TITEL kulturmagazin
Samstag, 22. November 2014 | 00:56

 

Juan Goytisolo: Der blinde Reiter

19.06.2006

Nichts geht mehr
Der 1931 in Barcelona geborene und heute in Marrakesch (Marokko) lebende Juan Goytisolo ist der radikalste spanische Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Romane wie “Identitätszeichen” oder “Landschaften nach der Schlacht” machten ihn weltbekannt; ebenso seine Essays und Reiseberichte - vor allem aus und über die islamische Welt. Jetzt ist sein “letzter Roman”, wie der 75 jährige Schriftsteller versichert, bei Suhrkamp erschienen.

 

Anfang dieses Jahres ist Juan Goytisolo 75 Jahre alt geworden. Sein letzter Roman - es sei nicht sein “jüngster“, sondern sein letzter, erklärte er bei seinem Erscheinen - ist vor drei Jahren in Spanien publiziert worden und jetzt erst, wie zuletzt immer & adäquat von Thomas Brovot übersetzt, unter dem Titel “Der blinde Reiter” auf deutsch erschienen Man fragt sich, vertraut mit dem großen Oeuvre des häretisch- experimentellsten spanischen Schriftstellers der Gegenwart und als Leser des “Blinden Reiters“, was Juan Goytisolo seither gemacht haben mag. Oder anders gesagt: wie er sein literarisches “Endspiel” überlebt hat? Schweigend, stoisch ausharrend, als “ausgebrannter Fall”, weltabgewandt?

Denn dieser schmale Roman von 132 Seiten, der in jeder Hinsicht zu den großartigsten literarischen Zeugnissen existenzieller Verzweiflung in der Literaturgeschichte gehört, ist nichts anderes als das ultimative Selbstgespräch eines Schriftstellers am Ende seiner Tage; eine intellektuelle Lebensbilanz im Schatten der vergehenden und schon vergangenen Erinnerungen und dem, was ihm im einsamen Alter davon geblieben ist: Nichts - “Nichts als ein Schatten blieb von ihm, aus dem Fenster eines Zuges in die Landschaft geworfen, auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel“.

Eine schöne, wenn auch deprimierende Metapher für die Lebensreise eines Schriftstellers Es gibt viele einprägsame Sprachbilder im “Blinden Reiter”, dessen Titel “die Zeit” meint, die “niemand aus dem Sattel warf” und “wo (der blinde Reiter) vorüberkam, riß er nieder, was von Dauer schien, pflügte die Landschaft um, verbrannte die Träume zu Asche”.

Das ist die radikale Bilanz des Schriftstellers Juan Goytisolo: nach einer Vielzahl großartiger Romane, autobiographischer Erinnerungen und polemischer, enthusiastischer, nachwirkender Eingriffe in die politische Geschichte Spaniens, Europas, des “Westens” und seines Verhältnisses zur islamischen Kultur, die er in Reiseberichten & Essays immer wieder thematisiert hatte. Nichts würde davon bleiben, alles vergehen, vergessen werden, verschwinden.

Goytisolos mehrfaches “Nevermore”, so sehr es dem physisch-psychischen Verfall von Körper & Geist das Wort redet, ist jedoch von gleicher Kunstfertigkeit wie E. A. Poes Gedicht “The Raven”. Mitleidlos betrachtet & beschreibt Goytisolo sich wie ein fremdes Lebewesen. Alles spricht dafür, in diesem fünfteiligen Roman so etwas wie ein Gedicht in Prosa oder eine kammermusikalisch instrumentierte Elegie zu sehen, die aus einer Folge von kurzen lyrischen Evokationen besteht, mit denen der Autor ebenso diskret seine Biografie beschwört wie er radikal die eigene existenzielle Befindlichkeit beschreibt und seine ausbleichenden, sich überlagernden Erinnerungsfragmente, seine Angst- & Albträume und seine apokalyptischen Visionen wie halluzinierte Zeugen seines Todeswunschs um sich versammelt: in seinem Haus in Marrakesch.

Das Verblassen der Erinnerung

Dorthin hatte er sich zurückgezogen, nach dem plötzlichen Tod seiner Lebensgefährtin 1996. Ihr Tod war der untröstliche Choc seines späten Lebens, dem er nun immer häufiger die unabweisbaren Zeichen des körperlichen Verfalls abliest: Schlaflosigkeit, schwindendes Hörvermögen, physische Schwerfälligkeit und nachlassende Erinnerungsfähigkeit. Der Schmerz über “ihren” Verlust löst bei ihm eine radikale Trennung von allem aus, was sie beide verbunden hatte: die Pariser Wohnung & Freunde, die CD- & VideoFilm-Sammlung, die gemeinsamen wöchentlichen Kinobesuche. Alles wird ihm zum Tabu. Ohnehin, bemerkt er jetzt, war “der Bereich, den sie miteinander teilten, mit den Jahren geschrumpft”, auch das gesellschaftliche Leben hatten sie reduziert. “Eines Tages”, erinnert er sich plötzlich, “sagte sie zu ihm, mit dir zu leben heißt, sich in Einsamkeit zu üben. Ich weiß nicht, ob ich es dir vorwerfen oder dir dankbar dafür sein soll”.

Die Erinnerung, welche ihre Kaftane auslösen, die im Schrank in Marrakesch geblieben sind, geht über in Bilder eines anderen Schrankes mit den Kleidungsstücken der Großmutter, die in einer Heilanstalt umnachtet gestorben war. Vergangenheiten verwischen & vermischen sich. “Plötzlich verstand er, was das Leben war: eine Grube, ein gefräßiges Loch, in dem die Erinnerung versank” - die Erinnerung an den vergeblich die Zukunft seiner Kinder planenden Vater und die bei einem Bombenangriff während des Bürgerkriegs getötete Mutter, an das Haus und die Ländereien seiner Kindheit, die längst verkauft und von Neureichen umgebaut worden waren, wie er bei einem insgeheimes Besuch leidvoll gesehen hatte.

Goytisolos lyrische Elegie des Vergehens bewegt sich vom Nächsten & Nahesten ins Historische und Politische, ruft Bilder seiner Reise zu Tolstois Gut Jasna Poljana herauf und parallelisiert beider Reisen ins kriegerisch verwüstete Tschetschenien, das der Reporter Goytisolo mit Tolstois Erzählung des “Hadschi Murat” im Gepäck als die ewige Wiederholung des Gleichen erlebt: Krieg, Hass, Vernichtung, Elend. “Der größte Feind der Lüge ist nicht die Wahrheit”, bilanziert er seine bittere Erfahrung mit der Geschichte, “sondern eine weitere Lüge”.

Der Kulissenschieber tritt auf

Obwohl Tolstoi als Autor und als Person im “Blinden Reiter” als sein Lieblingsautor präsent ist, wird man als Leser im Hinblick auf Goytisolos tiefschwarze Metaphysik, auf die sein Buch hinsteuert, eher an die vergleichbar abgründig-unlösbare Dialektik des “Großinquisitors” in Dostojewskis “Brüder Karamazow” denken müssen Denn im Zentrum des “blinden Reiters” steht ein Zwiegespräch mit “dem großen Kulissenschieber”.

In einer Folge von apokalyptischen Bildern, deren ikonografische Gewalt an Hieronymus Bosch erinnert, imaginiert der Schriftsteller die “Myriade von Menschen”, die “von der Steinzeit bis in den Frühling der Kybernetik” ins Leben gerufen und in den Tod gestoßen wurden: “Die Kinder brannten: wie Stecknadelköpfe bedeckten ihre winzigen Gesichter die unendliche Weite des Raums.(...) Es waren alle Rassen und Mischungen dieser eher unmenschlichen Spezies, der er zu seinem Kummer angehörte. Der Große Halunke hatte sie mit einem Kienspan in Brand gesteckt, und wie ferne, glühende Galaxien funkelnden sie, ohne zu verlöschen. Die Hölle, die seinem verderblichen Hirn entsprungen war, kannte kein Ende. Jede Sünde, wie gering auch immer, verdiente ihr unwiderrufliches Urteil. Selbst die Körper, die in der Erde verwesten und sie düngten, litten noch Schmerz und Qualen bis in alle Ewigkeit. Welch plumper Geist hatte in seiner Hilflosigkeit den Begriff des Ewigen ersonnen, und auch welchen Tag ging seine unselige Erfindung zurück?”

Die Visionen und Albträume werden begleitet von nächtlichen Gesprächen des Atheisten mit dem zynischen, sadistischen “Großen Halunken”, gegen dessen “Vergnügen mit den Schurken und ihren Taten” der Ungläubige nicht ankommt, denn durch die, die an ihn glauben, existiert er “und so wird es sein bis ans Ende der Zeiten”. Sein “einziges Zeichen von Güte” ist das Vergessen: je schneller und restloser, desto besser.

Mit einem letzten Aufbäumen gegen die Passivität der Todeserwartung imitiert der Einsame von Marrakesch die ultimative Flucht seines bewundernden Tolstoi. Was diesem die Sehnsucht war, noch einmal “in einem Waggon der dritten Klasse” nach Tschetschenien zu gelangen, “auf der Suche nach einem schlüssigen Ende”, sind für Goytisolo die weißen Gipfel des Atlas, die er vom Dach seines Hauses aus sieht und es ist die “ockerfarbene Steinwüste” mit der “makellosen Strenge der geometrischen Figuren”: das “Reich des Anorganischen”, dem zuletzt seine Bewunderung gilt. Eines Tages setzte er sich in ein Sammeltaxi, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, und ließ sich am Ende einer Tagesreise mitten in der menschenleeren Wüste absetzen: “Er war zurückgekehrt ins Innerste der Materie und kannte nicht das Wie und Warum, nicht das Ziel noch die Entfernung oder das Maß der Zeit“.

Aber es ist der “Kulissenschieber”, der ihn aus seinem verzweifelten Traum mit den Worten weckt: “Laß ab von der Quadratur des Kreises und konzentrier dich auf das, was dir vom Leben noch bleibt: den Sand, der durch das Stundenglas rieselt. Je intensiver gelebt, desto weniger vergänglich”. Als er aufwachte (und “sich keinen Schritt aus seinem Zimmer bewegt hatte”), war es Nacht, der “Himmel entfaltete seine Pracht” und “noch immer war er unter den Zuschauern im Parkett des Theaters” Ich aber musste bei diesem verhalten ausklingenden Ende an letzte Sätze aus Albert Camus´ ”Der Fremde” denken, als wären sie für Juan Goytisolos letzten Roman “Der blinde Reiter” geschrieben worden: “Als dieser große Zorn mich von allem Übel gereinigt und mir alle Hoffnung genommen hatte, wurde ich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal empfänglich für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt”.

Wolfram Schütte


Juan Goytisolo: Der blinde Reiter.
Roman. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2006. 132 Seiten, 17.80 ¤

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Mr. Charms ist nicht zu fassen!

Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

Die Jugend endet auf dem Campingplatz

Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...