TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 30. März 2017 | 16:31

 

Douglas Cowie: Owen Noone

01.10.2006

 
Wir singen den Yankee Doodle

Dass Folk-Elemente oft sehr leicht und originell ihren Weg in die Rock-Musik finden, ist bekannt. In seinem Debütroman packt Douglas Cowie beides, Rock und Folk, in eine Geschichte von Freundschaft, Gier und der Lust an der Gitarre, die schnell abläuft, aber langsam erzählt wird. Ungeachtet einiger Anfängerfehler, überzeugt das Ergebnis.

 

Eines muss man dem Roman lassen – er ist halbwegs nahe am musikalischen Nerv: im Mittelpunkt der Handlung steht eine minimalistische Zwei-Mann-Band, die stark folklastigen Gitarrenrock schrammelt und alten Klassikern – wie eben dem Yankee Doodle – neues Leben einhaucht. Gut, beides, die Folkeinflüsse und die minimalistische Ausrichtung, die auf Bass und Schlagzeug verzichtet, sind nicht mehr ganz der letzte Schrei, aber doch gerade noch interessant genug, um von diesem Schreibenden hier als immer noch cool gewertet zu werden. Die Geschichte ist archetypisch oder vielleicht auch nur typisch: von der rauchigen Siffe eines kleinen Clubs in Peoria (einer Stadt in Illinois, die man noch nicht einmal kennen muss, wenn man sie schon mal durchfahren hat) über den New Yorker CBGB-Club (die Wiege einer Legion legendärer Bands, wie etwa der Ramones, Agnostic Front und Sick of it all – ironischerweise kommt der Roman als Referenz gerade zu einem Zeitpunkt, wo der legendäre Club kurz vor der Schließung steht) bis hin zu den großen Bühnen – die beiden Bandmitglieder von Owen Noone and the Marauder (so auch der englische Titel des Romans) durchlaufen alle Stadien des Rockruhms, entfremden sich dabei, werden ein wenig größenwahnsinnig, bis der Held, Owen Noone, schließlich untertaucht und verschwindet. Am Plot der Geschichte ist nichts, aber auch gar nichts, originelles. An irgendeiner Stelle wird dem Autor dann unvermittelt klar, dass er seinen Roman beenden muss, und genau so endet er dann auch, unvermittelt. Wie immer man das Verschwinden des Helden auch plausibel machen will – mehr als eine erzählerische Schlamperei ist es nicht, ein letzter Rettungsanker, wenn man die Beziehungen der Charaktere untereinander ausgesponnen hat und nicht weiß, wohin mit ihnen. Das Ende tut dem Roman nicht gut.

Arbeitsehepaare

Um nicht andauernd in gedanklichen Großbuchstaben schreiben zu müssen, drückt Cowie seinen Erzählstrang erst gar nicht dem namensgebenden Helden in die Hand – erzählen darf vielmehr sein stiller und beherzt-langweiliger Freund, der in der Band den Rhythmusgitarristen gibt. Wie ein Monolith ist er aufgestellt, hat seinen hyperaktiven und lauten Freund Owen um sich kreisen und kommentiert seine Drehungen. Gerade weil sie durch diese nüchterne Instanz vermittelt wird, nimmt die Musik dann auch die zentrale, lebensspendende Position ein, die sie in diesem Roman offensichtlich mit Muskelmasse füllen soll: auf der Bühne dreht der ruhige Erzähler auf, genießt die Bewegung über die harten Metallsaiten und die wummernd-verzerrte Gewalt der Gitarren. In seiner Lust an manchmal verstimmten, immer aber energetischen Gitarrenangriffen erinnert das Duo des Romans vielleicht am ehesten noch an die White Stripes – schief und jenseits jedes gehaltenen Tones singen kann ja gerade auch Jack White sehr ausdauernd. Es steckt, hier wie da, eine gewisse Dynamik in der Beziehung der beiden Protagonisten, die Romantik freilich eher aus- als einschließt – Owens Spontan-Ehefrau Anna, geehelicht in einer billigen Kapelle in Las Vegas, nimmt schließlich Reißaus und überlässt die beiden Freunde sich selbst. In ihrer Beziehung hat die Erzählung dieses Romans ihr Treibmittel, als Kommentar auf die Unwägbarkeiten der Musikindustrie ist er dann aber einfach obsolet, weil schon tausende Male gemacht. Diese Geschichte zweier Freunde, die gemeinsam lernen, das Instrument zu spielen und die anschließend mit ihren Fähigkeiten durch den Kontinent touren, immerzu spielend, um zu leben, hat etwas und spielt sehr selbstverständlich mit alten Motiven der amerikanischen Literatur, wie man sie auch bei Mark Twain liest: das Reisen entlang der großen (Wasser-)Straßen, die Emanzipation von den Engen der Familienwelt, die konsequente Unterwanderung unsinniger sozialer Normen, um stattdessen einfach Menschlichkeit einzusetzen. So wie Huckleberry Finn die Institution der Sklaverei außer Kraft setzt, so sabotieren diese beiden, Owen und sein Marauder, die Maschinerie der Musikindustrie, immer in dem Bemühen, einfacher, authentischer zu werden, echter. Das gelingt ihnen nicht ganz – Owen verschwindet, siehe oben, ja schließlich und lässt Erzähler und Leser wartend zurück.

Daniel J. Gall


Douglas Cowie: Owen Noone. Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch 2006. Broschiert. 327 Seiten. 9,95 Euro.

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