TITEL kulturmagazin
Freitag, 24. März 2017 | 18:58

 

Annette Pehnt: Haus der Schildkröten

15.10.2006

 
Zwischen Lust und Tod

Es ist eine bitter-süße Geschichte geworden, die Annette Pehnt geschrieben hat. Über das Altern und den Umgang mit dem nahen Tod.

 


„Durch die Drehtür fädeln sich Ströme gut frisierter Töchter und Söhne, Schwiegertöchter und Enkel mit geputzten Schuhen.“ Ein gewohntes Bild im Altersheim Haus Ulmen. Regelmäßig dienstags besucht hier auch Regina ihre Mutter und Erich seinen Vater. Per Zufall lernen die beiden sich kennen, draußen auf dem Parkplatz bei einer Zigarette, nach dem Besuch. „Sie schauen sich an, verblüfft, dass sie nicht allein sind in ihrer Not.“ Mitten zwischen Trauer und Liebe, dem drohenden Verlust eines Elternteils und seiner belastenden Endgültigkeit kommen die beiden sich näher. Eine Liebe entsteht, die allerdings nicht frei von Zwängen sein wird.

Regina hat ihrer Mutter, die klug und scharfsinnig denkt, bewusst alles wahrnimmt, aber gelähmt ist und sich nicht artikulieren kann, ein Vogelhaus geschenkt: „Da hast du was zu gucken, Mama. Du machst ein paar Sonnenblumenkerne rein, und schon hast du das reinste Theater.“ Guter Wille verbirgt Hilflosigkeit. Erichs gestammelte Versuche, seinen Vater, der an Demenz leidet, aufzumuntern, bleiben ungehört. „... das ist nicht das Ende, Papa ... du kannst hier arbeiten, wie zu Hause, besser sogar.“

Regina und Erich wirken verloren, klammern sich in ihrer Einsamkeit aneinander und spüren gleichzeitig große Lebenslust. Anfangs scheint ihrer Liebe nichts im Weg zu stehen, schnell melden sich aber Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen. Gemeinsam fahren sie in Urlaub, nach Malaysia, wo Erich in einem Tempel auf ein für ihn bedrohliches Bild trifft. In einem abgelegen Teil findet er unzählige Schildkröten, die sich hilflos und wie um ihr Leben kämpfend bewegen. „Es müssen Hunderte sein, niemand sieht sie. Er steht allein am Geländer und starrt auf das langsame Brodeln im Schlick.“ Zu Hause holt der Alltag die beiden schnell wieder ein und beschwörend gestehen sie sich: „Wir sind gestandene Leute, wir können doch machen, was wir wollen.“

Keine großen, aber die richtigen Worte

Es ist eine bitter-süße Geschichte geworden, die Annette Pehnt geschrieben hat. Und zugegeben: die Lektüre schmerzt. Da berühren Szenen nicht nur, gehen Dinge nicht nur an Herz und Nieren, es tut auch richtig weh. Denn mehr als eindringlich werden Atmosphäre und Stimmung, Hilflosigkeit und deprimierende Aussichtslosigkeit widergespiegelt, die das Leben im Heim begleiten. Die Konfrontation mit dem Tod und dem so häufig tabuisierten Kapitel davor: dem allmählichen Verfall, der Pflegebedürftigkeit und auch der Unbeholfenheit im Umgang mit all diesem. Viele Beschreibungen klingen so real, so alltäglich, als wären es Tagebuchaufzeichnungen: da ist das Pflegepersonal, das viel zu wenig Zeit hat, und wenn es mit den alten Menschen spricht, dann pflegt es einen despektierlichen Umgang mit einstmals doch Erwachsenen: „Wollen wir noch mal für kleine Mädchen ... sonst muss ich gleich wieder rennen oder es gibt ein Unglück.“ Und wenn sich doch noch einmal freudige Momente ins trübe Heimleben einschleichen, dann heißt es gleich: „Traurig ist das, im Alter herumzuturteln, keine Würde, keine Scham im Leib.“ Die „Immergleichen“ nennt Annette Pehnt die Heimbewohner, die genau registrieren, dass ihre Angehörigen draußen vor der Tür noch einen letzten Blick auf die Uhr werfen, „damit sie wissen, wann sie wieder gehen dürfen“. Haus der Schildkröten ist ein Roman ohne große Worte, aber mit den richtigen Worten.

Barbara Wegmann


Annette Pehnt: Haus der Schildkröten. Roman. Piper Verlag 2006. 183 Seiten. 16,90 Euro.

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Mr. Charms ist nicht zu fassen!

Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

Die Jugend endet auf dem Campingplatz

Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter