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Donnerstag, 30. März 2017 | 16:29

 

Jean-Marie G. LeClézio: Revolutionen

18.07.2006

Das suchende Subjekt

Für seine innovativen Erzählwerke wurde Jean-Marie Gustave Le Clézio (*1940) reichlich prämiert und wird auch gerne als Nobelpreiskandidat gehandelt. In seinem vorliegenden Epos schickt er seinen exilierten Protagonisten zurück zu seinen Wurzeln und geht gleich selbst mit auf die Reise.

 

Den Leser muss zuerst nicht weiter interessieren, dass Le Clézio seinem Epos eine reichhaltige autobiographische Bedeutungsschicht unterlegt, ist der Mann doch professioneller Erzähler genug, um zu wissen, dass es mehr braucht als biographische Fitzelchen und Erinnerungen, um ein breites Epos zu tragen. Es braucht zu allererst – einen lebendigen, spannenden Protagonisten, und den hat das Buch in dem wandernden und suchenden Jean, Sohn mauritianischer Einwanderer, der in der französischen Provinz so lange in seiner bewegten Familiengeschichte wühlt, bis er schließlich nach Mauritius aufbricht, um die Gräber seiner Vorfahren zu entdecken. Er handelt im Sinne des oft zitierten Eliot-Wortes und kehrt schließlich nach aller Suche an seinen Ausgangspunkt in Frankreich zurück. Le Clézio ist sichtlich bemüht, seinem Epos etwas wie eine sozial-historische Agenda einzuschreiben, und so sehr sein sozialkritisches Engagement in der Realität auch zu würdigen ist – hier gelingt es ihm nicht, auf keinem der drei Erzählstränge, die er aufstellt und über die Jahrhunderte verteilt: von Jeans Erzählwelt im modernen Frankreich de Gaulles zurück zu der seines Vorfahren, der aus dem revolutionären Frankreich nach Mauritius migriert, um wenigstens dort die ursprünglichen Ideale der Revolution umzusetzen. In den entscheidenden Punkten knickten Bonaparte und Konsorten natürlich auch schnell weg – die Sklaverei etwa wurde schon 1804 wieder legalisiert, um die Kolonialambitionen nicht zu gefährden, und auch ihnen – den mauritianischen Sklaven – teilt Le Clézio einen Erzählstrang zu. Das Epos führt seine Erzählung also auf drei verschiedenen Ebenen aus, die untereinander erstaunlich berührungslos und unbeteiligt bleiben. Da hilft es auch nicht, den jeweiligen Protagonisten ähnliche Motive zu unterstellen, um sie so zu einen. Jean und sein gleichnamiger Vorfahr mögen sich in ihrer Humanität ähneln, aber nicht in ihrer Motivation – der gegenwärtige Jean ist in dieser Beziehung so ganz ein Kind der 1960er und erschöpft seine sozio-politischen Ambitionen in einem diffusen Pazifismus, der aus einem wohldefinierten westlichen Bildungsideal heraus (er liest und zitiert gerne die Sätze der Vorsokratiker) eine feindselige Haltung gegenüber den Greuel des Algerien-Kriegs einnimmt. Seine Position ist dabei nur so weit eine aktive, als er sich Mühe gibt, dem obligatorischen Militärdienst auszuweichen, und auch das nur, so lange eben die Gefechte in Algerien anhalten.

Le Clézio erzählt, aber er schwafelt nicht

Wenn der Roman eine Kurve westlicher Zivilisation beschreibt, dann eine, die nach unten weist, oder nach innen: der (post-)revolutionäre Jean des frühen 19. Jahrhunderts ist in jedem Handeln dem Gemeinwohl verpflichtet, will Verantwortung für das Zivilisationsprojekt tragen und eine bessere Welt bauen. 160 Jahre später ist der moderne Jean ganz und gar sich selbst verpflichtet und handelt nur noch aus seinem subjektivistischen Selbstverständnis – was ihn aber mit Vorvater Jean und den mauritianischen Sklaven verbindet: er sucht eine Heimat und konstruiert sich schließlich selbst eine.

Nun, so ist es eben, und man muss es nicht beklagen: Jean ist, das kann stehen bleiben, ein wirklich sympathischer Kerl, der nicht annähernd die Ideale seines Vorfahren hat, aber fast manisch nach ihnen sucht. Natürlich wirkt er in seiner Erlebniswelt ein wenig beschränkt und scheint seine Eindrücke kaum einmal aus etwas anderem als Sex, Alkohol und der ewigen Suche nach den Wurzeln zu beziehen. Mauritius (nebenbei auch Le Clézios Heimatinsel und „gefühlte“ Heimat) wird dabei zum mythischen Ausgangspunkt gezeichnet, über den ihm seine altersschwache Tante immer und immer wieder erzählen muss. Seine eigentliche Ankunft auf der Insel ist unspektakulär, aber auch nicht mehr von Bedeutung, kaum mehr noch als ein physischer Vollzug eines ohnehin schon erfolgten Aktes der Rückkehr. Man erlebt ihn als wortkargen Protagonisten in einer wortkargen Erzählung. Das kann überhaupt als Leistung dieses Epos stehen bleiben: Le Clézio erzählt, aber er schwafelt nicht und packt seinen Akteuren nicht unzählige mehr oder weniger schwere Lebensdetails auf den Rücken. Seine Versuche der Charakterisierung sind angenehm konzise und stringent, und sie lassen Jean an den entscheidenden Stellen selbst zu Wort kommen. Der Roman mag mit 550 Seiten schwer in der Hand liegen, fühlt und liest sich aber wie ein viel schmaleres Buch, wie man es in dieser Form eben nur von einem großen Geschichtenerzähler bekommt.

Daniel J. Gall


JMG Le Clézio: Revolutionen.
Deutsch von Uli Wittmann.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006.
Gebunden, 555 Seiten. 24,90 Euro.
ISBN: 3462036807.

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