Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau
03.12.2006
Rom, Blicke
„Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig, / sind der Menschen Tage, / wie ein Strom beginnt zu rinnen, / und im Laufen nicht hält innen, / so fährt unser Zeit von hinnen.”
„Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie, wenn Sie wollen laufen, der Kind sich freut, wenn Sie laufen, hatte Dr. Roberto in seinem lustigen Deutsch mit kräftiger italienischer Betonung gesagt“, erinnert sich die hochschwangere junge Frau aus Deutschland, die im Januar 1943 durch Rom spaziert. Seit neun Wochen lebt sie in der Ewigen Stadt, während sich ihr Mann Gert, der doch eigentlich mit ihr zusammen die „römischen Freuden“ hatte genießen wollen, an der Front in Nordafrika befindet.
Und so läuft sie, „das mecklenburgische Landmädchen, das keine höhere Schulbildung mitbrachte wie ihre ältere Schwester, das Kind von der Ostseeküste, das sich in Rostock und Doberan und in Eisenach auskannte, aber schon in Berlin völlig überfordert und fehl am Platz war”, von der Via Alessandro Farnese zu einem Kirchenkonzert in der Via Sicilia. Auf dem Weg denkt sie immer wieder an ihren geliebten Mann, mit dem sie so gerne ihre Eindrücke der italienischen Hauptstadt und ihre Gedanken über den Krieg teilen würde.
Es ist die Geschichte der eigenen Mutter, die Friedrich Christian Delius in seinem neuen Buch erzählt. Dabei folgt er konsequent der inneren Logik seiner verunsicherten Protagonistin – ein Umstand, aus dem sich wohl auch erklärt, dass der Text nicht ganz frei von Pathos ist („Man musste die Trauer wegschlucken, und wie ein Soldat war man gezwungen, die Sprache des Herzens zu verheimlichen”). Der Titel bezieht sich gewissermaßen komplementär auf James Joyces’ Porträt des Künstlers als junger Mann.
Wie die von Delius 1991 erschienene Erzählung Die Birnen von Ribbeck besteht der lesenswerte und nicht zuletzt auch sehr musikalische Text aus einem einzigen langen Satz, wobei Inhalt und Form eine Einheit bilden. Jene kulminiert in Michael Francks Zeilen aus dem Evangelischen Gesangbuch, die der Chor schließlich im Rahmen des Kirchenkonzerts intoniert: „Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig, / sind der Menschen Tage, / wie ein Strom beginnt zu rinnen, / und im Laufen nicht hält innen, / so fährt unser Zeit von hinnen.”
Frank Thomas Grub
Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau. Erzählung. Rowohlt Berlin Verlag 2006. 128 Seiten. 14,90 Euro. ISBN 3-87134-556-3.