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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 11:54

     

    Curtis Sittenfeld: Eine Klasse für sich

    10.09.2006

    Kaskaden von Workshop-Phrasen

    J. D. Salinger war Anfang 30, als er den Fänger im Roggen veröffentlichte und damit eine Klasse für sich schuf. Die amerikanische Nachwuchsautorin Curtis Sittenfeld ist ebenfalls Anfang 30 und nimmt sich in ihrem Debütroman eines sehr ähnlichen Themenfeldes an – leider fehlt die Klasse für einen vergleichbar großen Wurf.

     

    Sittenfeld ist, so viel Information rückt der Klappentext heraus, Absolventin des renommierten Writer’s Workshop der University of Iowa – und das merkt man ihrer Prosa auch an: unter all den diszipliniert ausgeschnittenen Sätzen mag tatsächlich so etwas wie ein eigener Stil, eine echte Stimme stecken, aber um diese zu finden, muss man sich eben durch Kaskaden von Workshop-Phrasen wühlen, bei denen die Originalität nur gerade so schwerer wiegt als die Peinlichkeit. Was im ganzen Roman nicht mehr aufhört, fängt in seinem ersten Satz an: „Ich glaube, alles oder zumindest der Teil von allem, der mich betrifft, begann mit einem Missverständnis in Römischer Architektur.“ Missverständnisse gibt es für Lee, die 14-jährige Protagonistin viele, nachdem sie aus dem tiefen, ländlichen Indiana auf ein Elite-Internat an der Ostküste aufgenommen wird. Vier Jahre Internatsleben, von der ersten Woche bis zur Abschlussfeier, sind der zeitliche Rahmen der Erzählung, die keine größere Spannung hat, auch nicht haben kann, da die Lebensinhalte 14–18-jähriger Teenager in westlichen Gesellschaften einfach ein mäßig-prickelnder Stoff sind. Und auch die Erzählperspektive ist nichts, was dem Roman einen Stempel aufdrücken könnte – anders als in Salingers legendärem Roman, den amerikanische Besprechungen von Sittenfelds Werk fast zwangsläufig als Referenz aufrufen, ist der Zugriff der Ich-Erzählerin hier ein weniger mittelbarer. Anstatt direkt am Geschehen zu berichten, breitet sich die Handlung aus einer vollen und genossenen Retrospektive aus, mit all der Melancholie und dem Wehmut, den das impliziert.

    Jahre und Jahre nach ihrem Abschluss schaut die Erzählerin zurück auf ihr Internatsleben und lässt, man muss es sagen, dabei keine Möglichkeit aus, effektiv die Tränendrüse zu bedienen. Gleichwohl, ein halbwegs produktiver Konflikt ist als Leitmotiv vorhanden, wenn der Roman immer wieder die abgeschlossene Welt der Ostküsten-Elite hinterfragt, wo wohlhabende Eltern ihre Kinder durch kostspielige Internate auf die jeweilige Elite-Universität der Wahl schleusen, ohne jemals in die Gefahr zu geraten, die Mores ihrer Welt zu hinterfragen – als Außenseiterin hat Lee nur die Möglichkeit sich durch penible Einhaltung der Spielregeln zu assimilieren, und den Kampf mit diesem Erfolgsdruck stellt Sittenfeld gut dar und hält ihre Protagonistin konstant auf der Bewegung zwischen den beiden Polen ihrer Erfahrung: ihr Vater mag nur ein unspektakulärer Matrazenhändler sein und nicht den Glamour haben, den die Ostküsten-Intelligenz gerne sieht, und trotzdem schafft Lee es, Teil dieser elitären Gemeinschaft zu werden, wenn auch nur, um das System von innen zu zerlegen. Am Ende ihrer Schulzeit wird ihrem Internat die Aufmerksamkeit der New York Times zuteil, und in einem Interview legt Lee ganz unbedarft und gründlich die Schwächen und Selbstgefälligkeiten der Bildungselite frei. Sie hat sich selbst in diese Elite gekämpft, und endlich schließt sie sich selbst wieder aus ihr aus, denn ihre Kritik wird freilich mit Verachtung begrüßt und angenommen.

    Braune Locken an Mädchenschwärmen

    Die Ereignislosigkeit dieser fiktiven Memoiren ließe sich ganz sicher leichter tragen, wenn nicht an vielen Stellen mit einer Leichtigkeit Stereotypen bewegt würden, die auf Kalkül hinweist: die Zielgruppe dieses Romans ist weiblich, noch jung genug, um an die Frivolitäten der eigenen Schulzeit einigermaßen deutlich zurückdenken zu können und dankbar für jedes Fitzelchen Romantik, das sich aus den Seiten lesen lässt. Diese potentielle Zielgruppe würde auch Kurzliebesromane in Frauenzeitschriften aufsaugen, aber das hier ist kein Kurzroman, und eigentlich ist die Erzählung zu sauber und gekonnt ausgeführt, um sich an nicht wenigen Stellen mit Plattheiten selbst zu schwächen: die Quotenlesbierin des Internats hat natürlich eine „kurze Stachelfrisur“, der obligatorische Mädchenschwarm hat eine Aura und fasziniert durch „seine Größe, seine helle Haut und das krause braune Haar, seine blauen Augen, in denen zugleich Klugheit und Langeweile lagen“, und selbstredend verliert Lee nach mehreren verschmachteten Jahren ihre Unschuld an ihn und niemanden sonst. Das alles mag soweit stimmig sein. Ganz sicher verlieben sich andauernd weibliche Teenager in Jungs mit krausem Haar und blauen Augen. Aber interessant ist das nicht und schon gar nicht, wenn es in die vorhersehbarsten Begriffe gefasst ist. Und das ist schade, denn manchmal blitzt unter all diesen säuselnden Plattheiten eine Originalität auf, mit der die Protagonistin Lee in diese scheinbar ewig vernebelte New-England-Umgebung gemalt ist, dass man sich mehr wünscht und die 532 Seiten vergeblich nach mehr ausschüttelt.

    Daniel J. Gall


    Curtis Sittenfeld: Eine Klasse für sich. Deutsch von Verena von Koskull. Aufbau Verlag 2006. Gebunden. 532 Seiten. 19,90 Euro.

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