• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 22:50

     

    Bodo Kirchhoff: Die kleine Garbo

    28.08.2006


    Die große Vermasslung

    Roadmovies sind die neuen Abenteuer-, Entwicklungs-, Initiationsromane – und jetzt sogar die neuen Märchen!
    Die kleine Garbo von Bodo Kirchhoff will all das sein, schafft´s erzählerisch und kompositorisch aber höchstens über den Jägerzaun des Nachbarn hinaus.

     

    „Lektor, warum hast du ihn verlassen?“, entfährt es dem Kritiker. „Hat Kirchhoff nicht lange Jahre treu für euren Verlag gearbeitet?“ Ganze Kapitel mussten hier raus, die Hälfte wäre längst mehr als genug gewesen – für eine durchschnittliche Erzählung.

    Glück und Unglück, Alter und Jugend, Schicksal und Management sind die großen Pandorabüchsen, aus denen sich Kirchhoff wie ein Heringsdoppelfilet eine Story stibitzen will - schön fett, schmackhaft und roh. Man kriegt aber schnell genug davon, sosehr sich Kirchhoff auch darum bemüht, dass es flutscht. Doch zunächst zur Story...
    Jakob Hoederer – man ist verführt zu sagen ... ist doch immer quer über die Lebensgleise gegangen... – ist völlig am Ende. Vereinsamt, im Stich gelassen von Weib und Welt, beschließt er eine Bank zu überfallen. Das geht leider ins Auge – einer Rentnerin. Als er sich daraufhin das Leben zu nehmen sucht (er schiebt sich im Laufe der Nacht die Pistole so oft in den Mund, als hätte er eine orale Fixierung) fährt in einer Limousine leise das Glück vor: ein zwölfjähriger Fernsehstar im Engelskostüm auf dem Weg zum Dreh. Aber Hoederer vermasselt es natürlich sofort: Der Chauffeur ist bald tot, das Mädchen entführt und Jakob, der sich gerne Giacomo nennt, auf der Flucht. Bald gelangen sie in einen Wald, in dem es von grimmig-grimmschen Wölfen nur so wimmelt. Ab jetzt wird 200 Seiten lang nächtliche Konversation betrieben...

    Steckenbeinig

    Eine Invasion des Wilden in den gemächlichen Republikalltag hat Kirchhoff wohl angedacht, eine Art Ausbruch des Unkontrollierbaren. Der Vulkan ist Hoederer selbst. In ihm, als Außenseiter, hat sich viel angestaut mit der Zeit. Er hat keinen Fernseher, stattdessen sind Philosophie, Mathematik und Musik seine ewigen Themen. Er war Kommunist, im Beruf immer verdächtig querulantig und ein großer Bullen-, Aufsteiger- und Bonzenhasser. Anders eben - und doch so bekannt frustriert.

    Der locker-gespannte Tonfall der Tragikkomik den Kirchhoff hier anzustimmen sucht, gelingt ihm jedoch zu keiner Zeit, immer gleitet es ins Melodramatisch-Klebrige hinüber oder ins gänzlich Banale. Erzählflauten, schlaffe Segel, keine Gischt! Denn schon aus dieser Story einen Roman zu machen, war falsch. Dabei hat Kirchhoff in seinem langen Schriftstellerleben fast schon jede Form durchprobiert. Er hätte ahnen müssen, dass hier eventuell sogar ein Theaterstück die bessere Lösung gewesen wäre. Aber wer liest so etwas schon – Theaterstücke? Romane will das Land! So schlecht sie auch sind. Und obwohl die vier Eingangsszenen dann auch so sauber romanhaft platziert sind, zerfällt die Gesamtstruktur doch: ein großes Säulenportal mit einem windigen Pfadfinderzelt dahinter.

    Unverzeihlichkeiten

    „Ganz Nase“, heißt es an einer Stelle über einen Wolf. Das soll poetisch sein. Dann „ganz Mund“. Jetzt ist es Malu, die kleine Geisel. Ganz Ohr sind wir dennoch nie, so sehr Kirchhoff auch mit der Feder pinselt. Der Text strotzt nur so vor kompositorischen Schwächen. Ein paar wenige Beispiel sollen hier genannt sein: Zum einen die völlig missglückte personale Erzählperspektive einer Zwölfjährigen. Dann Dialoge wie: „Ich will nach Hause“ „Das wollen wir alle. Sonst noch was?“ Drittklassige Bildlichkeiten: „In die Stirnfalten hätte man Papier klemmen können.“ Hier sehen wir den vierzehnjährigen Chandler noch üben. Einziger Unterschied, der Krimiautor hätte es sofort verworfen. „Julia Roberts, die hat Nasenlöcher wie Stalltüren.“ Was soll das denn? Greta Garbo hat Augen wie Schornsteine. Gregory Peck hat ein Kinn wie ein Vorgarten. Wie schief geht es denn noch? „Rau, rauher?“ Was jetzt? Alte oder neue Rechtschreibung? Oder die Einführungen neuer Personen: „Ben Meier, der Regisseur von Engelskuß...“ Gehört sich das für einen Profi, der mittlerweile Dutzende von Bücher, Theaterstücke, Drehbücher, Novellen und Essays etc. verfasst hat? Der Übergang zum schludrig-arbeitenden Trivialautor wird hier immer wieder durchschritten.

    Besonders hübsch: „Das war natürlich eine rhetorische Frage, die schon die Antwort enthielt... “ Okay wir leben in Zeiten von PISA, aber haben wir es wirklich nötig, so geschulmeistert zu werden? “Man lernt die falschen Dinge auf der Schule.” „Und was wären die richtigen?“ „Was das hier auf der Welt alles soll.“ „Im Prinzip, oder wie?“ „Nein, ich meine, wie man glücklich wird.“ „Schokolade essen“ Besonders eindrucksvoll in diesem Dialog der Satz „Im Prinzip, oder wie?“ von einem Zwölfjährigen Mädchen in Lebensgefahr geäußert...
    Das einzig schöne Bild, das dem Leser bleibt sind „gepuderte Zitronenbonbons“ – dafür bin ich Kirchhoff persönlich sehr dankbar.

    Zum Schluss hat es der alte Kommunist doch noch geschafft, wenigstens etwas in seinem Leben zu erreichen: Das kleine missbrauchte Medienmädchen hört auf mit Fernsehen, beginnt gesellschaftskritisch zu denken und lernt endlich, Verantwortung zu übernehmen. Sozialisation durch einen Asozialen – hübsche Idee, hübsch vermasselt.

    Christoph Pollmann


    Bodo Kirchhoff: Die kleine Garbo. Frankfurter Verlagsanstalt 2006. 287. Seiten. 19,90 Euro. ISBN 978-3-627-00130-8

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter