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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 11:53

     

    Altaf Tyrewala: Kein Gott in Sicht

    06.10.2006


    Beeindruckende Stimmenvielfalt

    Schlächter und Poesielehrer, Drogendealer und Geschätsmänner lernt man unter anderem kennen bei dem Zug durch Mumbai, den Tyrewala mit seinem Roman für den Leser unternimmt. Die entstehende Stimmenvielfalt verwaltet er sehr geschickt.

     

    Der Roman wirkt, nimmt man ihn zuerst in die Hand, auf angenehme Weise fremd und ungewohnt, mit den gerade mal 190 Seiten, die er zwischen den Buchdeckeln einklemmt: ein indischer Roman ist also nicht zwangsläufig ein ehrfurchtsgebietendes Trummwerk von einem Epos, für das man sich eine Woche lang allen, aber auch wirklich allen, sozialen Verpflichtungen entziehen muss, um ein Verständnis an die Geschichte legen zu können. Eine beeindruckende Stimmenvielfalt lässt sich, Tyrelawa beweist es hier recht lässig, verkürzt und beschleunigt zelebrieren, ohne fahrig zu wirken. Seine Protagonisten rekrutiert er aus allen Lebenslagen des gegenwärtigen Mumbai (des früheren Bombay), ohne dass er dabei zu spezifisch ins Detail gehen oder einen sonderlich großen Regionalbezug schaffen würde: die Stadt brummt, kocht in einer Hitze, die durch die Luftfeuchte der heran ziehenden Monsunzeit erst richtig erfahrbar (und für die Charaktere: erleidbar) wird und bildet wie eine echte Metropole die Extreme des sozialen Spektrums besonders deutlich aus. Und die Charaktere sprechen, dürfen auch alle selbst sprechen oder eben denken – der Roman ist die keineswegs lose oder zufällige Abfolge von etwa zwei Dutzend inneren Monologen, über die sich manchmal eine außenstehende Erzählstimme zu schalten scheint, um kleine Kommentare und Außenperspektiven einzuschweißen: in irgendeiner Instanz scheint ihnen allen irgendjemand zuzuhören und macht aus ihren Selbstgesprächen Dialoge.

    Da sind unter anderem ein Hühnerschlächter mit dunkler Vergangenheit zu hören, ein Bettler, ein geschäftsmännischer „Siddharta wider Willen“, ein korrupter Senior Constable der örtlichen Polizei und, gewissermaßen als indirekter Namensgeber des Romans, ein halbfertig studierter Abtreibungsarzt, der „Engelmacher“, in dessen Praxis die erste Geschichte beginnt und die letzte endet. Als erzählerischer Rahmen ist diese nicht so sehr wegen ihrer „Gottlosigkeit“ interessant, als vielmehr wegen ihrer Menschlichkeit – bei aller Tragik ist sie doch ein Ort, an dem sich Probleme einfach, medizinisch, rational lösen lassen. Da mag es Gewissensbisse geben (die hat mit einer ziemlich ausgeprägten masochistischen Lust ER, nicht SIE), aber keine ethischen Dilemmas, die die Menschen bewaffnet auf die Straße bringen.

    Ethnisch-religiöse Konflikte

    Mehr Konfliktpotential trägt der unter- und oft auch überschwellige Kampf zwischen Hindus und Moslems in Mumbai, der sich als starkes und mächtiges Leitmotiv durch den Roman ziehen lässt. Viele der Charaktere gestalten ihr Leben, mehr oder weniger kreativ, in diesem Spannungsfeld, in dem manchmal sehr wenig reicht, um von einem konventionell-freundlichen Gespräch zu einer ethnischen Anfeindung überzugehen – gestalten ihr Leben und kämpfen sehr entschlossen um ihre kleine Nische und ihr kleines (Familien-)Glück. Als Bürger zweiter Klasse eignen sich die muslimischen Bewohner der Stadt als Projektionsflächen einer ganzen Reihe von ethnischen Vorurteilen, die der Roman durch die Stimmen seiner Charaktere mit lakonischer Distanz, manchmal auch mit Wut kommentiert. Um den Anschlag einer muslimischen Splittergruppe, der hier als Möglichkeit angerissen wird, lenkt Tyrewala den Erzählstrom ziemlich geschickt, nimmt damit aber ungewollt die blutige Serie von Anschlägen voraus, die im Juli 2006, an mehreren neuralgischen Punkten des U-Bahn-Netzes gezündet, nahezu 200 Einwohnern von Mumbai das Leben kosteten.
    Und auch der Verdacht gegen den Nachbar Pakistan, den die indische Regierung mittlerweile recht konkret äußert, hängt im Denken mancher der hier gescharten Erzähler. Wenn es über ihren Stimmpegel hinaus noch eine unabhängige Erzählstimme gibt, ist sie nicht bereit, deutliche Wertungen anzubringen, schon gar nicht in irgendeinem politischen Sinne, der die Lösung der ethnisch-religiösen Konflikte auf der Agenda hat. Manche der Charaktere bleiben, andere gehen ins amerikanische Exil, nur einer der Erzähler, ein Bettler, klinkt sich aus den Mechanismen der Gesellschaft ganz aus, und in seiner vereinfachten Welt haben Essen und Sex einen Platz, aber nicht Profanitäten wie der Glanz des Vollmondes: „Wenn du ein Bettler bist, dann hast du keine Worte mehr für solche außergewöhnlichen Dinge.“

    Der heimliche Held des Romans ist und bleibt aber der Hühnerschlachter, der in die Stadt migriert ist, nachdem er zuhause zwei Männer standrechtlich ermordete, als diese gerade ein achtjähriges Mädchen vergewaltigten: er arbeitet im Dreck (in der Tat nur wenige Schritte von einer offenen Kloake oder, wenn man das Bild bemühen will, einem stinkenden Urpfuhl, entfernt), nimmt Leben, gibt damit Leben und schafft es, in diesem blutigen Zyklus seine Menschlichkeit zu bewahren. Er bleibt vor Ort, wie praktisch auch alle anderen Charaktere aus ihrer Erzählung wieder zurück in die Millionenmetropole eilen und ihr Leben dort annehmen. Ihre Zivilisation ist schließlich auch die einzige, die sie haben.

    Daniel J. Gall


    Altaf Tyrewala: Kein Gott in Sicht. Aus dem Englischen von Karin Rausch. Gebunden. Suhrkamp 2006. 184 Seiten. 19,80 Euro.

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