel, das die geringste Regelüberschreitung mit dem sofortigen Aus sanktioniert. Es sind ganz enge Spielregeln, die Julian hier überschreitet, noch weiter eng gemacht von den ethnisch-religiösen Zaunfehden, die seine Kleinstadt aufteilen. Ein Leben außerhalb dieser Spielregeln kann nicht gedacht werden, daraus bezieht der Roman seine melancholisch-fatalistische Note. Selten wurde Zivilisationsmüdigkeit und Müdigkeit an der Zivilisation so stark in Worte gehauen wie in Begegnung in Samarra. Als reines Sittenbild ist der Roman zu schade, auch wenn O’Hara zu scharf sieht, als dass er all die kleinen gesellschaftlichen Selbstgefälligkeiten unerwähnt lassen könnte, die man im Kleinstadt-Biotop findet – all die kleinen Schmierereien und Stechereien zwischen Ärzten, Priestern, katholischen und protestantischen Geschäftsleuten und allen sonstigen Honoratioren.

Ein Außenseiter des literarischen Establishments

O’Hara war bei allem (auch kommerziellen) Erfolg ein Außenseiter geblieben, am Rande eines literarischen Establishments, dessen Zentrum er okkupieren wollte. Wenn Harold Bloom die Begegnung in Samarra in seinen Literaturkanon einschließt, scheint das wie ein Tribut an einen Toten, eine nachträgliche Entschuldigung im Namen einer Literaturwelt, die seine Ambitionen bestenfalls missbilligend zur Kenntnis nahm. Der andere große amerikanische Schriftsteller seiner Generation, John Steinbeck, erhielt den Nobelpreis, auf den O’Hara gehofft hatte, und das zu einem Zeitpunkt (1962), als Steinbeck seinen überschrittenen Zenit schon nicht mehr sah. Die Kurve, die er erst ganz gegen Ende seiner Karriere in den späten 1950ern und frühen 1960ern einschlug, die Kurve weg von der sozialen, nationalen Bühne hin zur kleineren, wüsteren Bühne des Einzelnen, hatte O’Hara schon drei Jahrzehnte vorher gefunden und bewältigt. Steinbeck hielt man erst spät seine realpolitisch konservativen Positionen vor, O’Hara hingegen hörte diese Beschwerden seine gesamte Karriere hindurch, und viel davon sieht man schon im vorliegenden Roman: wenn hier gesellschaftliche Triebkräfte existieren, dann zerstören sie nicht sich selbst, sondern das Individuum, woraufhin sich dieses wie in einem Opferdienst aufgibt, in seinen Wagen einschließt und stirbt ... und so weiter: am Ende, siehe oben, steht der Tod als einziger Ausweg und hält die Tür offen. Ändern wird sich nichts, niemals.

Daniel J. Gall


John O’Hara: Begegnung in Samarra. Deutsch von Klaus Modick. C.H. Beck 2007. Gebunden. 320 Seiten. 19,90 Euro.

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