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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 27. Juni 2017 | 12:32

     

    Hans Magnus Enzensberger: Josefine und ich

    19.11.2006


    Zu Besuch bei einer alten Dame


    Mit seiner neuen Erzählung Josefine und ich wagt sich Hans Magnus Enzensberger auf episches Terrain


     

    Die Gabe des Romans, so bekannte Hans Magnus Enzensberger vor einigen Jahren, sei ihm von der Natur vorenthalten worden. In der Tat ist der Autor, der nun schon seit mehr als fünfzig Jahren am literarischen Leben der Bundesrepublik teilnimmt, bislang eher als Meister der kleinen Formen in Erscheinung getreten: Sein umfangreiches, vielfältiges Oeuvre gleicht einem verwirrenden Sammelsurium literarischer Miniaturen, in dem Dichtung und Essayistik die prominenten Plätze einnehmen, breiter angelegte epische Texte aber die Ausnahme bilden. Insofern ließe sich die jetzt erschienene, immerhin 150-seitige Erzählung Josefine und ich durchaus als Premiere in der Werkbiographie Enzensbergers ansprechen. Denn sieht man von einigen, unter weiblichen Pseudonymen publizierten Arbeiten, dem unkonventionell-dokumentarischen Durruti-Roman sowie seinen Kinder- und Jugendbüchern ab, dann handelt es sich bei Josefine und ich zweifelsohne um das erste längere Prosawerk, über das der Autor seinen eigenen Namen gesetzt hat.

    Prosaischer Sirenengesang beim Tee

    Die Exposition der in Tagebuchform gehaltenen Erzählung ist rasch skizziert. Die Handlung des Buches umfasst ziemlich exakt ein Jahr. Sie setzt zum Septemberbeginn 1990 ein und endet 1991 Mitte desselben Monats. Joachim, ein in Scheidung lebender, aufstrebender Universitätsdozent für Volkswirtschaftslehre schützt eine alte Dame, Josefine K., auf dem Nachhauseweg vor einem Handtaschendieb und wird zum Dank von ihr zum Fünfuhrtee eingeladen. Der Name der resoluten Frau erinnert nicht von ungefähr an Kafkas berühmte Künstlerallegorie Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse, denn Joachim findet schnell heraus, dass es sich bei seiner Zufallsbekanntschaft um eine ehemals hochberühmte, gefeierte Mezzosopranistin handelt. Nach dem Ende ihrer Karriere Anfang der 60er-Jahre ist die mittlerweile 75-Jährige allerdings der Welt abhanden gekommen. Zurückgezogen lebt sie zusammen mit ihrer greisen, schweigsamen Dienerin Fryda in einer baufälligen, verwahrlosten und schlecht geheizten Villa.

    Die nachmittägliche Teestunde mit Joachim wird auf Betreiben Josefines schnell zum peinlich genau eingehaltenen, allwöchentlichen Ritual, obwohl beide Protagonisten auf den ersten Blick denkbar wenig miteinander gemeinsam haben, vor allem in politischer Hinsicht. In ihren Wortwechseln wird schnell deutlich, dass Joachim mit einem sensiblen Gespür für strukturelle Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft ausgestattet ist. Als Makroökonom ist er ein entschiedener Gegner der marktliberalen Equilibrium-Theorie des neoklassischen Angebotstheoretikers Robert E. Lucas. Die Überzeugung, dass der Währungsunion mit der DDR „keine vernünftige Folgenabschätzung“ zugrunde liege, nimmt ihn im Vorfeld der Bundestagswahl 1990 gegen Helmut Kohl ein und lässt ihn, wie dessen damaligen Kontrahenten Lafontaine, vor den negativen Auswirkungen der Einheit auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands warnen. Nicht zuletzt hat Joachim wenig für die Administration von George Bush übrig und begegnet dem Golfkrieg zu Beginn des Jahres 1991 mit großer Skepsis.

    Dagegen Josefine! Gesellschaftliche Ungleichheit ist für sie ein unabänderliches Naturgesetz und der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit folglich eine Chimäre. Der Staat erscheint ihr als mafiöser Parasit, der sich „mit hoher krimineller Energie“ in das Privatleben seiner Bürger einmischt, anstatt sich auf seine einzig legitime Kernaufgabe, die Garantie der inneren Sicherheit, zu besinnen. Auch die Nachrichten über die US-amerikanische Intervention im Irak nimmt Josefine ungerührt hin: In ihren Augen ist Saddam Hussein ein „Gangster“ und „Bastard“, ein Hitler vergleichbarer Feind des Menschengeschlechts, zu dessen Beseitigung jedes Mittel recht erscheint.

    Ob solcher Meinungsunterschiede verwundert es nicht, wenn Joachim in seiner Gesprächspartnerin eine „militante Konservative“ und „eingefleischte Reaktionärin“ sieht, sie gar für „vollkommen asozial“ hält. Doch trotz der launigen Kapuzinerpredigten, die Josefine als bekennende Verächterin der Idee des herrschaftsfreien Diskurses ununterbrochen und mit wenig Toleranz für Widerspruch vorträgt, kann er sich dem herrischen Charme seiner Gastgeberin nicht entziehen. Ohne recht zu wissen, warum, lauscht Joachim auch weiterhin jeden Dienstag halb widerwillig, halb fasziniert ihrem prosaischen Sirenengesang. Schließlich beginnt er sogar, die Lebensweisheiten der alten Dame in nächtelangen Sitzungen in sein Tagebuch zu übertragen, um sich noch Tage später über ihnen den Kopf zu zerbrechen.

    Man sieht: Die geheime Faszination, die Josefine auf ihren getreuen Kopisten Joachim ausübt, gründet wesentlich auf der Macht des gesprochenen Wortes, nicht so sehr – wie sich zunächst vermuten ließe – im Medium der Musik. Im Gespräch erweist sich die ehemalige Sängerin als wahre Meisterin dialektischer Rabulistik, die mit ihrer geradezu unwiderstehlichen Konversationskunst zum Sinnbild für die Macht des Logos wird.

    Welthaltiges kleines Buch

    Passionierten Enzensberger-Lesern werden Teile von Josefines Suada allerdings sicherlich bekannt vorkommen, und mit gewissem Recht könnte man manch allzu offensichtliche inhaltliche Überschneidung mit den Essays des Autors aus den letzten 15–20 Jahren als Schwäche des Buches auslegen. Es sei jedoch vor dem allzu vorschnellen Schluss gewarnt, in Josefine ein bloßes Sprachrohr, gar ein Selbstporträt des Dichters als alte Frau zu sehen. Enzensbergers Erzählung erschöpft sich keineswegs in sokratischen Debatten und geistreichen Weltanschauungsdiskussionen. Denn Josefine räsoniert nicht nur gerne, sie lügt auch, vor allem, wenn es um ihre eigene Vergangenheit geht. Fast alles, was die durchtriebene Gesprächsartistin über sich, ihr Leben und ihre Konzertlaufbahn erzählt, könnte erfunden sein.
    Aus Neugierde und weil in seinem Leben sonst „nicht viel passiert“ begibt sich der Erzähler daher auf eine mühsame Spurensuche, bei der ihn die verschlossene Fryda – selbst eine Frau mit abenteuerlicher, geheimnisumrankter Vita – anfangs nur sehr zögerlich unterstützt. Als „Privatdetektiv ohne Auftrag“ beginnt Joachim schließlich Protokoll zu führen über das, was er aus Erzählungen, alten Photographien und Erinnerungsstücken über die Biographie der zwei alten Damen erfährt.

    Im weiteren Verlauf gerät die vergleichsweise statische, handlungsarme Anlage des Textbeginns immer mehr in Bewegung. Die vorgeführte Figurenkonstellation entpuppt sich zunehmend als komplexes Spiegelkabinett und diffuses Vexierbild – ein „unentwirrbares Knäuel von Lüge und Wahrheit, Klugheit und Unsinn, Hochmut und Einsicht, Grazie und Kaltblütigkeit“.

    Mit Josefine und ich ist Hans Magnus Enzensberger ein höchst welthaltiges kleines Buch gelungen, das zwischen politischer Ideennovelle und literarischer Zeitreise angesiedelt ist. In den bewegten Lebensläufen seiner Protagonisten gelingt es ihm auf engstem Raum und in kunstvoller ökonomischer Verdichtung entscheidende Stationen der jüngsten deutschen Geschichte vom Nationalsozialismus über den Holocaust bis hin zur Wiedervereinigung und den momentanen wirtschaftlichen Problemen des Landes schlaglichtartig zu beleuchten. Es bleibt abzuwarten, ob der Dichter und Essayist dem epischen Feld auch weiterhin erhalten bleibt und auf seine alten Tage vielleicht gar zum literarischen Langstreckenläufer mutiert. Ein erster Anfang hierzu, so kann man nach der Lektüre seiner Erzählung getrost festhalten, wäre gemacht.

    Rainer Barbey


    Hans Magnus Enzensberger: Josefine und ich. Suhrkamp Verlag 2006. Gebunden. 147 Seiten. 15,00 Euro.

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