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Gert Loschütz: Die Bedrohung

01.10.2006


Schleichende Bedrohung

Loschütz hantiert genial und verwirrend mit Trugbildern und Realitäten, täuscht und spielt mit dem Leser. Ein Roman, den man von Anfang an mit feinen Antennen lesen sollte, denn es lohnt sich.

 

In diesem Buch ist viel die Rede von Wegen, verschlungenen, geheimnisvollen, unbekannten Wegen, man weiß nie genau, wohin sie führen, wer einem dort begegnet, ob man sicher ist. Und dann sind da Menschen, die sich alle im Laufe der Geschichte als überaus mysteriös entpuppen, irgendwie eigenartig agieren, Menschen, die man nicht richtig einschätzen kann.

Aber fangen wir von vorn an: Literaturredakteur Matthias Loose hat vor kurzem seinen Job aufgegeben und will sich nun verstärkt seinen Schreibprojekten widmen, „vier, wenn nicht fünf Essays, von denen jeder den Umfang eines kleinen Buchs haben würde“. Aber irgendwie kriegt er nichts zustande, sammelt akribisch Zettel, stapelt Blätter, pinnt Notizen an Wände, ordnet, heftet ab, aber „dann zeigte sich, dass die Sache schwieriger war als angenommen“. Ablenkung verspricht eine Einladung der Botanischen Gesellschaft von Professor Maurer. Ihn kennt Loose seit längerem: Schließlich hatte er ihm durch die Veröffentlichung einiger Artikel karrieremäßig etwas auf die Sprünge geholfen. Looses „Formulierungskunst“ soll der Tagung sozusagen den letzten Schliff geben.
In der Nähe des Tagungsorts sind die „Einwohner der kleinen Ortschaft Niem, nahe B., beunruhigt“. Es soll dort eine Reihe von Selbstmorden im nahe gelegenen Wald gegeben haben. Eine Nachricht, die Looses journalistischen Spürsinn weckt. Was hat es mit dem „Selbstmordwald“ auf sich?

Überraschende Wende

Ja, was soll’s, fragt man sich seitenlang, ganz nett erzählt, unauffällig formuliert. Inhaltlich, stilistisch wenig Überraschendes, nichts, wo man meint, aufhorchen zu müssen. Aber Vorsicht: das Blatt wendet sich zwar erst spät, aber dann sehr überraschend, und im Nachhinein erkennt man, wie schleichend es begann. Immer skurriler wird die Situation, in die Loose sich hineinmanövriert. Erst der Umgang mit den Mitgliedern der Botanischen Gesellschaft, die wie Abziehbilder wirken, wie Statisten, irgendwie leblos. Und auch als die Gesellschaft längst abgereist ist, bleibt Loose besessen von seinen Recherchen. Befragungen von Einwohnern werden peinlich genau abgetippt, er kauft ein Diktiergerät, um seine Gedanken und Mutmaßungen festzuhalten. „Ich bin überzeugt davon, dass von diesem Ort eine Bedrohung ausgeht, und ich bin sicher, dass sie es auch wissen. Aber welchen Sinn hätte es, ihnen nachweisen zu wollen, dass sie lügen? Alle hier.“ Er beobachtet schließlich auch jeden Dorfbewohner, vom Briefträger bis zum Waldarbeiter, die Löcher bohren und mit Drahtzäunen hantieren. Und: Loose fühlt sich verfolgt: „Auf dem Rückweg ... folgen mir im Abstand von etwa hundert Metern zwei Männer …“

Spiel mit Trugbildern und Realitäten

Die Schlichtheit des Romans sollte man nicht unterschätzen: Da geht es humorvoll zu wie bei Loriot, karikierend und entlarvend: „Kaum zeigte sich, dass sich ein Wissenschaftler verständlich ausdrücken konnte, ja, dass er unterhaltsam war, wurde das Fernsehen auf ihn aufmerksam.“ Andererseits wird eine Kulisse der Bedrohung aufgebaut, ganz langsam und unmerklich. Selbstmorde, ein düsterer Wald, unfreundliche und abweisende Einwohner, überall Feindseligkeit, undurchsichtige „Leichenfänger“, die angeblich im Wald aufpassen, „dass sich keiner was tut“. Irgendwie, so denkt Loose, spinnt sich kokonartig eine Verschwörung um ihn. „Kommt mir vor, als stünde ich unter Bewachung.“ Loschütz hantiert genial und verwirrend mit Trugbildern und Realitäten, täuscht und spielt mit dem Leser. Ein Roman, den man von Anfang an mit feinen Antennen lesen sollte, es lohnt sich. Am Ende ist Loose entschlossener denn je: „Weiß jetzt, was ich zu tun habe ... Werde selbst in den Wald gehen ...“ Wahnsinn, dieser Roman, im wahrsten Sinne!

Barbara Wegmann


Gert Loschütz: Die Bedrohung. Frankfurter Verlagsanstalt 2006. 192 Seiten. 19,90 Euro.

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