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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:42

     

    Benjamin Kunkel: Unentschlossen

    08.10.2006


     Sozialisten ficken froher

    Wen der Zustand des prototypischen US-Linken interessiert, dem hat Benjamin Kunkels Roman
    Unentschlossen viel zu bieten. Wer gute Prosa sucht, wird auch ein bisschen fündig.

     

    Die Literatur der vergangenen 100 Jahre ist voll von Romanen, die ihre Entstehungszeit einfangen und spiegeln. Die US-Literatur der vergangenen 100 Jahre ist voll von Romanen, die jene Zeit nicht nur einfangen und spiegeln, sondern sie auch fortschreiben und verändern. Diese Tradition reicht von Sherwood Anderson über William Faulkner und William Gaddis bis zu Tom Wolfe; Romane wie Winesburg, Ohio, Sanctuary, JR und The Bonfire of the Vanities haben sich mit quälender Schönheit, Melancholie, Spott und fiebriger Beobachtung häufig genauso stark in lokale, regionale und nationale Wirklichkeiten eingeschrieben wie die selbstherrliche politische und ökonomische Brauchtumspflege.

    Mit Benjamin Kunkel führt nun ein junger US-Autor diese Tradition fort. Sehr bewusst, wie es scheint, denn sein Romandebüt Unentschlossen tritt mit dem Anspruch auf, nicht mehr und nicht weniger als ein literarisches Abbild des Lebens eines prototypischen jungen, weißen, urbanen Amerikaners von heute zu sein. Dieser Amerikaner heißt im Roman Dwight Wilmerding, ist 28 Jahre alt, lebt in einer Jungs-WG in New York, hat Philosophie studiert, arbeitet aber im Software-Callcenter eines Pharmakonzerns, kommt aus einer Scheidungsfamilie, hat Probleme, Beziehungen über eine längere Phase aufrechtzuerhalten, mag Drogen und charakterisiert sich selbst als extreme Ausformung des unentschlossenen Menschen.

    Dwight weiß nie, was er tun soll, kann, möchte: „Nicht selten lag ich nachts wach und fühlte mich wie ein Fetzen Soziologie, den es in den für ihn vorgesehenen Winkel der Welt geweht hatte.“ Münzwürfe nehmen ihm die Entscheidungen ab. Größere Schwierigkeiten hat er dadurch nicht, ist doch fast seine gesamte Umgebung von dem geprägt, was er die „Dwightigkeit der Welt“ nennt und damit eine ebenso unentschiedene Mittelmäßigkeit von beinahe allem und jedem meint. Beinahe, denn das gilt nicht für seine Firma, die ihn plötzlich rauswirft, und auch nicht für seine lesbische Schwester Alice, eine Kommunistin.

    So hat Kunkel alles bereit gelegt, um nicht nur die Story eines jungen Liberalen zu erzählen, der zum Linken werden wird, sondern auch die eines Landes, das nach 9/11 erst unentschlossen zögert und dann nach rechts zusammenrückt. Dwight hat die Anschläge auf die Twin Towers unter dem Einfluss von Ecstasy erlebt; Kunkel inszeniert das als einen Moment grandioser Komik, um danach ernst zu machen, was die noch folgende Komik wiederum hübsch vorantreibt.

    Das gilt etwa für Dwights Lieblingsphilosophen, den im Roman hinter dem wunderschönen Pseudonym Otto Knittel versteckten Waldschrat Martin Heidegger. Dessen Anregung, den „Unternehmungsgrund des Individuums“ zu suchen, nimmt Dwight dankbar auf und findet auch nur wenig später einen: „Ich überlegte, wie gern ich doch pinkelte, und eigentlich auch nieste, schiss, Ohrenschmalz aus den Ohren oder Rotz aus der Nase popelte, ejakulierte oder spuckte, und wie gern ich mich sogar übergab, wenn mir schlecht war – all diese Dinge. Vielleicht würde ich nie ein kluger und entschiedener Mensch, aber wenigstens lag ein ganzes Leben des Ausscheidens und anderweitigen Entsorgens vor mir.“

    Ähnlich eloquent und despektierlich antwortet an einer anderen Stelle Dwights Vater auf die Ausführungen seiner marxistischen Tochter Alice, die ihn nach der kommenden Revolution verschonen will: „Etwas mehr Rückgrat, wenn ich bitten darf. Ein Revoluzzer darf nicht so zimperlich sein. Ich bin Warenterminhändler. Wenn ihr mich nicht umlegt, wen denn dann?“ Das konservative Amerika weiß sich selbst dort zu wehren, wo die Linke noch nicht einmal angegriffen hat, und eine der im Roman bisher entschiedensten Figuren hat ihren kapitalistischen Meister schneller gefunden, als sie eine Protestmail weiterleiten kann.

    Kunkel wendet Hegels Dialektik gleich auf mehreren Ebenen an. Dwights Unentschlossenheit soll mit dem Medikament Abulinix therapiert werden, auf dass ihm endlich Entscheidungen möglich werden. Im Dschungel Ecuadors geht ihm dann auf, dass Entschiedenheit auf Dauer auch nicht das Wahre sein kann. So wird er schließlich, um überhaupt mal etwas zu entscheiden und dabei doch nichts zu verändern, „demokratischer Sozialist“.

    Auf einer anderen Ebene steht Kunkels ganzer Wirbel um Unentschlossenheit und Mittelmäßigkeit allegorisch für Demokratie, hier verstanden als viel Reflexion bei eingeschränkter Handlungsfähigkeit. Aus linker Perspektive wird ihr der Sozialismus als Handeln bei eingeschränkter Reflexion entgegengestellt. Die Synthese aus beidem wäre reflektiertes Handeln, was im Buch schlicht demokratischer – sprich: gewaltloser – Sozialismus heißt. Das ist so prätentiös wie banal und zugleich ein fast so großer Scheiß wie gewaltloser Sozialismus an sich. Zum Glück kriegt Kunkel noch die Kurve. Denn Dwight sagt auf einmal: „Jetzt, wo ich Sozialist war, machte mich das Ficken froh.“

    Das ist doch mal eine Nachricht, und da sie zwischen den üblichen marxistisch-soziologischen Trikontanalysen über Unterentwicklung und Ausbeutung sowie reichlich Konsumkritik daherkommt, stimmt sie umso froher. Als Linker weiß Kunkel natürlich, dass Ironie, wenn sie wie gegenwärtig im Mainstream zu Hause ist, nicht mehr subversiv sein kann. Andere, teils direktere, teils subtilere Formen von Humor lösen die Ironie in Unentschlossen nach und nach ab. Das gelingt mal besser, mal schlechter.

    Die politische Fiktion des Romans entspricht dem literarisierten Archiv der linken US-Magazine n+1 (das Kunkel mitgegründet hat und das sich eng an die Kritische Theorie anlehnt), The Nation und Dissent (in beiden ist er regelmäßiger Autor). Erstaunlich daran ist Kunkels Courage des Simplen, sich also mit dichterischen und humoristischen Mitteln recht einfach und ernsthaft an die Verfasstheit und mögliche Veränderbarkeit einiger linker Subjektformen heranzuarbeiten. Erfreulich ist der Versuch, postmodernes Denken und Handeln an materialistische Theorie und praktische Verbindlichkeit zu koppeln und dann zu sehen, was dabei herauskommen könnte.

    Ärgerlich bleiben die (semi-) philosophischen Selbstbespiegelungen, ihr Niveau liegt knapp über dem von Sophies Welt und knapp unter dem Pessimismus Schopenhauers. Vor allem aber nervt die überladene Symbolik. Wo handfeste Dinge wie Taranteln, Sex und Drogen nur zur barocken Allegorie oder zur psychoanalytisch-tumben Metapher taugen, da kippen künstlerische und politische Interventionen wie von selbst in Individualesoterik und Sozialromantik. So pendelt der Roman immer weiter zwischen grotesk-analytischer Komik und seichtem Linkskitsch hin und her, ganz postmodern unentschlossen eben.

    Damit schließt sich der Kreis. Geschichte wiederholt sich nicht, weder als Farce noch als Tragödie. Folgt man Kunkel, so sollte Literatur das auch nicht tun. Man merkt erst spät, wie adrett dieser junge linke Autor seine, unsere Zeit gespiegelt hat. Längst ist er samt der Story um Dwight Wilmerding uneitel in den Hintergrund getreten. Sein Buch ist so gut oder schlecht wie die Epoche, die es hervorgebracht hat. Wie man zu ihr steht und ob man dort in Andacht und Erstaunen stehen bleiben oder ob man sie fortschreiben und verändern will, hat jeder selbst zu entscheiden. Selten war Literatur so demokratisch. Und selten war eine Einladung zum demokratischen Sozialismus so unaufdringlich und sympathisch.

    Maik Söhler


    Benjamin Kunkel: Unentschlossen. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Röder. Bloomsbury Berlin 2006, 320 Seiten. 19,90 Euro.

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