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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:57

     

    Oliver Maria Schmitt: Anarchoshnitzel schrieen sie

    18.02.2007


    Eine Satirefibel für Pogoanarchisten


    Ein Roadmovie, das wenig Sinn und Zweck offenbart, aber genug Stoff für unglaublich witzige Abenteuer – eine Art
    In 80 Tagen um die Welt für Pogoanarchisten.

     

    Oliver Maria Schmitt beginnt seinen Debütroman Anarchoshnitzel schrieen sie. Ein Punkroman für bessere Kreise ganz harmlos. Er erzählt die fast unaufgeregt wirkende Anekdote des arbeitslosen Kunststudenten John Lydon, der in einem Kunststudentencafé andere Kunststudenten treffen will, jemanden wie John Simon Ritchie. Und während sich der eine John etwas später Johnny Rotten nennt, wird der zweite John zu Sid Vicious, und so wird schließlich aus einem kleinen Treffen eine der berühmt-berüchtigsten Punkbands – die Sex Pistols.

    Stilistisch folgt Schmitt dem Theorem des Schmetterlingflügelschlags, der eine wuchtige Wehe hinterlässt, die zumindest Musikgeschichte schreiben könnte. Könnte, denn Schmitt erzählt nicht die Geschichten der Ramones, The Clash oder irgendwelcher Killernietenbands mit wirklichem Erfolg. Er berichtet von der Gruppe Senf aus Hellingen, eine Art avantgardistische Schülerband aus einer geographischen, musikalischen und punkrocktechnischen Provinz. Eine Band, die im „Weichbild der Heimatstadt zur berühmtesten Punkband wurde, vor allem deswegen, weil es keine zweite gab“. Peter Julius Hein, wegen seines blassen Teints Zombie genannt, der etwas unbeholfene Drummer Hollo, die hübsche Itty Lunatic, die mit einem Sprühtank H-Milch ins Publikum schleudert, und andere kranke Gestalten bringen der Pampa den Punk näher. Die schwäbische Welt ist in Ordnung, die politische Linie in etwa klar: „Wir waren gegen Hippies, genauso wie gegen neue Autobahnen und alte Ansichten, gegen die Volkszählung, Heinrich von Kleist und Coca-Cola. Wir wären sogar gegen die Dezimalrechnung oder gegen das öffentliche Verkaufen und Verspeisen von Maultaschen gewesen, wenn das nur irgendwie gegangen wäre, denn wir befanden uns am Anfang des Protestalters und waren prinzipiell gegen alles.“ Das war 1982.

    Gefühlte zwanzig Jahre später setzt Schmitt die Geschichte der Gruppe Senf fort.
    Zombie-Peter-Hein ist zum IT-Techniker geworden, aus Hollo wurde der tablettensüchtige Dr. Hollenbach, Gitarrist Hector ist tot und Ex-Bassist Bodo ein Immobilien-Magnat mit Prachtvilla. Itty Lunatic ist zunächst einfach nicht auffindbar und vermutlich in der Ostzone verschollen. Peter Hein und Dr. Hollenbach beschließen natürlich die einzig mögliche Rettung aus ihrer Spießerwelt und gehen der Sucht der meisten irgendwann einmal erfolgreichen Bands nach: einem Revival! Man klaut ein Auto, hört Dead Kennedys und begibt sich in den Osten, um die Band zu reanimieren. Eine Art panischer Anflug von Sinnsuche, der sich ausgerechnet in der Wiedervereinigung einer grottigen Krawall-Combo mit Texten ausdrückt wie „Wir lieben die Stürme / Und brausendes Bier / Wir sind Gruppe Senf / Und spielen heute hier“. Ein Roadmovie, das wenig Sinn und Zweck offenbart, aber genug Stoff für unglaublich witzige Abenteuer – eine Art In 80 Tagen um die Welt für Pogoanarchisten.

    Genau dafür ist Schmitt der richtige Autor. Als ehemaliger Titanic-Chefredakteur, Musicalschreiber und Verfasser zahlreicher Satireschriften bastelt er aus dem kruden Grundstoff eine herrliche Sitcom für alternde Punkrocker. In einer wunderbar erfrischenden, zum Teil hingerotzten, zum Teil zutiefst sarkastischen Sprache irgendwo zwischen Jan Offs Vorkriegsjugend und Rocko Schamonis Dorfpunks wird dem Leser die Frage, ob man als Mittvierziger noch Punk sein kann, in immer wieder neuen skurrilen Situationen beantwortet. Man kann. Und wenn man selbst gar nicht mehr in der Lage dazu ist, wird man eben zum Punk gemacht. Bei ihrem Trip durch den Osten treffen Peter Hein und Dr. Hollenbach schwule Neonazis, Bratwurstsadistinnen und debile Apotheker mit Geheimgruß. Sie durchkreuzen gruselige Provinznester, halten in speckigen Imbissbuden und treffen schließlich doch noch die ehemalige Frontfrau Itty Lunatic, in die Peter Hein schon immer verliebt war. Genau, das auch noch. Das Buch wirkt wie eine Anekdotenlesung am Stammtisch, an dem man sich immer wieder gegenseitig überbieten muss. Schmitt liebt es, seine Protagonisten vollends aus der Bahn zu werfen und in immer neue Verstrickungen auf dem Weg zum ultimativen Sinn-Revival zu verheddern. Anarchoshnitzel schrieen sie ist eine herrlich kurzweilige Geschichte durchgeknallter Typen. Manchmal eklig, manchmal schlicht krank, aber immer interessant und spannend. Eben wie Punkrock. Mitmoshen lohnt sich.

    Jan Egge Sedelies


    Oliver Maria Schmitt: Anarchoshnitzel schrieen sie. Rowohlt-Verlag 2006. 304 Seiten. 19,90 Euro.

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