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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 09:55

     

    Thomas Hürlimann: Vierzig Rosen

    01.10.2006

     
    Immerzu lächeln

    Vier Jahre schrieb Hürlimann an seinem neuen Roman. Lohn der Mühe:
    Vierzig Rosen wurde für den Deutschen Bücherpreis nominiert.

     

    Vier Jahre hat der 56-jährige Schweizer Thomas Hürlimann an seinem neuen Roman gearbeitet und war dafür eigens aus Einsiedeln nach Berlin umgezogen. „Ich spürte, dass ich diese Geschichte dort nicht schreiben konnte“, erklärte der Jean-Paul-Preisträger des Jahres 2003. Doch große Teile eben dieser Geschichte kennt man bereits in Fragmenten aus den Vorgängerwerken Der große Kater (1998) und Fräulein Stark (2001), denn Hürlimann hat wieder einmal die eigene Familiengeschichte als thematischen Hintergrund gewählt.
    Nachdem sein Vater, der Bundesrat Hans Hürlimann, im Mittelpunkt des „Katers“ stand, folgte der o­nkel mütterlicherseits in seiner Rolle als Stiftsbibliothekar in Fräulein Stark, und nun hat Hürlimann die Perspektive noch einmal gewechselt und seine Mutter in den Handlungsmittelpunkt gerückt.

    Gegen diese Methode an sich gibt es keine Einwände, da nicht faktenorientiert, sondern mit erheblichen Verfremdungen gearbeitet wird. Sein erzählerisches Talent hat Hürlimann überdies schon hinlänglich unter Beweis gestellt. Dennoch wirkt dieser Roman für all diejenigen, die die vorangegangenen Werke bereits kennen, trotz des Perspektivwechsels nur wie ein handwerklich sauberes Remake.

    Für den Vater (hier heißt er Max Meier), der noch unsympathischer gezeichnet ist als in Der große Kater, zählt einzig die politische Karriere. Als Jugendlicher hatte er schmierige Hetzereien gegen Juden verfasst, später die aus der jüdischen Familie Katz stammende Marie (sie konvertierte mehr oder weniger zwangsweise zum Katholizismus) geheiratet und sie als erfolgreiches Wahlkampfinstrument eingesetzt. Hoffen wir, dass gegen Hürlimann nicht wie nach dem Erscheinen von Fräulein Stark erneut der unsinnige Vorwurf des Antisemitismus erhoben wird, nur weil eine seiner Handlungsfiguren sich dementsprechend artikulierte. Das wäre mindestens ebenso widersinnig, wie wenn man in jedem Krimiautor einen potenziellen Mörder sähe.
    Max, dieser lupenreine Opportunist und gnadenlose Selbstinszenierer, an dessen Seite für andere Personen kein Platz zur Selbstentfaltung bleibt, arrangiert sich auch mit der wohlhabenden jüdischen Familie seiner Frau.
    Marie war einst eine hoch talentierte Pianistin, die ihrem Mann zuliebe die eigenen künstlerischen Ambitionen aufgab. Die Totgeburt ihrer Zwillinge und der frühe Krebstod eines Sohnes führen dann zu einer gravierenden inneren Zäsur. Fortan führte sie ein Doppelleben: „Ein Leben nach außen, eins nach innen.“ Die Bundesratsgattin verbreitet stets gute Laune zum bösen Spiel. „Lächeln, Marie, immerzu lächeln“, lautete ihre Devise für das äußere Leben, in dem sie sich als „Meiers Wahlplakat“ empfand. Im Gegenzug revanchierte sich der Ehemann alljährlich zu Maries Geburtstag mit einem prunkvollen Empfang in einem Berner Hotel und mit vierzig Rosen.

    Thomas Hürlimanns erzählerisches Herz schlägt für seine Mutter, die sich aufopferungsvoll (bis zur Selbstaufgabe) in ihre vom Ehemann vorgeschriebene Rolle fügte. Sie könnte tatsächlich ein Vorbild für Eva Hermans mit allerlei öffentlichem Gepolter propagiertes (und höchst fragwürdiges) neues Frauenbild sein.

    Die Crux an der Marie-Figur bei der Lektüre: Man will ihr – unabhängig von der realen Biografie der Hürlimann-Mutter – nicht recht folgen, weil sie sich in einer selbst gewählten Not befand und demütig ihrem Schicksal „auf hohem Niveau“ ergab. Eine solch passive Figur, die sich wie eine Dame auf dem Schachbrett hin- und herschieben lässt, kann nur schwerlich Gefühle evozieren. Allein durch Mitleid entsteht keine intensive innere Anteilnahme. Trotz Hürlimanns ehrbarer Ambition, seiner Mutter ein literarisches Denkmal setzen zu wollen, bleibt die Marie-Figur ebenso fremd wie Vater Max. Personen, die auf einem Sockel thronen, als erstarrte Monumente, wie in Stein geschlagen.

    Peter Mohr


    Thomas Hürlimann: Vierzig Rosen. Ammann Verlag. Zürich 2006. 364 Seiten. 19,90 Euro.

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