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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 09:50

     

    Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen

    14.08.2006

     
    Lilys Odyssee ins Unglück

    Ein Stoff für eine große Oper oder für eine opulente Bühnentragödie. Ein zauberhaft-magischer Roman – getragen von einer elanvollen Fabulierlust –, der uns Mario Vargas Llosa auf der Höhe seiner Erzählkunst präsentiert.

     

    „Um zu erreichen, was man will, ist jedes Mittel recht.“ So lautet das Credo der weiblichen Hauptfigur in Mario Vargas Llosas neuem Roman. Wie ein Chamäleon wechselt sie ihre Identitäten und treibt so über den Handlungszeitraum von rund vierzig Jahren ein emotionales und kriminalistisches Verwirrspiel mit dem männlichen Protagonisten Ricardo Somocurcio.

    Vargas Llosa, der im März seinen 70. Geburtstag feierte, breitet ein opulentes Erzählspektrum aus, in dem es nicht nur um eine leicht märchenhaft anmutende Liebesgeschichte geht, sondern auch um politische Umwälzungen und gescheiterte Utopien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der peruanische Autor, der Ende der 80er-Jahre in seinem Heimatland als Präsidentschaftskandidat antrat, schöpft aus seiner bewegten Vita und erzählt von den unterschiedlichsten Handlungsorten (Lima, Paris, London, Tokio, Madrid) mit traumwandlerischer Sicherheit und großen Detailkenntnissen.

    Die Handlung beginnt 1950 in einem gutbürgerlichen Viertel von Lima; der Mambo hat die Teenager emotional aufgewühlt, als die Schwestern Lily und Lucy im Freundeskreis des Ricardo Somocurcio auftauchen und sofort im Mittelpunkt stehen. „Ricardito“ ist von Lily so fasziniert, dass sie ihm fortan für den Rest seines Lebens nicht mehr aus dem Kopf gehen wird. Die Schwestern geben vor, aus Buenos Aires zu kommen, stammen aber in Wirklichkeit aus einer armen peruanischen Familie. Als der Schwindel auffliegt, verschwinden die beiden Mädchen.

    Magische Anziehungskraft

    Nun könnte man denken, dass der 15-jährige Teenager Ricardo trotz all seiner Verliebtheit irgendwann seine Lily hätte vergessen müssen, denn es vergehen schließlich rund zehn Jahre, ehe sich ihre Wege wieder kreuzen. Ricardo arbeitet als Übersetzer für die Unesco in Paris, und Lily taucht als Genossin Arlette wieder auf, die über die französische Hauptstadt zur Guerilla-Ausbildung nach Kuba geschickt werden soll.
    Doch beinahe schicksalhaft hat der Autor dieses ungleiche Paar aneinander gekettet. Mit welcher Emphase er die Frau und die nie versiegende Mischung aus sexueller Anziehungskraft und egoistischer Durchtriebenheit beschreibt, ist ein Faszinosum. Lily (oder Arlette – und später Madame Arnoux und Mrs. Davidson etc.) ist gertenschlank, hat lange schwarze Haare, kleine wohlproportionierte Brüste und „Augen von der Farbe dunklen Honigs“.

    Lily will ganz hoch hinaus und benutzt Ricardo, der mit seinem Übersetzerdasein in Paris („die schönste Stadt der Welt“) zufrieden ist, wiederholt als Mittel zum Zweck. Von Kuba, wo sie eine Affäre mit dem Kommandanten Chacón hat, kehrt sie nach einiger Zeit nach Paris zurück – als Ehefrau des Unesco-Beamten Arnoux. Einige stürmische Liebesstunden gewährt die stets auf ihren eigenen Vorteil bedachte Lily ihrem leidenschaftlichen Verehrer Ricardo, der im Laufe der Handlung zwei seiner besten Freunde verliert: der aus Paris nach Peru zurückgekehrte Koch Paúl kommt bei Guerillakämpfen ums Leben, und der Jugendfreund Juan Barreto, der als malender Hippie in London Einzug in die besten Kreise gehalten hat, stirbt nach einem Ibiza-Trip an der damals noch unbekannten Infektionskrankheit Aids.
    Auch das „böse Mädchen“ verschlägt es in den britischen Finanzadel, wo sie mit dem steinreichen englischen Broker Davidson anbandelt, nachdem sie in der Schweiz das Schwarzgeldkonto ihres französischen Ehemanns geplündert hat. Ricardo gibt daraufhin seine guten Sitten und seine vornehme Zurückhaltung auf und setzt Lily unter Druck. Er droht damit, ihre Identität auffliegen zu lassen und erpresst sich so heiße Liebestreffen in einem Londoner Hotel.
    Schließlich flieht die Frau aus London - mit unbekanntem Ziel. Ricardo will sie vergessen, sucht Ablenkung bei der Herausgabe und Neuübersetzung von Tschechow-Erzählungen, doch durch seinen Übersetzerkollegen Toledano gelangt er wieder auf Lilys Spur – diesmal in Tokio.
    Zugegeben, es wirkt wenig authentisch, wenn Vargas Llosa durch Lilys magische Anziehungskraft die Erdkugel auf die Größe eines Dorfes schrumpfen lässt. Aber die wahre und lange Zeit einseitige Liebe – und darin besteht wiederum der Zauber dieses Romans – setzt hier alle Grenzen von Raum und Zeit außer Kraft.

    Große Oper

    „Grüße vom bösen Mädchen“, heißt es im Postskriptum eines Briefes, den Ricardo von seinem Kollegen Toledano aus Tokio erhält. Unter dem Namen Kuriko lebt Lily in Japan an der Seite eines zwielichtigen, vermögenden und hochgradig eifersüchtigen Mannes.
    Das Ende des Romans, in dessen Verlauf in Peru die Militärdiktatur endet und in Europa die Hippie- und Studentenbewegung versiegt, wirkt versöhnlich und rührt gleichzeitig zu Tränen. Lily und Ricardo treffen sich in Madrid. Die einstige Schönheit ist vom Krebs zerfressen, von Brust- und Unterleibsoperationen schwer gezeichnet.
    „Du bist der einzige Freund, der mir bleibt“, gesteht das „böse Mädchen“ nach fast vierzig Jahren seinem glühenden Verehrer Ricardo und bereitet kurz vor seinem Tod eine Erbschaft vor, durch die der „Freund“ in den Besitz eines Landhauses in der Nähe des südfranzösischen Austernparadieses Sète gelangen soll.

    Das ist ein Stoff für eine große Oper oder für eine opulente Bühnentragödie. Ein zauberhaft-magischer Roman – getragen von einer elanvollen Fabulierlust –, der uns Mario Vargas Llosa auf der Höhe seiner Erzählkunst präsentiert. Im Alter von 70 Jahren wäre es nun an der Zeit, dass der peruanische Autor endlich den Nobelpreis bekäme.

    Peter Mohr


    Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen. Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2006. 396 Seiten. 24,80 Euro. ISBN: 3518418327

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