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Istvan Kerekgyarto: Engelsfurz

14.01.2007


Ein großer Sommer

Ungarn in den Sechzigern, als Gagarin den Himmel stürmte. Istvan Kerekgyrato spinnt in Engelsfurz einen buntscheckigen Erinnerungsteppich aus grober aber warmhaltender ungarischer Erzählwolle.

 

Zwischen Magie und Vernunft, Hexen und Funktionären, kenianischen Tanzkommunistenteufeln und sexualphilosophierenden Priesterspitzeln - eine Welt erwachsenster, ausgewachsenster Ideologie und jugendlicher Anarchie zugleich, von erster Händchenhaltung bis zur abertausendsten Geschlechtsverkehrung. Literaturwunderland Ungarn hat der Kortina Verlag diese Reihe übertitelt. Nicht gerade ein kleines Versprechen.

Jetzt mal ehrlich, erwarten wir uns das nicht von Romanen aus Osteuropa? Muss da nicht alles ein wenig nach Blutwurst und Beischlaf duften? Und pardauz! Obwohl man immer irgendwie das Gefühl hat, sich in eine zu klein geratene Blechtrommel verirrt zu haben, ist all das Geschehen in Engelsfurz recht putzig-tragisch zu bestaunen: die balkaneske Figurenbuntheit, ihre faltengetreue und -tiefe Beschreibung und noch so unendlich viel mehr...

Komponiert ist der Roman durch neun etwa vierzig Seiten lange Farbkapitel: Gelb, Blau, Braun, Rot, Schwarz, Weiß, Silber, Grau, Grün. Eine interessante Anordnung, mischt sich doch in den Dreiklang der Elementarfarben Gelb, Blau und Rot gleich zu Anfang die verschmierteste, unreinste aller Farben, das Braun. Wirklich unrein? Immerhin enthält Braun ja auch alles, ist zwar keine Quintessenz, aber ein echtes Summasummarum, auch wenn alles darin ununterscheidbar gerät. Auf den befleckten Dreiklang folgt ein veredelter: Schwarz, Weiß, Silber, Grau. Silber als veredeltes Resultat der zwei Vermengung der zwei Antifarben Schwarz und Weiß zu Grau. Am Ende steht dann Grün – was ein jeder zu deuten weiß und im Text dann auch hupendeutlich benamst wird.

Assoziativ werden unter diesen Farbtiteln einzelne Bildsplitter des erinnernden Geistes mosaikartig angeordnet. Etwa so:

Stahlgrau war das Fett aus dem Schlachthof, wie es in der Dämmerung in großen Augen auf dem Fluss dahintrieb; bleigrau waren die am Ufer kauernden Sträucher, die wie riesige Eier aussahen; grau wie der Star waren die Gäste auf der Festtribüne; grauweiß die Friedenstauben, die man wie Kegelkugeln in den Himmel schob; graubraun wie eine zerplatzte Leberwurst schien die Menschenmasse, als sie den Kordon durchbrach; schiefergrau war die Wostok-Rakete, die man in der Werkstatt der Zuckerfabrik gebaut hatte; und mausgrau waren die Uniformen der Arbeiterwehren und ihre Maschinenpistolen mit den Trommelmagazinen.

Allein das schon eine wunderbare Prosa, aber es sind ja nur die Ouvertüren der einzelnen - man möchte fast sagen - Akte.

Auferstehung ins Schriftliche

Ich-Held aller Kapitel ist Lajos Ballago, ein pubertierendes Dorfkind. Seine Welt wird geschildert, eine noch kindliche, in sich gefügte, ganz auf die Absonderlichkeiten des Kosmos, den er belebt, ausgerichtet. Aber doch kommt durch Risse schon die einesteils bedrohliche wie faszinierende Weite hereingeweht: die Partei zum Beispiel, mit der fernen, doch immer gegenwärtigen Macht ihrer Technokraten, ein vitalistischer Neger, die alles aufladende Sexualität und am Ende - Gottmensch Gagarin. Es ist hierbei ganz wunderbar von Istvan Kerekgyarto ausgestaltet, wie sich die Lebenswelt eines Heranwachsenden allmählich ins Universale dehnt. Und am Ende entsteht aus den verspielten Dorfepisoden, Anekdoten und der persönlichen Tragik einer intensiv erlebten Pubertät - beinahe wider Erwarten - eine große Sinnfälligkeit und ein kaleidoskopisch-gefügter Roman.

Und dennoch, trotz aller Gelungenheit bleibt das Gefühl, es wollte insgesamt mehr erreicht werden, als tatsächlich erreicht wurde, als fühlten sich Miniaturcharakter und Weltchronik nicht recht wohl miteinander. Und so wird der Schwellencharakter der Hauptfigur und der Zeit symbolisch und konzeptionell weit ausgereizt, zu weit vielleicht, da die große literarische Vorhabung doch etwas zu dunkel den Horizont besetzt. Ja, man sieht nicht gerne die Anstrengung im Gesicht des Künstlers, wenn er pinselt, selbst wenn ihm dabei noch so vieles mit leichtester Hand zu gelingen scheint.

Irgendwie also ein wunderbares Buch und irgendwie auch überzüchtet - großer Manierismus in kleinster Bürgerlichkeit. Aber man weiß sich nicht anders daraus zu retten, als es zu lesen, zu zerlesen, es völlig auszulesen. Ein Vergnügen, mit dem man sich zuletzt leider nicht ganz begnügen will. Ach, und der Engelsfurz ist übrigens ein Marx- und Engelsfurz...

Christoph Pollmann


Istvan Kerekgyarto: Engelsfurz. Roman. Deutsch von Clemens Prinz. Kortina 2006. 323 Seiten. 19,90 Euro.

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