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Sonntag, 26. März 2017 | 14:59

 

Charles Lewinsky: Johannistag

04.02.2007


Ein Lehrerzimmer ist wie ein Dorf


Mit dem Roman
Johannistag geht Charles Lewinskys späte Erfolgsgeschichte weiter.

 

Er war schon sechzig Jahre alt, als ihm 2006 mit seinem euphorisch gefeierten Roman Melnitz, der vom Schicksal einer jüdischen Familie in der Schweiz über mehrere Generationen von 1871 bis 1946 erzählt, der literarische Durchbruch gelungen ist. Dabei hat Charles Lewinsky, der einige Jahre als Redakteur und Ressortleiter der Sendung „Wort-Unterhaltung“ des Schweizer Fernsehens gearbeitet hatte, schon früher viel geschrieben: sein erstes Theaterstück mit sechzehn, den ersten (unveröffentlichten) Roman mit Anfang zwanzig, später Theaterstücke, Sketche fürs Fernsehen, erfolgreiche TV-Drehbücher, an die 700 Liedtexte und das Drehbuch für den von Oliver Hirschbiegel in Szene gesetzten Kinofilm Ein ganz gewöhnlicher Jude mit Ben Becker. „Das ist auf die Dauer literarisch etwa so herausfordernd wie die alpinistische Besteigung eines Maulwurfshügels“, hatte Lewinsky über den Großteil seiner Lohnschreiberei geurteilt.

Nun hat der Nagel und Kimche Verlag seinen vor sieben Jahren erstmals (bei Haffmanns) erschienenen Roman Johannistag neu aufgelegt und sich damit (abseits der kommerziellen Aspekte) große Verdienste erworben. Johannistag kann es nämlich in jeder Hinsicht mit dem Erfolgsroman Melnitz aufnehmen. Hier wie dort bestechen die fein konturierten Charakterzeichnungen, das Gespür für die kleinen und großen menschlichen Schwächen sowie das behutsame Changieren zwischen Tragödie und Komödie.
Der Handlungsort ist das kleine französische Provinzdorf Courtillon. Dorthin hat es etwas unfreiwillig den Erzähler des Romans verschlagen. Der deutsche Studienrat hat sich mit einer Schülerin eingelassen und sucht nun in der französischen Einöde Ruhe und Abgeschiedenheit.

Gegen das Vergessen und Verdrängen

Doch es ist ein trügerisches Idyll. Hinter den Fassaden rumort es kräftig; zunächst vernimmt er nur die üblichen Dorf-Tratschereien, doch schon früh ahnt man als Leser, dass mehr dahintersteckt, dass dieser Mikrokosmos höchst explosiven Zündstoff birgt. Der Protagonist, der sich selbst in einem Stadium der privaten Vergangenheitsbewältigung befindet, resümiert: „Auch ein Lehrerzimmer ist wie ein Dorf.“ Die unangenehmen, störenden Dinge werden unter den Tisch gekehrt, um nach außen eine solide Ordnung zu demonstrieren.
Als es zu baulichen Veränderungen am Dorfrand kommen soll, vom Bürgermeister Ravallet, der von einer großen politischen Karriere träumt, als „Sanierung der Uferregion“ proklamiert, erwachen plötzlich wieder alte Feindschaften, deren Wurzeln tief in die Vergangenheit reichen. Ravallet wird von Jean genötigt, durch die Preisgabe einer fünfzig Jahre alten „Geschichte“, gegen das geplante Bauvorhaben zu stimmen.

Das harmonische Dorfleben ist dahin, und der etwas tumbe Polizist erhält in dem 1000 Schritte langen Ort plötzlich mehr Arbeit als ihm lieb ist. Die an den Rollstuhl gefesselte Greisin Milotte, die von ihrer Veranda aus rund um die Uhr jeden Bewohner akribisch auf Schritt und Tritt beobachtet, wird Opfer eines Attentats; die Madonnenfiguren des Dorfes werden durch angemalte Schnurbärte arg verunstaltet; eine Frau fällt aus dem Fenster; die junge Elodie zündet in der Nacht des Johannisfeuers ihr Elternhaus an; und ihr Vater kommt in den Flammen qualvoll ums Leben.

Die Vergangenheit scheint das Dorf eingeholt und die Gräben zwischen einstigen Kollaborateuren und Mitgliedern der Résistance wieder aufgeworfen zu haben. „Die Vögel fallen aus dem Nest“ lautete während des Zweiten Weltkriegs eine geheimnisvolle Parole in Courtillon. Nun sind alle Bewohner auf irgendeine Art aus ihren behaglich eingerichteten Nestern gefallen; das gesamte Dorf befindet sich in einem Zustand höchster innerer Erregung.
Charles Lewinsky hat mit Johannistag einen bedeutenden Roman gegen das Vergessen und Verdrängen, gegen Selbsttäuschungen und Selbstverleugnungen geschrieben. Und irgendwie kann man sich des unguten Gefühls nicht erwehren, dass Courtillon überall sein könnte.

Peter Mohr


Charles Lewinsky: Johannistag. Roman. Nagel und Kimche Verlag 2007. 316 Seiten. 21,50 Euro.

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