• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 23:35

     

    Daniel Grohn: Kind oder Zwerg

    14.01.2007


    Kind oder Zwerg

    Oder Liebhaber. Oder Journalist. Vielleicht auch ein Irrer. Was ist dieser Erzähler hier? Ganz langsam löst er sich mit seiner Geschichte in den Wahnsinn auf. Paranoia war schon lange nicht mehr so interessant.

     

    Manchmal, ach, selten, merkt man, dass das hier ein Debütroman ist, entstanden am Literaturhaus München, wo der Autor ein Stipendium hatte. Manchmal stößt dann doch die ein oder andere Spielerei durch und Grohn schubst eine harmlose, aber scheinbar originelle Sprachwendung auf den Teller, so als könnte er seine Debütposition authentischer gestalten, wenn er einige fremde Phrasen knüppelt wie pelzige, kleine Tierchen und serviert – ganz im Ernst aber hat der Roman tatsächlich eine geschickt verschränkte Geschichte und eine Stimme, die sie erzählt und die gerade stark ist, wenn sie sich in einen Wahn redet, in dem Originalität keine Erwägung mehr wert ist.

    Wahn ist das Thema, eine psychiatrische Klinik in München der Ort, an dem sich der Erzähler – ist er das überhaupt? – Ponninger eines Tages freiwillig einweisen lässt, um seine leichten schizophrenischen Symptome behandeln zu lassen. Sagt er zumindest. Eigentlich ist er als Wissenschaftsjournalist undercover unterwegs, um ungeheuerliche Vorfälle zu recherchieren – in seinem neuen Zuhause, der Klinik, wetzen gewissenlose Operateure die Skalpelle und führen geheime neurochirurgische Eingriffe durch – und machen damit die Patienten ganz einfach zu Versuchskaninchen, nicht etwa zu willenlosen Arbeitssklaven, Zombies oder was auch immer skrupellose Chirurgen in die Welt bringen können, wenn sie am offenen Hirn experimentieren.

    Ponninger hat einen Auftrag und spielt sehr souverän mit seiner behandelnden Ärztin, erfindet ihr nützliche Geschichten, um seine simulierte Krankheit auch glaubhaft darzustellen. Sie hat ihm wenig entgegenzusetzen, ist unerfahren, hat hier auch ihre erste Stelle in der Psychiatrie und freut sich, ihm mit Assoziationsspielen halbwegs nutzbare Äußerungen zu entziehen. Das funktioniert sehr gut für ihn, seine Maskerade fällt nicht, niemand glaubt, er sei nicht verrückt – wie auch. Ein paar Schritte und Schnitte reichen aus, den vorsichtig aufgelegten Schein des Wissenschaftsjournalisten abzunehmen – er attackiert seine Ärztin, seine E-Mails an die Außenwelt, geschmuggelt aus dem Internet-Café der Klinik, kommen alle zurück, weil sie keinen Absender fanden: er ist tatsächlich hier, weil er nur noch einen schwachen Zugriff auf die Realität hat, und seine Erzählung ist ein feines Netz von Fantasien, aufgestellt sich selbst (nicht uns, den Lesern) gegenüber, um im Moment des Kontrollverlusts noch ein wenig Kontrolle zu haben.

    Stolperfallen und Löcher

    Am Schluss landet dann seine echte Anamnese auf dem Tisch, vor dem Leser – er, Ponninger, ist ein 29-jähriger Arbeitsloser, der sich tatsächlich selbst eingeliefert hat, der seinen letzten Kontrollverlust (und den gibt es – geheime Operationen finden nicht statt, aber Beruhigungsmittel sind schnell zur Hand und unter der Haut) selbst initiiert hat – mit welchem Recht könnten wir uns also beschweren, dass wir hinters Licht geführt werden? Er bittet sicher nicht um Zuhörer und landet mit den Worten seiner Erzählung in seiner eigenen Welt, und natürlich ist diese dann voller Stolperfallen und Löcher. Er weiß nicht, wer er selbst ist, und so sind alle Identitäten seiner Erzählung unsicher und schwankend – wer liebt oder hasst hier wen? Da ist eine zerbrochene Liebesbeziehung im Hintergrund, deren Ende ihn vielleicht in den Wahnsinn schickte – und er hat keine Hemmungen, seine Ärztin mehr und mehr mit seiner Ex zu identifizieren, was die Behandlung allerdings schwierig macht.

    „Das Verrücktsein an sich, das konnte ja nicht so schwer sein“ – und unangenehm ist es auch nicht, nicht für ihn (immerhin impliziert es regelmäßige Mahlzeiten, Gesprächstherapien und alle anderen Vorteile einer psychiatrischen Klinik) und nicht für den Leser, der mit sich spielen lassen kann. Der Wahnsinn gehört Ponninger, die Stimme gehört Grohn, und sie ist laut und überzeugend.

    Daniel J. Gall


    Daniel Grohn: Kind oder Zwerg. Deutsche Verlags-Anstalt 2006. 317 Seiten. 17,90 Euro.

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter