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Julián Ayesta: Helena oder das Meer des Sommers

18.07.2006

Die Liebe in Zeiten des Katholizismus

Ein Buch vom Sommer und von der Liebe ist "Helena oder das Meer des Sommers" von Julián Ayesta – aber es ist keine seichte Urlaubslektüre, sondern die leichtblütige Offenbarung einer kindlichen Welt mit einem philosophischen und religionskritischen Hauch

 

Manche Bücher brauchen lange, ehe sie ins Deutsche übersetzt werden und meist ist die Zurückhaltung der deutschen Verlage unverständlich: So auch bei Julián Ayestas Roman "Helena oder das Meer des Sommers", der bereits 1952 in Spanien erschien. Das Buch eröffnet mit einer fast lyrischen Sprache einen Weltausschnitt, beschrieben aus einer kindlich-abgeklärten Perspektive, und ist dabei weniger ein Roman als vielmehr eine knappe Erzählung.

Der junge namenlose Ich-Erzähler lebt im Nachkriegsspanien und verbringt scheinbar schwerelose Sommer am Meer, eingehüllt und abgesichert von der Familie, von zahlreichen Tanten, die skurrile Geschichten erzählen würden, wenn sie Zeit dafür hätten, den Eltern und den Cousins und Cousinen. Und dabei ist immer Helena, zunächst ein unerreichbares schönes Objekt für den Jungen, schließlich seine Sommerliebe, die eine erste Ahnung von vollkommenem Glück in sein Leben bringt. Mehr äußere Handlung findet sich in "Helena oder das Meer des Sommers" nicht, dafür ist die innere Welt des Jungen jedoch umso reicher, ist sie doch vor allem geprägt von einer religiösen Erziehung, die selbst das Betrachten Helenas schon verbietet.

Geistliche und weltliche Betrachtungen

Die Religion dient Ayesta dazu, eine kindliche Sicht auf die beschriebenen Dinge zu werfen, die in ihrer verzweifelten Abgeklärtheit beinahe ausweglos scheint: "Und plötzlich merkte man, daß man an die nackten, wilden Frauen dachte und schon wieder sündigte […]. Aber man war nicht selbst schuld daran, man konnte schließlich nie wissen, was man im nächsten Augenblick denken würde, die Gedanken kamen vielmehr daher, der eine an den anderen angedockt, und er nutzte überhaupt nichts, an was anderes zu denken, denn was man auch dachte, der Teufel konnte immer eine Sünde hineinbringen." Aber die naiven und gleichzeitig hellsichtigen Gedanken reichen auch weit in den Zusammenhalt der Weltlichkeit hinein: "Außerdem, auch wenn man die Farben zwischen Blau und Rot sehen konnte, war man nie ganz sicher, ob die anderen sie genauso wie man selbst sahen, weil zum Beispiel, wenn man einem Menschen von Geburt an sagt, diese oder jene Farbe heißt Grün, er sie aber so sieht, wie ich das Rot, und er das Rot sieht wie ich das Grün, werden wir ein Leben lang nicht merken, daß wir etwas anderes meinen, wenn wir von Rot oder Grün sprechen."

Mit dieser vielschichtigen Gedankenwelt und den im Vergleich dazu geringen äußeren Geschehnissen ist "Helena oder das Meer des Sommers" beinahe eine kleine philosophische Abhandlung. Gleichzeitig bringt es den heißen Sommer Spaniens am Meer fast sichtbar vor Augen – mehr als eine Urlaubslektüre für zwischendurch: Ein Buch zum Eintauchen, zum Wiederlesen, zum anregenden Erholen.

Katharina Bendixen


Julián Ayesta: Helena oder das Meer des Sommers.
Roman. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Mit einem Nachwort von Antonio Pau.
dtv, 2006. Taschenbuch.
111 Seiten. 7,50 Euro.
ISBN 3-423-13741-2

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