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Donnerstag, 30. März 2017 | 16:32

 

Thomas Harlan: Heldenfriedhof

21.01.2007


In den Fängen der Vergangenheit

Mysteriöse Leichenfunde, ein geheimnisvoller Einzelgänger und die Geschichte, die sie miteinander verbindet: Thomas Harlan verfolgt die Vergangenheit, die nicht vergehen will.

 

Auf dem deutschen Soldatenfriedhof von Triest, am Grab des am 26. Mai 1944 gefallenen SS-Majors Christian Wirth findet genau achtzehn Jahre später ein städtischer Angestellter vierzehn unbekannte Leichen in frisch ausgehobenen, offenen Gräbern. Wirths Leichnam hingegen ist verschwunden. Damit nicht genug des Mysteriösen: am Tag zuvor wurden ebendiese Ereignisse in dem Fortsetzungsroman „Heldenfriedhof“ eines unbekannten Autors mit dem Namen Heinrich Duerr in einer Triester Tageszeitung beschrieben. Die Spur der Ermittlungen führt zur Reismühle von San Sabba, in der das Personal der polnischen Vernichtungslager Belzec, Sobibór und Treblinka nach deren Schließung die Ermordung und Deportation von Juden, psychisch Kranken und Widerstandskämpfern fortsetzte.

Lumpen und Perlen

Was zunächst wie der Plot eines Thrillers um SS-Angehörige klingt, erweist sich schon beim ersten Satz, der sich über mehr als eine Seite erstreckt, als durchaus widerständiges, aber kunstvoll geschriebenes Stück Prosa, weitab von Thriller-Konventionen. Das Geheimnis der rätselhaften Leichenfunde wird bereits nach wenigen Seiten enthüllt. Kein mysteriöser Fall zu Beginn, von dem ein straffer Spannungsbogen schließlich zur finalen Aufklärung führt. Vielmehr sammelt Thomas Harlan das Treibgut der Geschichte auf, von Zeugenaussagen und Dokumenten bis zu imaginierten Ereignissen aus dem Leben von SS-Angehörigen oder deren Opfern, und flickt es zu einem historischen Patchwork zusammen. Das so entstandene Kleid passt in keinen Rahmen: in der feinen, korrekten Gesellschaft stoßen die Lumpen ab, aus denen es gemacht ist, unter Proletariern erregen seine Perlen Verdacht. Es folgt keiner Mode und keinem Schnittmuster: Thomas Harlan ist kein Maßschneider der Geschichte, der aus ihr ein passendes Ensemble zusammennäht. Im Gegenteil, es bleibt die Vielzahl heterogener, nicht chronologisch geordneter Stofffetzen erkennbar, die sich – in Analogie zum Verfahren der „summarischen Biografie“ Konrad Bayers – zu einer Zusammenschau der Materialien fügen.
Bei einer solchen Erzähltechnik kann es auch keinen Protagonisten mehr geben; selbst Enrico Cosulich alias Heinrich Duerr, Autor des Romans im Roman und noch am ehesten so etwas wie eine zentrale Figur, gerät bisweilen aus dem Focus der narratio, hat keinesfalls die Deutungshoheit über die Geschehnisse und ist nur eine Stimme unter anderen. Die stilistische Bandbreite reicht dabei von langen, mäandernden Sätzen à la W. G. Sebald und dokumentarischem O-Ton bis zu atemlos stockenden, emotionsgeladenen Passagen, in denen sich Leid, Eifer oder Wut Bahn brechen.

Den Tätern auf der Spur

Neben den Opfern rücken auch die Täter des Holocaust in den Focus der Literatur. So bei Jonathan Littell, der in seinem 2006 Goncourt-bepreisten Roman Les Bienveillantes den Leser zu überreden sucht, sich auf die Sichtweise des fiktiven SS-Offiziers Max Aue einzulassen. Littell ging es nach eigenen Angaben beim Schreiben seines Buches darum, herauszufinden, was einen Menschen zum Massenmörder machen kann. So ist ein gut durchkomponierter Roman aus der Monoperspektive entstanden, dem man – bei aller Recherche, die hinter diesem Buch steckt – eine Lust zum Fabulieren abspürt, die angesichts von Littells selbst gestecktem Erkenntnisziel fragwürdig erscheint.
Dagegen ist der Zorn darüber, dass viele Nazi-Verbrecher in der Nachkriegszeit nahezu unbehelligt in der BRD und in Österreich leben konnten, die wesentliche Antriebskraft hinter Thomas Harlans Schreiben. Die Vergangenheit, nicht zuletzt die eigene, lässt ihn nicht los. In Enrico Cosulich, seinem fiktiven Alter Ego in Heldenfriedhof, scheinen auch die Narben durch, die die eigene Lebensgeschichte einem Menschen schlägt. In seiner Versehrtheit und Verletzlichkeit steht Heldenfriedhof in diametralem Gegensatz zu Littells Roman, dessen Protagonist relativ unbeschadet durch diverse Blutbäder watet. Der Verzicht auf solche Schockeffekte, ohne dabei zu beschönigen, zeichnet Thomas Harlans Buch aus. Im Nebeneinander von Fiktivem und Dokumentarischem, Stilsicherem und Gestammeltem wird Heldenfriedhof zu einem weitgespanntem Panorama, das in seiner sprachlichen Vielfalt mehr über Täter und Opfer verrät, als es eine narrative Monokultur könnte.

Carsten Schwedes


Thomas Harlan: Heldenfriedhof. Eichborn Berlin 2006. Gebunden. 584 Seiten. 24,90 Euro.

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