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Hakan Nesser: Kim Novak badete nie im See von Genezareth

19.02.2004


Es könnte schlimmer sein

Bisher kennen wir den Schweden Hakan Nesser als eleganten, sowie auch als fundierten Krimiautor. Doch irgendwann will Schluss sein mit vergrübelten Kommissaren und mysteriösen Fällen, deren Ausgangspunkt jeweils lange zurück liegt. Ein richtiger Roman muss her.

 

Es ist eine bescheidene Szenerie, die Hakan Nesser für uns aufgebaut hat. Ein Sommer, der in die Ferienzeit mündet; ein Waldhaus mit Namen Genezareth, drei Jungen und zweimal jeweils die Eltern, denn zwei der Jungen sind Brüder. Es ist warm dort draußen zwischen Bäumen und Lichtungen, schnell schwitzt man und was ist da erfrischender als ein Bad in einem See, der vor der Haustür liegt; manchmal auch mitten in der Nacht. So könnte die Zeit vergehen, mit Angeln, mit Essen, mit Radausflügen zum nächsten Kaufladen (wir sind in den Sechzigern), oder auch nur mit nichts tun. Wäre da nicht Kim Novak. Nicht die Kim Novak aus den Filmen. Sie sieht eben nur so aus wie die Schauspielerin, weswegen sie wohl darum auch so genannt wird. Jung, hübsch und begehrenswert, bringt sie den Hormonhaushalt ihrer künftigen Schüler ganz schön durcheinander. Sie soll als Aushilfslehrerin an der dortigen Schule im kommenden Schuljahr tätig sein. Arsch-Enok z. Bsp. stürzt gleich ohnmächtig zu Boden, als sie vom Moped steigt und es aufbockt - o. K., er hat eine Neigung zu epileptischen Anfällen, aber diese Szene deutet wohl schon die Wirkung der jungen Lehrerin auf ihre Schüler an.

Es wird sich einiges ändern. Es wird manches ganz anders werden. Und vieles, was bisher durch den gemächlichen Gang der Kindheit in der Waage gehalten wurde, gerät nun aus dem Gleichgewicht. Jener berühmte Sommer kündigt sich an, der im Leben eines Heranwachsenden der Sommer wird, der ihn als jungen Mann in den Herbst entlässt.

Hakan Nesser bleibt bescheiden in der Wahl seiner Sprache, bescheiden in der Exposition seiner Geschichte. Behutsam gibt er den wenigen Helden seines Jungen-Epos je ein Innenleben, erteilt ihnen eine Kontur. Er führt sie sanft in die Geschichte ein, baut langsam die Konflikte auf und zieht sich als Erzähler immer wieder zurück, um auf eine erstaunlich souveräne Weise immer wieder jenes Sommergefühl wirken zu lassen, das seine Kraft weniger aus informativen Details, als mehr aus atmosphärischen, intuitiven Beschreibungen bezieht: Gelangweilt z. Bsp. steht ein Protagonist in der Gegend herum und scheint doch vor Tatendrang zu explodieren - wenn man nur wüsste, wohin die Reise gehen soll. Es ist diese besagte Ruhe vor dem Sturm. Sie lässt den Leser nur so durch die Seiten fliegen, und manchmal ertappt man sich, wie man das Buch zuklappt (nicht ohne einen Finger zwischen die Seiten zu legen) um zu schnuppern, ob die Luft wirklich so riecht, wie seinerzeit, als man einen ähnlichen Sommer erlebt hat. Schon spürt man dieses müde Gefühl in den Beinen, wie damals, als man einfach mit dem Fahrrad bis zur Erschöpfung ins Blaue fuhr, denn was sollte man sonst tun. Als man im Gras lag und in den Himmel schaute, der sich so gewaltig wie belanglos über einem spannte. Als ein Mädchen vorbei kam und man aus dem Häuschen geriet, ohne zu wissen warum. Und als sich die bisher so geordnete, etwas langweilige, aber sichere Welt einen Spalt breit öffnete, um zu zeigen, was an Unheil, an Unabwendbarem, auch an Unfassbarem und Wunderbarem da auf einen zukommen wird.

Textauszug:

"Weil es ein richtig schöner Maiabend war, ging ich nach dem Essen zu Benny hinüber. Benny war wie immer auf der Toilette, deshalb saß ich zunächst einmal mit seiner schwermütigen Mutter in der Küche.
"Wie geht es deiner Mutter?", fragte sie.
"Es wird ein schwerer Sommer", antwortete ich.
Sie nickte. Holte ihr Taschentuch aus der Kitteltasche und putzte sich die Nase. Bennys Mutter war während des Sommerhalbjahres immer mal wieder allergisch. Sie hatte Heuschnupfen, so hieß das. Wenn ich genauer darüber nachdenke, glaube ich, sie hatte das ganze Jahr über Heuschnupfen.
"Das hat mein Vater gesagt", fügte ich hinzu.
"Ja, ja", sagte sie. "Kommt Zeit, kommt Rat."
Zu der Zeit lernte ich, dass Erwachsene so zu reden pflegten. Nicht nur mein Vater sprach so, man musste so sprechen, damit man überhaupt dazu gehörte, um zu zeigen, dass man schon trocken hinter den Ohren war. Seit meine Mutter ernsthaft krank geworden und ins Krankenhaus gebracht worden war, hatte ich mir die wichtigsten Floskeln eingeprägt, damit ich sie nach Bedarf anwenden konnte.
Es kommt, wie es kommt.
Jeder Tag bringt neue Sorgen.
Es könnte schlimmer sein."


Frank Keil-Behrens



Hakan Nesser: Kim Novak badete nie im See von Genezareth. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt. München 2003 btb, 287 Seiten, ISBN 344275027X, 19,90 ¤.

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