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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 06:37

     

    Hwang Sok-yong: Der Gast

    07.01.2007


    Einen Geist gesehen


    Der Gast ist in mehrfacher Hinsicht ein Überlebenszeugnis – das sich Hwang nicht nur sich selbst ausstellt, sondern auch seinem Heimatland Nordkorea, dessen traumatische Geburtsgeschichte er hier zu enttraumatisieren versucht.

     

    Nach 35 Jahren japanischer Besatzung wurde Korea nach Ende des zweiten Weltkrieges den USA und der Sowjetunion zu geschlagen und entlang des 38. Breitengrades zweigeteilt. Der dreijährige Koreakrieg, ausgelöst durch den Einmarsch nordkoreanischer Truppen im Süden des Landes 1950, verschob die Grenzlinie leicht, änderte aber nicht den beiderseitigen Anspruch, der einzig legitime koreanische Staat zu sein. Während der Süden in den 1960ern begann, wirtschaflich zu blühen, errichtete Kim Il-sung, Vater des jetzigen Lieben Führer Kim Yong-Il, seine Interpretation einer sozialistischen Staatsform und zog einen nach wie vor anhaltenden Personenkult auf sich. Zwar begannen um die Jahrtausendwende vorsichtige Öffnungsversuche und minimale Bewegungen in Richtung Marktwirtschaft, durch seine Nuklearambitionen ist das Land aber weitgehend isoliert. Da zudem die existierende Clanstruktur für einen unausgewogenen Güterfluss sorgt, sind auch internationale Hilfslieferungen eine Seltenheit.

    Geschichte und manipulierte Geschichte

    Der Roman, nun in einer deutschen Übersetzung vorliegend, fand ursprünglich 2001 in die Veröffentlichung, gerade nachdem also wieder ein vorsichtiger Austausch zwischen Norden und Süden entstanden war, in dessen Rahmen auch Familienzusammenführungen stattfanden. Hwang macht sich eine solche zur Struktur seines Romans nützlich, wenn er seinen Protagonisten Yosŏp nach Nordkorea entsendet. Dessen Bruder stirbt wenige Tage vor dem Abflug und lädt ihm ein Bündel dunkler Geheimnisse auf, das sich in der Heimat schließlich dann auffaltet – in rascher Abfolge erscheinen Yosŏp die Geister der Menschen, die sein Bruder nahezu 50 Jahre zuvor im Krieg brutal aus dem Leben räumte – und das eben nicht als kommunistischer, sondern als christlicher Gotteskämpfer: die Anfangsphase des Koreakrieges sah in Teilen Nordkoreas heftige Gefechte zwischen Kommunisten und Christen, die die beinahe unvermeidbaren Massaker beinhalteten. Wenn Yosŏp nun also nach fünf Jahrzehnten aus seinem US-amerikanischen Exil die Heimat bereist, dann auch um die Kriegsvergehen seines Bruders zu sühnen. Damit fängt er ein mühsames Geschäft an und entdeckt immer wieder neue Lagen von Geschichte und manipulierter Geschichte, die er durchstoßen muss – die Massaker, die in der frühen Kriegsphase von Koreanern an Koreanern verübt wurden, werden in der totalitären Geschichtsschreibung der Gegenwart natürlich den amerikanischen Invasoren zugeschrieben, die man heran zieht und gleichzeitig wegstößt. Yosŏp wird bei seinem Besuch rundum betüttelt – so wie überhaupt jeder Tourist von Offiziellen auf Schritt und Tritt begleitet wird – darf gerne auch Devisen in den wenigen Konsumstellen auf den Tisch schlagen, die dafür überhaupt in Frage kommen, dann aber geht man auch sicher, ihn zu erinnern, dass er sich das Land des imperialistischen Bösen zum Exil gesucht hat. Der Gast ist im Roman eben nicht nur eine bildhafte Umschreibung der Pocken, die, so erfährt man, als Westimport gelten, sondern auch er, Yosŏp, der bei seinem Besuch umwacht und empfangen wird wie ein Krankheitserreger, der zuerst für die Krisis und dann für die Heilung sorgt.
    Je tiefer er bei seinem Besuch in die unterernährte Gesellschaft vordringt, desto mehr häufen sich seine Visionen – er sieht und hört die Geister, die er und sein Bruder zurück ließen, als sie flohen, und sie sind keineswegs stille Schreckgespenster. Da wird geredet und erzählt, und die Toten tauschen sich aus, gehen aufeinander zu und machen irgendwo auch den Versuch einer Versöhnung: Yosŏp hat eine Versöhnungsparty in seinem Kopf.

    Vorsichtiges Lauschen in die Vergangenheit

    Das ist eine bemerkenswerte Prosa, die Hwang hier schreibt – leise, vorsichtig, beinahe zärtlich hört sie immer wieder in die Vergangenheit, tastet ganz selbstverständlich und mit der größten Loyalität die Orte der Erinnerung ab und holt dann auch deren dunkelste Inhalte ans Tageslicht. Das Trauma ist überall – Hwang saß wegen seiner intensiven Kontakte zu Nordkorea in den 1990ern lange in südkoreanischer Haft und nutze diese Zeit, um seinen Roman auszuarbeiten. Umso bemerkenswerter, dass aus diesem nirgendwo ein Zeigefinger, nirgendwo eine Anklage wird – er zeigt die schwärenden Wunden auf, die Korea teilen, und ruft dabei die Geister der Toten an, um die Vergangenheit – samt Massakern, Blutigkeiten und politisch-religiösem Gemetzel – endlich erinnerbar und zum Teil der Zeitlinie zu machen. Das ist kein politischer Treibsatz. Außer den übereifrigen, staatlich bestellten Reisebegleitern ist das totalitäre Regime Nordkorea nahezu unsichtbar, selbst der Liebe Führer Kim Yong-Il taucht kaum auch nur am Rande auf, und das aktuelle Ausmaß des Elends stellt nicht den Hintergrund dieser Geschichte. Vielmehr zeigt der Roman das Dilemma eines Staates, dessen einziges lebenserhaltendes Moment die übersteigerte und letztendlich von innen her verrottete Idee eines Vaterlandes ist, die, um am Leben zu bleiben, immer weiter von einem absurden Superlativ zum nächsten getrieben werden muss. Das rückt nebenbei den Nuklear-Machismo der nordkoreanischen Führung in eine interessante Perspektive, macht dann aber auch deutlich, dass es viel und harte Arbeit brauchen wird, die trennenden Gräben zu füllen. Eine künstlerische Aufarbeitung kann dabei in absehbarer Zeit nur von außen erfolgen (nordkoreanische Prosa ist, scheint es, per defintionem Propaganda), hat mit Hwang hier aber einen Vertreter, der so nahe ist, wie man an Nordkorea künstlerisch sein kann – ein wichtiger und starker Roman.

    Daniel J. Gall


    Hwang Sok-yong: Der Gast. Deutsch von Katrin Mensing, Young Lie und Matthias Augustin. DTV 2007. 300 Seiten. 15,00 Euro.

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