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Vikram Chandra: Bombay Paradise

25.02.2007

Der Sikh ist zurück

Sie stinkt, rauscht, brummt, wischt und jetzt fliegt sie auch noch fast in die Luft: Mumbay-Bombay, die unendlich große Metropole, in die Chandra sein Epos legt. Der zweite Teil liegt nun vor, ist im Vergleich zum ersten geradezu dünn auf der Brust und äußerst appetitlich zu lesen.

 

Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit das Glück, das Vergnügen, ach, was sage ich, das Privileg, den Roman Der Gott von Bombay zu besprechen, dessen zweiter Teil – und das ist das Buch auch, keine Fortsetzung – hier jetzt vorliegt. Ich meine, mich mit Schrecken an diese Erfahrung erinnern zu können, an einen Ringkampf mit einem Buch vom Format eines Ziegelsteins, das ich lieber eingemauert als gelesen gesehen hätte. Nun ritt sich also der zweite Teil der Saga im Lesestapel von unten nach oben und lag und wartete und machte Angst: bis ich ihn las. Die nah-traumatischen Erinnerungen an den ersten Teil zerstoben und machten einer großzügigen Portion Begeisterung Platz – was ist Bombay Paradise ein Kracher von einem Roman, was steckt hier an erzählerischer Gewalt! Der Gott von Bombay hatte die werte Leserschaft auf die Spur von Kommissar Sartaj Singh gesetzt, dem einzigen Sikh-Kommissar der Bombayer Polizei (der jetzige indische Premierminister ist auch einer – ein Sikh, nicht ein Kommissar der Bombayer Polizei), dessen Energie in die Verfolgung von Ganesh Gaitonde floss, einem verrufenen Granden der indischen Unterwelt, durch dessen Tentakeln Geld, Gewalt und Einfluss fließen. Sartaj stellte den Übelwicht in seinem Atomschutzbunker, als dieser sich gerade den Lauf einer Handfeuerwaffe oral verabreichte, um Blei zu schlucken. Bombay Paradise nun rollt die Geschichte auf, gibt Gaitonde das Mikrofon in die Hand, und der Mafioso nutzt die Chance und fährt einen immer noch sehr, sehr langen, aber doch auch sehr eindrucksvollen inneren Monolog ab, an den man als Leser das Ohr legen kann. Dabei fallen keineswegs nur die Inventarstücke auf die Monolog-Bühne, die man erwarten könnte. Ja, als stilgerechter und schwerreicher Gangster baut Gaitonde natürlich fließend Jachten, Autos und unzählige Frauen in sein Leben – unterhält seine zutiefst erlebte Beziehung nicht etwa zu irgendeinem Statussymbol oder zu seiner blutigen und notwendig rücksichtlosen Mafiaschieberei, sondern zu einem Guru – Guru-ji –, der sein Bewusstsein in den ewigen Zirkel von Untergang und Wiedergeburt einfügt. Freilich nimmt Guru-ji den Zirkel so ernst, dass er den ersten Teil, Zerstörung, gleich selbst bereitstellen und sich zum apokalyptischen Reiter aufschwingen will.

Stimmenvielfalt, einzigartige Perspektiven

Das ist kein originelles Szenario, im Gegenteil. Eine sehr ähnliche Situation setzte beispielsweise Gore Vidal in Kalki um, seinem Versuch einer lakonischen Apokalypse, in dem ein selbst berufener Auserwählter in vorgeblich hinduistischer Tradition zu der festen Ansicht kommt, es sei dann auch gut mit der Welt. In Kalki kommt es tatsächlich zur Apokalypse, Zivilisation und Welt gehen unter. Fügt man dieser Erzählsituation nun einen Sikh-Kommissar wie Singh hinzu – ändert sich erst mal gar nichts. Wenn es in Chandras Roman nicht zum Untergang kommt, liegt das nicht an Sartaj, sondern vielmehr an seinem Gegenspieler aus der Halbwelt, der nach und nach erfährt, dass sein innig geliebter Guru-ji ein größenwahnsinniger Wirrer ist, dem er schon zu lange mit allerlei Gefälligkeiten und Aufträgen (wie etwa dem Schmuggel atomarer Rohmaterialien) dient. Welche Motive es auch gibt für Guru-Jis, sie bleiben im Halbdunkel. Wenn der hinduistische Zyklus von Tod und Wiedergeburt angestoßen wird, dann eben von Gottheiten, nicht von Menschen mit Gottheitsphantasien – aber Chandra kann sich darauf verlassen, Ängste anzusprechen, die nicht nur in Indien sehr präsent sind. Besagtes Atommaterial fließt eben in den Bau einer schmutzigen Bombe, deren Zweck die Vernichtung Mumbays auf einen Knopfdruck ist, eine Angst, die das eingeweihte Polizeipersonal (im Roman) in gespannter Hyperventilation rotieren lässt. Chandra sitzt über der Schaltzentrale der Figuren gebeugt und hätte diese Ängste sicher noch gezielter ausspielen können, wenn er die Person des Guru-ji tiefer gemacht hätte, weniger kryptisch: sein Plot, so liest man es, ist die völlige Zerstörung Bombays unter Vorspiegelung eines radikal-islamischen Hintergrunds. Die dann wahrscheinlich ausbrechende ethnisch motivierte Gewalt, so will der Guru es, führe zur Destabilisierung der Weltgegend und letztendlich zum Weltkrieg. Das wird alles nur vage ausgeführt, die Ängste werden eben nicht mit allerlei „glaubwürdigem“ Faktenmaterial unterfüttert, bleiben unbestimmt und nehmen so nichts weg von der großen Stärke des Romans, dem ineinander verwirrten Spiel und Gegenspiel der Lebensgeschichten der beiden Hauptdarsteller. Die Stimmenvielfalt, die die indische Literatur so spannend macht, wird hier durch zwei Erzählfilter und zwei sehr einzigartige Perspektiven wiedergegeben.

Ein souveräner Erzähler

Chandra ist ein souveräner Erzähler, ein gekonnter Stilist, der die Erzählung locker schnell und langsam macht, wie es ihm gefällt, der so Ganesh Gaitonde unbemüht in den Wahnsinn peitscht, immer tiefer, bis bei seiner Suche nach irgendeiner Identität außerhalb des verrückten und für ihn so lebenswichtigen Guru-ji auch die letzte Firnis an Rationalität abgetragen ist, bis der Lauf der Pistole seinen Weg findet. Darin verwoben wirkt die Erzählebene von Kommissar Singh umso mehr wie das Yang zum Ying oder die Milch zur Schnitte: in stoischer Ruhe folgt er den Spuren, die Gaitonde zurücklässt und verliert erst die Fassung, als auch wirklich der letzte Einwohner Mumbays den Entschluss fasst, ihm auf die Nerven zu gehen. Beide, Kommissar und Gangster, sind die Stadt, können nicht ohne ihre Wolken von Gestank und Lärm und sinken immer wieder in den Schoß des Stadt-Molochs, der am Ende natürlich nicht in einem Atomblitz aufgeht. Die Stadt ist gerettet, und damit findet selbst dieses Buch langsam sein Ende.

Daniel J. Gall


Vikram Chandra: Bombay Paradise. Aus dem Englischen von Barbara Heller und Karin Bazum. Aufbau-Verlag 2006. Gebunden. 550 Seiten. 22,90 Euro.

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