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Daniel Keyes: Blumen für Algernon

17.12.2006


Von Menschen und Mäusen


Die Wiederauflage des 1966 erschienenen Science-Fiction-Klassikers Blumen für Algernon stellt eine literarische Bereicherung dar, in dem bereits die aktuellen Kontroversen um Gen- und Hirnforschung gespiegelt werden.

 

Während künstlich geschaffene Wesen stets um eine Seele ringen, wünscht sich der retardierte und ungebildete Charlie Gordon nichts sehnlicher als „intelligenter“ zu werden. Sein Wunsch wird erhört. Er findet Aufnahme in ein Programm, das seinen IQ binnen Kürze mittels „gehirnchirurgischer Techniken und Enzyminjektionsverfahren“ über den eines Hochbegabten hinaus schnellen lässt. Unmittelbar können Leser und Leserinnen über das Stilmittel, die sich orthographisch und inhaltlich ständig verbessernden Tagebuchaufzeichnungen, an seinem Fortschritt teilhaben.

Doch die Freude über diesen explodierenden Wissenszuwachs währt nicht lange. Plötzlich begabt, mit äußerster geistiger Brillanz gesegnet, vergessene Sprachen sprechend und sich wie nebenbei mit komplexen mathematischen Problemen beschäftigend, muss er erkennen, dass Intelligenz keine unabhängige Größe ist, sondern von Deutungsmächten bestimmt wird. Er beginnt die Grenzen und Eitelkeiten der Wissenschaftler zu durchschauen. Obwohl er nun seine Geistesschöpfer überflügelt, erringt er keine Gleichberechtigung, er bleibt für sie immer das unmündige Versuchstier, der geniale Idiot. Einsam und enttäuscht flieht Charlie auf einer Tagung, auf der er vorgeführt werden soll, mit Algernon, der Labormaus, die einst klüger war als er.
Auch in seinem Sozialleben bringt ihm sein Verstand kein Glück. Er zwingt ihn zu den schmerzhaften Einsichten, warum ihn die ehemaligen Kollegen ablehnen, die Familie ihn verstieß und die Frauen ihn ängstigen. Der Abstand zu den Menschen, denen er sich zugehörig gewünscht hat, ist größer geworden. Immer noch ein Außenseiter, den seine eingeschränkte Wahrnehmung jedoch nicht mehr wie früher vor bitteren Erkenntnissen schützt. Als er an Algernons Zerfall erkennt, dass das Experiment zum Scheitern verurteilt ist, befindet er sich auch schon auf dem tragischen Weg zurück in die Retardiertheit.

Klarsichtig und unsentimental

Es ist eine bestürzend aufrichtige Reise, auf die Daniel Keyes den hoffnungsvollen Charlie schickt. Klarsichtig und unsentimental lässt er die Seele, die es nach dem Licht dürstet, wieder in die Dunkelheit fallen. Über seine Haltung zu einem unreflektierten Verständnis von Wissenschaft gibt es kaum Zweifel. Der nun wieder wie in Platons Höhlengleichnis im Dunkeln gefesselte Charlie leidet stärker als zuvor an seiner Unwissenheit. Die letzte leuchtende Reminiszenz an das kurz aufscheinende Licht der Erkenntnis bleiben die Blumen für Algernons Grab.

Der 1966 erschienene, als Science-Fiction-Klassiker geltende Roman war in Deutschland lange vergriffen. Die Wiederauflage in einer überarbeiteten Übersetzung ist eine literarische Bereicherung, der die schöne Aufmachung Respekt zollt. Die Zuordnung zum S.-F.-Genre bleibt jedoch hinterfragbar. Damals wie heute kann das Buch als Wissenschaftskritik verstanden werden, dabei ganz aktuell die derzeitigen Kontroversen um Gen- und Hirnforschung spiegelnd. Instrumente und Methoden haben sich verfeinert, doch immer noch bringt es keine OP fertig, Mensch und Maus intelligenter zu machen. Der Wunsch jedoch ausschließlich durch quantitative Eingriffe eine qualitative Verbesserung des unvollkommenen Menschen zu erzielen, scheint heute fast drängender. Dass die Physis ein nicht sezierbares Netzwerk mit der Psyche unterhält, wird gern in der Hoffnung auf unsterbliche Forschermeriten vernachlässigt. Aus S. F. wird Science Non-Fiction, zeitlos.

Maggie Thieme


Daniel Keyes: Blumen für Algernon. Aus dem Amerikanischen von Eva-Maria Burgerer. Klett-Cotta 2006. 298 Seiten. 19,50 Euro.

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