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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 23:35

     

    Bernardo Atxaga: Der Sohn des Akkordeonspielers

    22.10.2006


    Irrungen im Baskenland


    Eine Kindheit im Baskenland der sechziger Jahre, das sich vom Spanischen Bürgerkrieg immer noch nicht erholt hat und noch lange brauchen wird, um sich vom Franco-Regime zu erholen, beschreibt Bernardo Atxaga in seinem Roman Der Sohn des Akkordeonspielers.

     

    Wofür werden eigentlich Klappentexte geschrieben? Für die Werbeabteilung, die reißerische Themen besonders mag? Für den Rezensenten, dem durch eine spannende Inhaltsangabe ein Buch untergeschoben werden soll? Oder etwa doch für den Leser, der das Buch aufgrund einer reißerischen Zusammenfassung kauft, um danach enttäuscht zu sein? Man weiß es nicht, eines ist jedoch sicher: Der Klappentext von Der Sohn des Akkordeonspielers des baskischen Schriftstellers Bernardo Atxaga ist eine einzige Verdrehung des Romaninhalts. „Was bringt zwei befreundete Jugendliche aus der baskischen Provinz dazu, sich der Terrororganisation ETA anzuschließen?“, heißt es zur Bewerbung des Romans. Und weiter: „Welchen Preis müssen sie für ihr Engagement zahlen?“. Der Inhalt des Buches dreht sich dann jedoch um ganz andere Dinge.
    Und noch etwas an den externen Umständen von Der Sohn des Akkordeonspielers verwundert sehr: Es wurde nicht aus dem Baskischen, sondern aus der spanischen Übersetzung ins Deutsche übertragen – in Absprache mit dem Autor, wie im Buch versichert wird –, und das dazu noch an einigen Stellen etwas holprig. War etwa kein baskischer Übersetzer aufzutreiben?

    Baskischer Außenseiter

    Genug jedoch des Ärgers um die Verlagsversäumnisse. Denn sieht man davon ab oder liest das Buch ohne vorherige Lektüre des Klappentexts, ist Der Sohn des Akkordeonspielers ein kunstvoll verflochtener Roman um die Geschichte des Baskenlands in der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs und des Franco-Regimes. David wächst in den sechziger Jahren in einem kleinen baskischen Dorf auf. Sein Vater ist Akkordeonspieler und Franco-Anhänger, seine Mutter Näherin und in Gedanken eher mit ihrem Bruder Juan verheiratet, der vor den franquistischen Truppen nach Amerika geflohen ist und die Familie jedes Jahr im Sommer besuchen kommt. David selbst soll das Erbe seines Vaters antreten und Akkordeonspieler werden. Er treibt sich aber lieber auf dem großen Gehöft seines Vaters herum, reitet in den Wald, versteckt sich in dunklen Höhlen und beschäftigt sich mit den Angestellten des Vaters, anstatt sich mit seinen Klassenkameraden anzufreunden oder sich den Schulaufgaben zu widmen.

    Nach und nach befällt David der Verdacht, dass sein Vater während des Bürgerkriegs republikanische und kommunistische Bürger des baskischen Dorfes hingerichtet hat. Über diese dunkle Zeit der spanischen Geschichte wird im Dorf geschwiegen. David versucht herauszufinden, in welche Ereignisse sein Vater damals verwickelt war, und entfremdet sich dadurch von seiner Familie. Je älter David wird, umso genauer kann er zwischen den Franco-Anhängern und den Baskisch-Nationalen unterscheiden. Als ihn schließlich eines Sommers Kommilitonen besuchen, die zur ETA gehören, werden er und sein Freund Joseba in den Anfängen der siebziger Jahre in die Untergrundorganisation hineingezogen, ohne dass sie wissen, wie ihnen geschieht. Und nun, auf den letzten fünfzig Seiten des Buches, bekommt man eine Ahnung davon, was der Klappentext eigentlich zu bedeuten hat. Hier wird von Davids und Josebas Tätigkeit in der ETA erzählt, vom Verrat an ihrer Freundschaft und ihren Idealen und vom Abschied von der baskischen Heimat.

    Metafiktionaler Kunstgriff

    Atxaga verwendet in seinem Roman den Trick des metafiktionalen Erzählens, das der Handlung einen quasi-dokumentarischen Charakter verleiht. Ausgangspunkt des Romans ist das Zusammentreffen von David und Joseba in der Gegenwart. David lebt in Amerika als Farmbesitzer, Joseba ist Schriftsteller in Spanien. Beide möchten über die Ereignisse aus der Vergangenheit berichten: David in einer Autobiografie, Joseba in einem autobiografischen Roman. Schließlich nimmt Joseba Davids Aufzeichnungen als Grundlage für einen Roman aus der Sicht Davids, in dem er selbst nur als Randfigur auftritt und der in den Zeiten hin- und herspringt.

    Dieser Kunstgriff macht den Roman zu einem literarischen Puzzle, in dem immer klarer wird, in welchem Verhältnis Joseba und David zueinander standen und wie die wechselvolle spanische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts persönliche Schicksale beeinflusste. Davids Kindheit, sein tyrannischer Vater und die politischen Verwicklungen der Bewohner des baskischen Dorfes stehen im Vordergrund. Atxaga wirft einen fiktionalen Blick auf die Geschichte des Baskenlands von den dreißiger bis zu den siebziger Jahren, literarisch verdichtet, überzeugend und spannend umgesetzt. Vergessen wir einfach den Klappentext und lesen das Buch als einen politischen Entwicklungsroman.

    Katharina Bendixen


    Bernardo Atxaga: Der Sohn des Akkordeonspielers. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Insel Verlag 2006. Gebunden. 462 Seiten. 24,80 Euro.

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