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John Updike: Terrorist

28.08.2006


Weltpolitik im LKW-Cockpit

John Updike berichtet in seinem neuen Roman aus der Perspektive eines jugendlichen Selbstmordattentäters. Ein großes Wagnis, das starke Emotionen weckt.

 

"Er sieht vieles, was ihn anwidert. Überall sieht er Verfall, Fäulnis, Gleichgültigkeit." So beschrieb John Updike in einem ZDF-Interview die Wahrnehmungen des jungen Ahmed Mulloy - Hauptfigur seines neuen Romans Terrorist.

Der 74-jährige US-Autor John Updike geht ein großes Wagnis ein, indem er aus der Perspektive eines jugendlichen Selbstmordattentäters berichtet. Jener Ahmed wächst als Sohn einer alleinerziehenden irisch-stämmigen Aushilfskrankenschwester in einer heruntergekommenen Kleinstadt in New Jersey auf. Ahmeds Vater, ein ägyptischer Austauschstudent, existiert nur auf einem angegilbten Foto. Ist es diese Problem-Biografie, die den Heranwachsenden in die Fänge des radikalen Imam Shalik Rashid treibt, der Ahmeds Hass auf seine zerstörte Familie und die amerikanische Gesellschaft in tödliche Bahnen kanalisiert?

Schmaler künstlerischer Grad

Am Ende des letzten Schuljahres des Protagonisten, der zu einem glühenden Verfechter der "reinen" islamischen Lehre wird ("Sie nehmen uns unseren Gott weg."), setzt die Handlung ein. John Updike, der noch nie zuvor so spannend (fast thrillerartig) erzählt hat, bewegt sich auf einem schmalen künstlerischen Grat, denn die diffusen Gedanken seiner Hauptfigur vermischt er häufig unvermittelt mit eigenen kritischen Gedanken über den status quo der amerikanischen Gesellschaft.

Ahmed wird dadurch allzu stark zum Instrument des Autors. Diese Figur wächst nur selten über den Status eines Produzenten töricht-gefährlicher Sprechblasen hinaus. Den Blick ins Seelenleben des Pubertierenden wagt der zweimalige Pulitzer-Preisträger nicht. So erscheint auch Updikes im ZDF getätigte Behauptung, dass seine Figur aus religiösem und nicht aus politischem Antrieb handele, zumindest fraglich. Schließlich war es der Ekel vor seinem unmittelbaren sozialen Umfeld, der Ahmed ins Umfeld der radikalen Islamisten trieb.
Der Protagonist wird zum willfährigen Befehlsfänger, der von einem libanesischen Teppichhändler den Auftrag erhält, einen mit Kunstdünger beladenen LKW in einem Tunnel in Manhattan zur Explosion zu bringen. Ein ähnlicher Anschlag war tatsächlich geplant und konnte vor wenigen Monaten durch die Verhaftung mehrerer Libanesen verhindert werden.
Auf dem Weg nach Manhattan - und hier spitzt sich der Roman zu - sitzt Jack Levy, Ahmeds einstiger Beratungslehrer, auf dem Beifahrersitz des Transporters. Ein indoktrinierter jugendlicher Islamist und ein aufgeklärter, betagter Jude, der vergeblich versuchte, seinen einstigen Schüler zur Fortsetzung des Studiums zu bewegen, fungieren als großformatige Symbole.

Versteinerte Fronten

Die großen Auseinandersetzungen der Weltpolitik hat John Updike in die Enge eines Truck-Cockpits gezwängt. Die Fronten sind - analog zur Politik - versteinert, ein wirklicher Dialog findet nicht statt. Nur aus Höflichkeit antwortet Ahmed auf die Bekehrungsversuche ("Du musst das hier nicht tun.") von Jack Levy, der auch einer der vielen Liebhaber seiner leicht lasterhaft gezeichneten Mutter war. Ob es tatsächlich zum geplanten Blutbad kommt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Obwohl die Ahmed-Figur seltsam fremd bleibt und fast wie ein Kunst-Produkt daher kommt, wissen wir aus traurigen Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit um die Aktualität, die Updikes Roman impliziert: Ein relativ unauffälliger Junge aus der Nachbarschaft verwandelt sich in einen potenziellen Selbstmordattentäter.
Nach der Lektüre stellt sich ein nebulöses Gefühlsgemisch aus Betroffenheit, Ratlosigkeit, Unverständnis und Verzweiflung ein. Trotz aller kritischen Einwände hat John Updike mit Terrorist starke Emotionen geweckt.

Peter Mohr


John Updike: Terrorist. Roman. Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 396 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-498-06885-7

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