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Cindy Dyson: Unalaska

19.11.2006


Kein Ort zum Wohlfühlen


An einen Ort, der gar nichts von einer Utopie, also einem Nicht-Ort hat, verfrachtet Cindy Dyson in ihrem starken Debütroman die Leserschaft, dreht sie in der Kälte einige Male im Kreis und schickt sie dann zurück in die Zivilisation.

 

Man kontrolliert ganz verstohlen, ob man Robbenfett unter den Fingernägeln kleben hat, wenn man den Roman absetzt und macht ein weiteres Kreuzchen auf der Landkarte von Orten, die man nie im Leben besuchen möchte.

Der Titel lädt zu dankbaren Assoziationen ein, die man beiläufig in einer Kritik unterbringen könnte, um gleich mal einige hundert Jahre europäische Kulturgeschichte mitzuziehen wie einen Eisberg: Unalaska oder Un-Alaska – das muss doch eine Verneinung des Ortes sein, ein Abwenden der Realität des einen Ortes (hier eben Alaska), um einen anderen, besseren, utopischen zu postieren. Ein ganzes Programm in einen Namen gefasst, gewissermaßen.

Die Assoziationen sind Unsinn, die Schlussfolgerungen daraus nicht. Unalaska existiert, wie man nachschlagen kann, tatsächlich – eine Insel der Aleuten, und sogar nicht einmal ohne historische Prominenz, weil sich hier, zwischen Alaska und Sibirien gelegen, ein früher Austausch zwischen Russland und den USA entwickelte. Ein Blick auf die offizielle Website der Insel und ihrer gleichnamigen Hauptstadt offenbart –, es gibt Menschen dort draußen, sogar Jobs hat die Stadtverwaltung ausgeschrieben, und allesamt gut bezahlt noch dazu. Die entfernte Lage und die häufig landenden Fischercrews, die Bargeld ans Land schmeißen, tragen wohl ihren Teil dazu bei, die Lebenshaltungskosten hochzuhalten, während Kälte, Eisbären und ein Alkoholismusproblem epischen Ausmaßes – haben die Inseln das eher von der russischen oder eher der amerikanischen Seite geerbt? – dafür sorgen, dass kaum jemand freiwillig kommt.

Genug dieser Mutmaßungen – es ist der Ort, an dem Cindy Dyson ihren Debütroman ansiedelt, und gottgelobt wickelt sie auf dieser engen, stickigen Bühne keinen Kriminalplot oder Ähnliches ab. Sie macht es geschickt, hält sich an ein Plotmuster, das zwar nicht mehr originell, aber immer wieder kreativ ist und hinterlegt ihren modernen Handlungsstrang mit erzählten Rückblicken durch die Geschichte der Insel, die sich ganz auf eine immer wieder erneuerte Gruppe von Frauen konzentriert – eine Gruppe eingeborener Rachegöttinnen, deren erste Generation sich raus aufs Meer wagt und in Zeiten des Hungers tatsächlich einen Wal harpuniert, um die Gemeinschaft durch den Winter zu bringen. Ihre Kraft beziehen sie aus kannibalischem Ritualgeläuf – in einer Felsenhöhle der Insel werden die Leichen der großen Walfänger eingelagert, durch glückliche Naturumstände mumifiziert und anschließend angeknabbert. Das wirkt auf den ersten Blick eklig und auf den zweiten wie eine späte, posthume Rache der Patriarchen der Insel: Einige Frauen mögen ja das Heft in die Hand nehmen und „Männeraufgaben“ wahrnehmen – und das tun sie und sorgen auf ihre Art für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit –, aber den Mut dazu beziehen sie, weil sie die gedörrten Finger toter Männer auszutzeln, ein absurdes Bild, wenn man es sich denn vorstellen mag. Über Generationen vererbt sich so ein Auftrag für die Insel weiter, und seine Geschichte ist gleichzeitig die Geschichte der Insel und ihrer Bevölkerung, die als Spielball zwischen Russland und die USA getrieben wurde, je nachdem, wer sich gerade berufen fühlte, der Insel und ihren Ureinwohnern seine Vorstellung von Zivilisation aufzustülpen – etwa russische Walfänger oder amerikanische Truppenkontingente, die im Zweiten Weltkrieg wie von allein den Weg entdeckten, weil die Insel japanische Militärbasen in Reichweite rückt.

Grenzen der Assimilation

Brandy, Protagonistin und Erzählerin der Romangegenwart, fühlt sich von dieser Schwesternschaft angezogen. Es ist 1986, sie hat eine schreckliche Frisur, hört Madonna und ist nach Unalaska gekommen, um einem Mann zu folgen. Er, Thad, ist laufend auf See, und sie arbeitet sich währenddessen in die Gemeinschaft ein, kellnert und entdeckt unter den Schichten von Sucht, die sich ihre alkoholkranken Stammgäste um die Schultern wickeln, die Geschichten der Insel, die Würde hinter all der Kotze, dem Blut und Urin, in denen „The Elbow Room“, ihre Bar (auch sie basiert auf einem realen Vorbild, das mittlerweile – traurig, aber wahr – tatsächlich schließen musste: Eine Spelunke weniger nimmt der Insel wahrscheinlich auch noch den letzten Fitzel von Spannung), knietief zu schwimmen scheint. Sie entdeckt (und ihre Entdeckung wird sorgfältig vorbereitet und inszeniert) schließlich die Mumienhöhle und damit das dunkle, unausgesprochene Geheimnis der Insel: Das ist ihr Ende. Nicht buchstäblich, sie stirbt nicht an ihrem Wissen, immerhin, stößt aber an die Grenzen der Assimilation.

Das Andere ist hier keineswegs selbstverständlich, die Toleranz füreinander hart erarbeitet. Wie um das zu verdeutlichen ist der einzige der Protagonisten, der beide Ethnien, Ureinwohner und Siedler, aleutisch-indianisch und weiß, in sich vereinigt, gleichzeitig auch schwul, was in dieser Holzfällerhemd-Brachialsauf-Inselwelt nicht selbstverständlich von der Hand geht. Es ist nicht die beste Umgebung, die sich Brandy für ihre Selbstfindung organisiert hat, und entsprechend desorientiert wirkt sie, probiert hier, erweitert ihr Bewusstsein da. Sie wirkt wie ein Hippie, und wie in den 60ern hat auch hier, im Unalaska der 80er, andauernd jemand einen Joint oder ein paar Gramm Kokain in der Hand und in der Nase. Der scheinbare Emanzipationsplot von der Selbstverwirklichung der Frau als wahrer Zivilisationskraft, der auf verschiedenen Zeitebenen aufgebaut wird, wirkt in der Gegenwart so völlig fremd, wenn doch alle Einwohner des Ortes (die weiblichen Einwohner eingeschlossen) durchgehend high, besoffen und entsprechend lethargisch sind.

Was hier emanzipiert wird, ist dann vielleicht die Menschlichkeit an sich, die sich selbst in einem versifften Alkohol-Ghetto nicht ganz ersticken lässt, die auch ethnische Grenzen locker überhupft und in einer Umgebung prosperiert, die einfach feindlich und kalt wirkt: Der Totenkult, der hier gepflegt wird, ist doch vor allem eines – Tatkraft und Bewegung in einer ansonsten sehr langsamen und wenig mobilen Welt.
Brandy findet zwar keinen Eingang in die eng strukturierte Welt der Insel-Verschwörerinnen, ihre Entschlossenheit aber übernimmt sie mit aufs amerikanische Festland, auf das sie schließlich zurückkehrt, um ihren späteren Kindern ihre Lektion weiterzureichen: „Ich drehte ihre Hände um, die Innenseiten nach oben. ‚In diesen Händen haltet ihr euer Schicksal, eure Zukunft. Sie sind voll. Spürt ihr es? Spürt ihr das Gewicht?“ Diese Ghetto-Geschichte, die der Roman ist, setzt Hoffnungen frei, die die Autorin geschickt nutzt und erzählt.

Daniel J. Gall


Cindy Dyson: Unalaska. Deutsch von Barbara Schaden. Bloomsbury 2006. Gebunden. 349 Seiten. 22,90 Euro.

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