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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 19:11

     

    Isabell Frank: Schattental

    03.09.2006


    Fränkisches Landidyll


    Die in London lebende Isabell Frank (*1971) versucht sich in ihrem Debüt an einem autobiographisch gefärbten Heimatroman, der die Langeweile des flachen Lands mit Paranoia, Lust und Sühne auffüllt.

     


    Die Geschichte ist alt und erinnert an die kindheitsschweren Erzählungen von Herman Hesse, deren Protagonisten an Hindernissen vorbei in die Welt wachsen. Nach Idylle riecht es hier, nach Lagerfeuern, schwerem Landwein und heftigen Sommergewittern. Die Erzählung setzt zeitlos an, wird dann aber schnell zurückgeholt und in den 1970ern verankert. Nicht, dass die Jahreszahl irgendeinen maßgeblichen Einfluss hätte auf die Dorfgemeinschaft, die das Gerüst des Romans baut – die altvordere und ziemlich generisch wirkende Ständegesellschaft des namenlosen Ortes (der durch das breit verwendete fränkische Idiom der Protagonisten – Leckst mich! - auch deutlich situiert ist) des Geschehens würde sich auch in 1870 oder 1570 wohl fühlen. In der Mitte thront, wie es sich gehört, ein fetter, großgrundbesitzender Feudalherrscher – Kresslein – dessen Einfluss über die dörfische Einwohnerschaft in direkter Proportion zur Größe seiner Milchherde steht. Seine schöne, pralle Tochter Marie fällt aus ihrer vorbestimmten Rolle, als sie mit ihres Vaters Gegenpart anbandelt – Tauber, dem „der Teufel auf der Schulter sitzt“, verbannt auf die kalte Erde des Schattentals, in dem hohe, dunkle Bäume das Licht aussperren. Man fragt sich, warum der Arme nicht einfach zu einer Axt und/oder Kettensäge greift, um seinem Zuhause ein wenig mehr Licht zu verschaffen, aber die Frage versickert: die Rollen und Plätze sind klar verteilt und unverrückbar. Da hilft es auch nichts, dass der tierärtzliche Vater der Ich-Erzählerin als Licht der Vernunft auftritt und hilft, den vermeintlichen Bösewicht Tauber als eigentlich sehr verträglichen Menschen darzustellen, der im Dorf zu Unrecht stigmatisiert ist. Er schwängert und heiratet Marie, bis er schließlich in sein Güllesilo stürzt und erstickt. Ob er nun von seinem mordlüsternen Schwiegervater dorthin befördert wurde oder nicht, bleibt offen. Marie aber tritt das Erbe ihres Mannes an und führt fortan den Hof im dunklen Schattental.

    Wenig erzählerische Substanz

    Verblüffenderweise bleibt es dabei: mehr erzählerisches Fleisch bietet die Geschichte einfach nicht, und wenn diese biedere, kleine Heimatgeschichte einen innovativen Zug hat, muss er gut versteckt sein. Als Innovation kann es dabei kaum zählen, dass Tauber deshalb am Rand der Gesellschaft steht, weil er pathologisch paranoid ist und medizinischer Behandlung bedarf. Dieser Umstand wird überhaupt nur in einer späten Randnotiz angefügt, gewissermaßen um Tauber wenigstens vor den Lesern zu rehabilitieren. Und während die Hauptdarsteller in der Darstellung recht stiefmütterlich behandelt werden, verbrät der Roman erstaunlich viel Zeit und Energie auf Nebencharaktere, die aber auch gar nichts zur Handlung beitragen und bestenfalls als ländliche Kuriositäten durchgehen, die man sich eben anschauen kann oder nicht: eine abgestiegene, profanierte Altadelige, die sich mit ihrem versoffenen Ehemann im Dorf festgesetzt hat, ein hyperaktiver Messie, der das Landschloss der Beiden gegen kleines Geld übernommen hat und nun zumüllt, ein gehörnter Ehemann.

    Der Roman verdient keinen Verriss, im Gegenteil. Die Geschichte mag alt und blendend unoriginell sein, aber sie ist trotz aller technischen Nachlässigkeiten gut erzählt und lebt von ihrer dunklen Atmosphäre, vorangetrieben in ihrer Energie von einer starken Ich-Erzählerin, die rückblickend die Ereignisse der Kindheit in Augenschein nimmt und sich ungläubig die Augen reibt, wie exklusiv und brutal die Dorfgemeinschaft ihrer Kindheit gegenüber Außenseitern wie Tauber sein konnte. Das natürlich ist nichts spezifisch Fränkisches, so wie die Charaktere abgesehen von ihrem Idiom überhaupt wenig Fränkisches an sich haben. In ihrer Abgrenzungsbewegung gegen eine Umwelt, die immer noch Teil von ihr ist und auch sein soll, ist das Schicksal der Erzählerin dann sogar ausgesprochen interessant.

    Daniel J. Gall


    Isabell Frank: Schattental. Eichborn 2006. Gebunden. 240 Seiten. 18,90 Euro. ISBN: 3-8218-5757-9

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