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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 10:50

     

    Martin Walser: Angstblüte

    20.07.2006

    Simuliertes Leben auf Kredit
    Martin Walser, der im Frühjahr seinen 80. Geburtstag feiert, steckt immer noch voller Pioniergeist, denn in seinem neuen Roman hat der häufig als "Chronist des Mittelstandes" titulierte Autor vom Bodensee neues thematisches Terrain erobert und die scheinheilige Welt der Börsenspekulanten und all ihrer zwielichtigen Mitläufer zum Sujet gemacht.

     

    Wir bewegen uns mit der Hauptfigur Karl von Kahn, Finanzmakler jenseits der Siebzig, in der finanziellen Oberschicht, in einer Art gesellschaftlichem Vakuum, in der millionenschwere Kredite die Moral ersetzen, wo über zu erwartende Dividenden häufiger geredet wird als über Gefühle, und wo sich jeder eine Biografie zusammen lügt - frei nach dem Motto: Je verwinkelter und kurvenreicher umso besser. Jede Menge Lebenslügen werden durch Dow-Jones und Dax geprägt. Das Jonglieren mit Billigkrediten wird in der Niedrigzinsphase für Karl und seine Klientel zu einem einträglichen Geschäft, und man nimmt nicht unbeeindruckt zur Kenntnis, wie sicher sich Martin Walser auf dem rutschigen Parkett aus Zahlen und Kurven bewegt.

    Zu Beginn der Handlung erhält der Protagonist Karl von Kahn die Nachricht, dass einer seiner potentesten Kunden als medizinischer Notfall auf der Intensivstation liegt. Jener Lambert, ein Kunsthändler, den seine blutjunge Lebensgefährtin Gundi - eine exaltierte, aber überaus erfolgreiche TV-Moderatorin - nur Diego nennt, gilt bei den von Kahns überdies auch als Freund des Hauses.

    Doch Platz für Freundschaften und Gefühle gibt es bei Martin Walser in dieser Welt nicht: Eigennutz, Außendarstellung, Imponiergehabe und Verlogenheit dominieren. Eine Konstellation, wie wir sie aus der Werbung eines Geldinstituts kennen - mein Haus, mein Auto, mein Boot! (und man ist geneigt anzufügen - meine Frau) Als Diego im Hospital liegt, wird von Kahn von dessen Geliebter zur Zustimmung zu einer großen Aktientransaktion geradezu genötigt. Als der Deal über die Bühne gegangen ist, erholt sich Diego gesundheitlich überraschend schnell.

    Dieser eitle Kunsthändler, der auf Oscar Wilde schwört ("Die Anzahl meiner Neider bestätigt meine Fähigkeiten."), verkörpert den paradigmatischen Antihelden in diesem an skurrilen Personen reichen Figurenensemble. Da ist Karls Ehefrau Helen, eine hochgebildete Akademikerin, die sich mit Traumdeutung und Psychoanalyse beschäftigt, aber nicht merkt, dass ihre eigene Ehe aus dem Ruder gelaufen ist; Karls Bruder Erewein, ein Facharzt für Urologie, der aber ein zurück gezogenes Leben als Restaurator führt; der selbsternannte, stets intrigante Börsenguru Amadeus Stengl ("Ich sage einem, der alles weitererzählt, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, was ich weitererzählt haben will."); der ein klein wenig an Herbert Achternbusch erinnernde Filmregisseur Strabanzer; ein Promi-Koch, der Baiersbronn für den "Vatikan der Kochkunst" hält; und nicht zuletzt die junge Schauspielerin Joni, die auch abseits des Sets die Selbstverleugnung in Perfektion beherrscht.
    Sie lockt den betagten von Kahn ins Bett ("sie sagte, das sei der erste Orgasmus ihres Lebens gewesen.") und öffnet so auch dessen Spendierhosen. Mit zwei Millionen Euro steigt der Protagonist in die Finanzierung von Strabanzers Film "Wer die Liebe liebt, den wird die Liebe lieben" ein.

    Ein intellektuell eher bescheidenes Werk, das aber zum Niveau des gesamten Personeninventars passt. Deren Drei-Viertel-Bildung und das ungenierte Zitieren von Klassikern wirkt zwar authentisch, muss aber Walser beim Verfassen dieser Passagen körperliche Schmerzen bereitet haben. All die Kahns, Diegos und Stengls betreiben nämlich ein fragwürdiges intellektuelles Wettspiel, wer am cleversten seine Strategien der Gewinnmaximierung mit Zitaten von Wilde über Voltaire bis hin zur Bibel unterfüttern kann.

    Wie schon in seinem Vorgängerwerk "Der Augenblick der Liebe", als sich die Hauptfigur Gottlieb Zürn mit der jungen Studentin Beate vergnügte, dann aber später zu Ehefrau Anna zurück kehrte, hat Martin Walser nun auch wieder eine Beziehungsflucht inszeniert. Karl von Kahn, der sein Alter stets mit "siebzig plus" angab, wird nicht nur finanziell, sondern auch emotional hinters Licht geführt. Der doppelt Betrogene, auch Selbstbetrügende und sich Selbstverleugnende, der das Alter mit einem Gebirge vergleicht, "als ein Leben in großer Höhe", stürzt dann auch dementsprechend hart ab. An der Seite der Schauspielerin Joni kollabiert er in einem sommerlichen Hagelsturm. Der Schilderung dieses Zusammenbruchs misst Walser allerdings keine allzu große Bedeutung zu; sie liest sich wie im Stenostil und hat längst nicht die Intensität, wie wir sie in thematisch ähnlichen Sequenzen von Peter Härtling erlebt haben. So wie sein vermeintlicher Freund Diego zu Beginn der Handlung erholt sich auch Karl relativ schnell.

    Ob der Kollaps den Protagonisten zu einer inneren Zäsur bewogen hat? Autor Martin Walser, der mit viel Witz und Esprit (eine Gesellschafterversammlung ist "halb Parlament, halb Gerichtssaal"), aber auch mit gnadenloser Schärfe das verlogene Treiben in der Finanz-Schickeria aufs Korn genommen hat, versetzt Karl von Kahn in einem Moment der Einkehr an den Schreibtisch und lässt ihn in einem Brief an seine Ehefrau Helen resümieren: "Ich bin ein Simulant. Ich simuliere Leben." Die späte Läuterung einer Figur von siebzig plus, die sich vom Leben betrogen fühlt - in einem Roman eines gleichaltrigen Autors, der aber durchaus jugendliche Attribute wie Zorn und Erzählwitz präsentiert. Eine eigentlich walser-untypische, aber überaus spannende Mischung.

    Peter Mohr


    Martin Walser: Angstblüte.
    Roman.
    Rowohlt Verlag, Reinbek 2006,
    485 Seiten, 22,90 Euro (SFR 39,90)

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