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Emine Sevgi Özdamar: Sonne auf halbem Weg

10.08.2006

Pioniertat & vollendet
Sevgi Özdamars Romane stellen Zaimoglus “Leyla” in den Schatten
Hat Feridun Zaimoglu als Stimmenimitator seiner vielgelobten “Leyla” die Romane seiner einst von ihm bewunderten Kollegin Emine Sevgi Özdamar gelesen, die er heute nie gelesen haben will? Diese Frage stellte sich das deutsche Feuilleton - ohne die Romane Sevgi Özdamars selbst gelesen zu haben. Nun kann es das Versäumnis nachholen - und müsste sein Urteil über den vorgeblichen “Vollender” angesichts der Überlegenheit der vermeintlichen “Pionierin” revidieren.

 


Als vor einigen Wochen im feuilletonistischen Literaturbetrieb darüber spekuliert wurde, ob der Schriftsteller Feridun Zaimoglu für seinen Roman “Leyla” sich bei seiner älteren Kollegin Emine Sevgi Özdamar “bedient” habe, wurde deren Erstlingsroman “Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus”, der 1992 erschienen ist, immer wieder als Bezugspunkt erwähnt. Beide Romane erzählen die Geschichte einer weiblichen Kindheit & Jugend “fern in der Türkei”, aus deren Bedrängnissen sich am Ende die Heldin nach Deutschland aufmacht. Die 1946 dort geborene & aufgewachsene Sevgi Özdamar hatte ihr literarisches Debüt (auf deutsch) aus höchst eigener Erfahrung geschrieben, während der 1964 in der Türkei geborene, seit 1965 in Deutschland lebende Zaimoglu seinen Historischen Roman als Stimmenimitator seiner Titelheldin erzählt.

Eine Germanistin hatte eine Fülle von motivlichen und vor allem metaphorischen Übereinstimmungen & Varianten in beiden Romanen gesammelt, welche die Vermutung nahe legten, der 39 Jahre junge Zaimoglu sei bei Sevgi Özdamars poetisch reich ausgestatteter literarischer Karawanserei ein- und ausgegangen und habe sich dabei auch mit manchen von deren sprachlichen Spezereien und metaphorischen Ingredienzien eingedeckt.

Alles was dazu zu sagen war, hat der Germanist Norbert Mecklenburg in einem brillanten, kenntnisreichen und umfassenden Essay unter dem Titel “Ein türkischer Literaturskandal in Deutschland?“ in www.literaturkritik.de aufgeführt: im Internet.

In den Printmedien jedoch, wo Zaimoglus “Leyla” im Frühjahr fast einhellig über den grünen Klee als solitäres poetisches Meisterwerk gefeiert worden war, vertuschten seine Lobredner in der FAZ, FAS, SZ und ZEIT ihre peinliche Ignoranz, Zaimoglu für eine literarische Originalität gelobt zu haben, die originär und originell bereits mit dem vor 14 Jahren erschienenen Debütroman Sevgi Özdamars vorgelegen hatte, den die Lobredner “Leylas” aber alle weder gekannt oder erinnert, noch nun nachgelesen hatten. Nur in der NZZ (24. 6. 06) assistierte Sieglinde Geisel Mecklenburgs Befunden, indem sie in “Leyla” auch noch das überzeugende Indiz “eines geradezu klassischen Muttermords” des Nachschreibers Zaimoglu an seiner Vorschreiberin Emine Sevgi Özdamar aufspürte.
Feridun Zaimoglu bekam & ergriff ausgiebig die Möglichkeit, sich als unwissendes Unschuldslamm zu äußern: Hatte er zuerst noch seinen staunenden Bewunderern erzählt, an die 50 Frauen & Mädchen in der Türkei über ihre Kindheit interviewt zu haben, um (damit aufgefüttert) die Rollenprosa seiner Leyla schreiben zu können, behauptete er schließlich, einzig & allein die Lebensgeschichte seiner Mutter, die sie ihm auf Tonbändern gestanden habe, für seine “Leyla” ausgebeutet zu haben. Gab er sich früher als großer Bewunderer seiner älteren Kollegin aus, so behauptetet er nun, dass er nie ein Buch von ihr gelesen habe und dass er als ihr Lobredner nur einer “türkischen Höflichkeitssitte” entsprochen habe. Diese “Sitte” muss aber wohl mit der abfälligen Bedeutung des deutschen Ausdrucks “getürkt” (wahrheitswidrig vortäuschen) identisch sein. Dankbar ließen sich Zaimoglus Verehrer & Verehrerinnen von ihm an der Nase herumführen.

Die herausragende literarische Repräsentantin der deutsch-türkischen Literatur war gut beraten, nicht in die Falle eines Plagiatsvorwurfs zu gehen, wohin sie der Literaturbetrieb liebend gerne bugsiert hätte, um dann - scheinbar ganz unparteiisch, de facto aber einseitig als “Leyla”-Lobredner ausgewiesen - sein zurückweisendes Urteil zu fällen. Emine Sevgi Özdamar schwieg und setzte ganz & gar darauf, dass Leser noch in diesem Jahr hinreichend Gelegenheit hätten, sich selbst ein Bild von der Qualität ihres literarischen Oeuvres zu machen.

Denn anlässlich ihres jetzigen 60. Geburtstags legt ihr Verlag - der ja peinlicherweise auch der Verlag Zaimoglus und seiner “Leyla” ist! (Das ist 1 Kapitel für sich) - unter dem Titel “Sonne auf halben Weg” ihre über tausendseitige “Istanbul-Berlin-Trilogie“ vor. Die drei Romane “Das Leben ist eine Karawanserei”, ”Die Brücke vom Goldenen Horn” und “Seltsame Sterne starren zur Erde” sind ein fortgesetzter epischer Bericht, der sich in einer ganz außerordentlichen sprachlich-poetischen Evokation an den Stationen ihres Lebens entlang bewegt und zuletzt in Tagebuchaufzeichnungen aus den späten Siebziger Jahren terminiert, als die Schauspielerin und Regisseurin Emine Sevgi Özdamar zwar in West-Berlin wohnte, aber tagsüber als Regieassistentin bei Benno Besson und Matthias Langhoff an der Ost-Berliner Volksbühne arbeitete.

Die drei im Verlauf von elf Jahren publizierten Romane erzählen sowohl von ihren ersten Lebens-, Liebes- & Berufserfahrungen als Schauspielschülerin in Istanbul, von den chaotischen Reisen einer Schauspielertruppe durch eine von rechten Militärputschs, Verhaftungen und politischen Morden paralysierten Türkei, als auch vom Leben im West- & Ost-Berlin in den Sechziger/Siebziger Jahren unter Arbeitsemigranten und in Wohngemeinschaften. So farbig und vielfältig dieses Leben zwischen Istanbul, Paris und Berlin auch war - das Originelle von Emine Sevgi Özdamars Trilogie “Sonne auf halbem Weg” ist jedoch nicht allein der darin erzählte weibliche Schelmenroman zwischen den Kulturen, sondern es manifestiert sich in ihrer Sprache.

Die empfindungsgesättigte Doppelsprachlichkeit der Schriftstellerin, die nur in Deutsch schreibt, und ihre wechselnde Identitäten in einem bewegten Leben geben ihren drei Romanen einen einzigartigen Sprach-& Phantasiecharakter, der nicht nur von den Märchen, Mythen und vor allem Sprichwörtern und Metaphern ihrer türkischen Herkunft geprägt wird, sondern sogar - vor allem in ihren ersten Büchern - bewusst und höchst produktiv gegen Semantik und Grammatik des modernen Deutschs verstößt. So entsteht ein stark vom orientalischen Denken und Sprechen durchwirkter poetischer Ausdruck, der manche Anklänge an die Metaphorik und Allegorik des Barockdeutschs enthält, zugleich aber das Anekdotische ihres Erzählens clownesk, ja zuweilen chaplinesk erscheinen lässt.

Das Visuelle & Gestische dominiert bei der Brechtenthusiastin dabei das Psychologische. Daher stehen die drei Romane eher in der Tradition einer oft satirisch-humoristischen Schelmenroman-Tradition, als in der des deutschen Bildungsromans. In der “Sonne auf halben Weg” ist die deutsche Literatur über den Bosporus gegangen und reich beschenkt zurückgekehrt.

Wie reich und eigenwillig Emine Sevgi Özdamars Romane als Sprachkunstwerke sind, haben sogar noch in den Übersetzungen ihrer Bücher zwei ihrer Schriftsteller- Kollegen bewundernd erkannt. Der Spanier Juan Goytisolo schrieb: “Die außergewöhnliche Vorstellungskraft verbindet sich mit einer verblüffenden sprachlichen Erfindungsgabe”. Der englische Erzähler, Essayist und Maler John Berger redete Emine Sevgi Özdamar als “Poetin des Verschwundenen, Poetin des Unsagbaren, komisch und schrecklich zugleich” an.

Es müsste aber ebenso komisch wie schrecklich sein, wenn deutsche Leser, die nun zum erstenmal (wie auch junge deutsche Kritiker) die Istanbul-Berlin-Trilogie Emine Sevgi Özdamars als Ganze auf sich wirken lassen können, nicht auf Anhieb und von der ersten Seite an bemerken würden, wo & warum in der verpufften Kontroverse über “Leyla” und “Karawanserei” Phantasie, Sprachmächtigkeit und künstlerische Originalität wirklich zuhause sind.

Vielleicht sieht das dann sogar der FAZ-Literaturchef Hubert Spiegel ein, der “Leyla” im Frühjahr über alle Maßen gelobt, in der späteren Kontroverse sich allzu gerne von Feridun Zaimoglu um den Finger wickeln ließ und in seiner Erklärungsnot die falsche Großmut eine Präzeptors literarischer Qualität simulierte, als er Sevgi Özdamar zur “Pionierin” und Zaimoglu zum “Vollender” erklärte. Es könnte aber auch sein, dass die “Pionierin” zugleich “vollendet” war - wie Athene, die in voller Montur aus dem Haupt des Zeus entsprang. Es ist nämlich so.

Wolfram Schütte


Emine Sevgi Özdamar: “Sonne auf halbem Weg”.
Die Istanbul-Berlin-Trilogie.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006.
1056 Seiten. 22.90 ¤

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