TITEL kulturmagazin
Freitag, 24. März 2017 | 18:56

 

Nora Bossong: Gegend

17.09.2006


Es blendet so dunkel

Ein sommerliches Grundstück, eine Frau auf der Suche nach ihrer Halbschwester, ein Vater auf der Suche nach seiner unehelichen Tochter – in ihrem Debütroman
Gegend schreibt Nora Bossong von einer geheimnisvollen Suche nach der Familie und der eigenen Zugehörigkeit.

 

Eine junge Frau kommt gemeinsam mit ihrem Vater auf ein Grundstück mit Haus und Garten in einer heißen, ockerroten Gegend. Auf diesem Grundstück lebt Marie, die Halbschwester der Frau, die uneheliche Tochter des Vaters, die beide noch nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen haben. Auch Maries Mutter, die Affäre des Vaters vor fünfzehn Jahren, sollte hier wohnen. Der jungen Frau und dem Vater offenbart sich in der sommerlichen Hitze des Grundstücks jedoch eine eigene, grausame Welt: Marie möchte nicht mit dem Vater reden; Fabian, Maries Halbbruder, weigert sich, der Frau und dem Vater zu erklären, warum Marie so verschlossen ist, und dann gibt es noch Lo und Jakob, die ebenfalls in die familiären Gespinste verwickelt zu sein scheinen – auf welche Art und Weise, bleibt zunächst unklar. Immer größer wird nun die Angst der Protagonistin, ihren Vater an die geheimnisvolle Marie zu verlieren, gleichzeitig erliegt sie selbst immer mehr dem dunklen Charme ihrer Halbschwester.

Gegend ist der Debütroman der 1982 geborenen Autorin Nora Bossong, die für Teile des Manuskripts bereits das Leipziger Literaturstipendium und das Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung erhielt. Dicht und dunkel verwebt sie in diesem Roman die südliche Hitze und die karge Natur mit dem Schicksal ihrer Protagonisten. Die Suche nach der Halbschwester, nach der Familie wird zu einem Spiel, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt, denn es scheint unmöglich, das Grundstück noch zu verlassen, hat man sich einmal auf dessen Bewohner eingelassen. Bossong beschreibt komprimiert, kommentar- und fast emotionslos die Verstrickungen zwischen den Gästen und den Bewohnern des Grundstücks und gewinnt selbst dem heißen, hellen, blendenden Sommer eine dunkle Seite ab.

Die komprimierende Schreibweise, die einen ganz eigenen Ton der Autorin transportiert und die Ereignisse auf angenehme Art eher andeutet als interpretiert, ist allerdings gleichzeitig auch das Manko des Romans. Bis zum Schluss bleiben alle Charaktere blass, sie unterscheiden sich nicht – die sechs Protagonisten sind schweigsam, latent aggressiv und unfähig zu einigenden Gesprächen –, auch die innere Beschaffenheit des Grundstücks, seine Abgeschlossenheit nach außen, der Grund seines Banns erschließen sich bis zum Ende nicht. Wieder einmal stellt sich das Gefühl ein, es mit einer viel versprechenden jungen Autorin zu tun zu haben, die für substanzielle, gänzlich ausgereifte Geschichten einfach noch zu wenig Lebenserfahrung besitzt.

Katharina Bendixen


Nora Bossong: Gegend. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 2006. Hardcover. 128 Seiten. 16,90 Euro.

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Mr. Charms ist nicht zu fassen!

Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

Die Jugend endet auf dem Campingplatz

Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter