TITEL kulturmagazin
Freitag, 24. März 2017 | 18:51

 

Carlos Eugenio López

10.12.2006


„Für nichts und wieder nichts“


Zwei Männer fahren quer durch Spanien, im Kofferraum eine Leiche. Sie unterhalten sich. Über Belangloses. Über Philosophisches. Über das Töten.


 

Sie sind schon lange unterwegs, fahren durch die Nacht, irgendwo in Spanien. Sie reden über Katzen und über Elena. Über Coca-Cola und Pepsi und Hitler und Stalin. Und über Moros. Moros, das ist in Spanien eine abwertende Bezeichnung für Marokkaner und Nordafrikaner, für Immigranten. Ein solcher Moro liegt tot in ihrem Kofferraum.

„Sterben ist eine Illusion“

Eine makabere Situation, die der spanische Schriftsteller Carlos Eugenios López in seinem kurzen Roman Abgesoffen erzählt. Das heißt, erzählt trifft es nicht ganz, eine klassische Erzählerfigur gibt es nicht: Der Text ist ein lediglich durch Spiegelstriche gegliederter Dialog.
Man lauscht diesen beiden Männern mittleren Alters interessiert, bleibt jedoch immer distanziert; ihre Gesprächsthemen irritieren, befremden zuweilen, erregen allenfalls ein ungläubiges Lächeln. Sie diskutieren und philosophieren, mal mit Allgemeinplätzen, häufig jedoch beinahe unerwartet feinsinnig: „Egal, wann man stirbt, Hauptsache, man merkt es nicht. Sterben ist eine Illusion; wenn man nicht daran denkt, stirbt man nicht.“ Dieser Kontrast zwischen alltäglichen Beobachtungen, tiefsinnigen Gedanken und erschreckend menschenverachtenden Kommentaren machen einem Unbehagen. Vor allem dann, wenn die Partner über Rechtfertigungen für ihre Morde sprechen.

Die Einfachheit des Tötens

Der tote Moro im Kofferraum ist einer von 29 Ermordeten. Vorerst soll es der letzte sein, den sie von Madrid zur Küste von Gibraltar bringen, wo sie ihn ins Wasser werfen – ein „abgesoffener“ Flüchtling. Für wen sie arbeiten, wissen sie nicht so recht. Für die Regierung vielleicht; oder die Gewerkschaften oder für „Priester, Feministinnen oder die Hersteller der Jabugoschinken“, wie einer abwinkend bemerkt: „Die Moros gehen in Spanien doch jedem auf die Nerven.“ Nur einer der beiden „erlaubt“ sich Gewissensbisse, leidet unter den wahllosen und eigentlich unbegründeten Tötungen. Er zählt die Opfer. Er achtet auf ihre Augenfarbe. Er fragt nach dem Warum, zaghaft, als wäre es völlig unangemessen. Denn sein Partner schiebt seine Scham darüber, dass er zu einem Opfer auch noch „Arschloch“ gesagt hat, unwirsch beiseite und bringt radikale, ausländerfeindliche Argumente an: „Wenn man in ein anderes Land will, muss man erst einmal um Erlaubnis bitten. Und wenn man es nicht tut, muss man eben die Konsequenzen tragen.“ Und: „Wenn wir zu ihm nach Hause gegangen wären und ihm sein Couscous weggefressen hätten … Den hätte ich mal erleben wollen.“ Und außerdem bekämen sie für ihre Ermordung schließlich anständig Kohle, eine Millionen Peseten dafür, jemanden zu töten, was ist schon dabei: „Getötet wird derweil schon seit Kain und Abel. Man hatte noch nicht einmal das Rad erfunden, da wurde schon getötet.“ So einfach ist das.

Blindgänger, Versager, Untergegangene

Genau diese Einfachheit, diese scheinbare Selbstverständlichkeit jagt einem Schauer über den Rücken. Jene Gleichgültigkeit dem Leben, der eigenen Person wie dem ganzen Rest der Menschheit gegenüber.
„Du strampelst und strampelst …“, sagt der eine und der andere ergänzt: „Für nichts und wieder nichts.“ Sie haben resigniert, ohne sich groß zu bedauern; vielleicht, weil sie es gar nicht bemerken: Es ist, wie es ist. Sie nennen sich selbst „ein paar Versager“ und „ein paar Blindgänger“ und einer, jener vordergründig Gewissenlose, hängt die Frage an: „Wenn wir uns jetzt die Kugel geben würden, würde dich dann irgendjemand vermissen?“

López’ Roman stimmt nachdenklich und macht unruhig. Er ist ungemütlich, noch mehr, da es keine erzählerische Einbettung gibt, nichts, das man als Kommentar lesen könnte, als Einordnungshilfe dieser Szenerie. Was bedeutet das, wenn es wirklich so einfach ist? Wenn verlorene oder „abgehängte“ Individuen sich selbst aufgeben? Und wen könnten sie mitreißen, wenn sie aus lauter Frust und Gleichmut einfach „untergehen“?

Ariane Arndt


Carlos Eugenio López: Abgesoffen. Übersetzt von Susanna Mende. 189 Seiten. 18,90 Euro.

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