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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:56

     

    Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

    17.08.2006

     
    Die Geheimnisse im Bernstein

    Nichts ist gegen dieses Buch, dem man vor allem viele jugendliche Leser wünscht, einzuwenden. Es ist unpathetisch geschrieben, spannend zu lesen, und es zeugt von großer Aufrichtigkeit.

     

    Als Nobelpreisträger Günter Grass in dem am letzten Samstag veröffentlichten Interview mit der FAZ seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS gestand, brach ein wahrer Medienhype aus. Eine große deutsche Illustrierte startete gar via Internet eine Umfrage, ob dem Autor nicht der Nobelpreis aberkannt werden müsse. In den weniger sensationslüsternen Medien hielten sich die Kommentare von Verteidigern und Kritikern die Waage. Auffällig war jedoch, dass der Künstler Grass stets nach politisch-moralischen Kriterien beurteilt wurde. Nach all den prominenten Stimmen (von Lech Walesa bis Kardinal Lehmann), die sich berufen fühlten, über Grass pro oder contra zu richten, bleibt jedoch die Kardinalfrage: Warum hat der Autor so lange geschwiegen?

    Nicht die jugendliche Mitgliedschaft in der Waffen-SS, sondern das 60 Jahre währende Schweigen scheint dem Denkmal des Vorzeige-Literaten und Radikaldemokraten leichte Risse zuzufügen, zumal sich die deutsche Öffentlichkeit besonders schwer tut, Kunst (Literatur) und Politik voneinander zu trennen, was sich im "Fall Handke" noch im Frühjahr zeigte.

    Nach dem heftigen Medienspektakel hat der Steidl Verlag am Mittwoch die Sperrfrist aufgehoben und sofort mit der Auslieferung der Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" begonnen. "Meine Tat läßt sich nicht zur jugendlichen Dummheit verwinzigen", schreibt Grass, und man könnte meinen, er wolle allein mit diesem Satz allen moralisch inspirierten Kritikern die argumentative Munition aus dem Lauf nehmen. Doch es ist Vorsicht geboten bei allem, was der 78-jährige Autor schreibt. Stets ist von Zweifeln über die Erinnerungsfähigkeit die Rede; mal sucht er die intime Nähe des Ich-Erzählers, an anderen Stellen berichtet er aus der Vogelperspektive der dritten Person. Grass bemüht zwar den Vergleich des Häutens der Zwiebel, nach der seine Erinnerungen Schicht um Schicht freigelegt werden müssten, doch bis in die siebte Haut, die demnach faktische Klarheit bieten müsste, dringt er nur selten vor.

    Eine andere Allegorie trifft die Methode des Autors viel präziser: "Nur nach längerem Hinsehen gibt Bernstein Geheimnisse preis, die sich gesichert glaubten." Und wer den Bernstein unter wechselnden Lichteinflüssen betrachtet, dem werden sich unterschiedliche Bilder präsentieren. Günter Grass hat zwar (nicht immer der Chronologie folgend) an seiner Biografie entlang geschrieben, doch herausgekommen ist eine bunte Mischung aus Fakten und Imagination - eine Art Doku-Fiction.

    Detailfreudiger Rückblick

    Der Kriegsbeginn markiert nicht nur das "Ende meiner Kinderzeit", sondern auch den Handlungseinstieg. Die Heimatstadt Danzig wird in allen erdenklichen Facetten ausgemalt, bunter und detaillierter noch als in der "Blechtrommel" und in "Katz und Maus". Viele reale Figuren, die später leicht verfremdet in diese erfolgreichen Frühwerke Einzug hielten, spielten in Kindheit und Jugend des Autors tatsächlich eine wichtige Rolle. Je tiefer man in dieses Buch eindringt, umso mehr verfestigt sich die Überzeugung, dass Günter Grass in seinen Romanen seine eigene Biografie ungleich stärker geplündert hat, als man bisher vermuten durfte. Die Mahlkes und Pokriefkes und all die kaschubische Verwandtschaft aus der "Blechtrommel" taucht in diesem bunten Erzählmix leibhaftiger denn je auf.
    Vor allem die Familie wird wie mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Zum Vater, den man heute einen harmoniesüchtigen "Softie" nennen würde, hatte er ein ambivalentes Verhältnis; seine Bezugsperson war die Mutter, die einen Krämerladen führte, nebenbei eine stolze Bibliothek pflegte und dem Klavierspiel zugeneigt war. Zwar hat Grass schon in seinem Band "Mein Jahrhundert" in einem schmalen Kapitel seiner Mutter ein literarisches Denkmal gesetzt, doch nun hat er ein wahres Liebesbekenntnis zu Papier gebracht. Der Mutter verdanke er seine künstlerische Ader ("Bücher waren ihm von früh an die fehlende Latte im Zaun"), und all das, was aus ihm geworden ist - trotz "des Zweizimmerlochs" und der "Falle der Herkunft."

    In nüchterner Erzählweise blickt Grass zurück: auf seine Kindheit, in der er mit Hilfe von Klebebildern erstmals mit der bildenden Kunst in Berührung kam, auf seine Verfehlungen als Jugendlicher, der von den "Helden von Narvik" berauscht war, freiwillig der Waffen-SS beitrat und der sich die Frage stellte, ob der Wirrnis seiner Tagträume ein wenig Todessehnsucht beigemengt war.
    Seinem eigenen Jugendwahn stellt Grass zwei Figuren gegenüber, die andere Wege einschlugen - ein Mitschüler namens Wolfgang Heinrich und ein bekennender Zeuge Jehovas, die den Dienst mit der Waffe verweigerten und jene Zivilcourage zeigten, die der Autor (heute im Rückblick) bei sich selbst vermisste.

    Bunte Anekdotensammlung

    Die Kapitel über die Nachkriegszeit lesen sich wie eine bunte Anekdotensammlung. Wir erfahren von den Kochkünsten des Autors, seiner Liebe zu einer alten Olivetti-Schreibmaschine, die ihn später von Paris über London nach Kalkutta begleitete und für die er in Mailand ein Päckchen Farbbänder geschenkt bekam; wir erfahren, dass er 1954 beim Überqueren einer Berliner Kreuzung seiner Schwester den Rat gab, Hebamme zu werden; und dass er nach dem Erhalt des Preises der Gruppe 47 (für seine damals noch unveröffentlichten Kapitel aus der "Blechtrommel") von den 4500 Mark Preisgeld zuerst Kalbsleber und einen Schallplattenspieler gekauft hat.

    Nichts ist gegen dieses Buch, dem man vor allem viele jugendliche Leser wünscht, einzuwenden. Es ist unpathetisch geschrieben, spannend zu lesen, und es zeugt von großer Aufrichtigkeit. Lediglich der Zeitpunkt von Grass' "Geständnis" kann den Eindruck erwecken, dass es sich um eine absatzfördernde Maßnahme handelte. Geschäftstüchtig, so haben wir bei der Lektüre erfahren, war der Nobelpreisträger nämlich schon in jungen Jahren, denn als Schuldeneintreiber für Mutters Krämerladen hatte er für sich eine stolze Provision ausgehandelt.

    Peter Mohr


    Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel. Gerhard Steidl Verlag 2006. 480 Seiten. 24,00 Euro. ISBN 3-86521-330-8

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