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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:57

     

    José Saramago: Die Stadt der Sehenden.

    19.06.2006

    Aufstand mit weißen Wahlzetteln
    Vor neun Jahren versetzte der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago eine ganze Stadt in eine kollektive "weiße Blindheit" und inszenierte in seiner Romanparabel "Die Stadt der Blinden", eine bedrückende Verrohung der Sitten im menschlichen Zusammenleben. Fast nahtlos, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen, schließt sich der neue Roman des heute 84-jährigen Autors an.

     

    In einer nicht näher beschriebenen westlichen Hauptstadt bricht ein politisches Chaos aus, weil rund zwei Drittel der Wahlberechtigten einen weißen Stimmzettel abgeben und damit ihren Unmut über sämtliche kandidierenden Parteien ("Rechte", "Mitte", "Linke") ausdrücken. Bei der eilends einberufenen zweiten Wahl ist der Anteil der "weißen Wähler" noch größer.
    Die Regierenden vermuten eine Verschwörung, "einen subversiven Angriff auf das System". Während auf dem Land brav gewählt wird, verweigern die Hauptstadtbewohner den Politikern die Gefolgschaft. Das politische Establishment zieht sich aus der Metropole zurück und verhängt den Ausnahmezustand. Der Geheimdienst inszeniert einen Bombenanschlag im Bahnhof, doch die erhoffte Wirkung stellt sich nicht ein. Es bricht keine Panik aus; die Hauptstadtbewohner verrichten ganz normal und pflichtbewusst ihre Alltagstätigkeiten.

    Zwischen Demokratie und Terror
    Die erste Hälfte von Saramagos Politikverdrossenheits-Allegorie liest sich recht schleppend, da der auf Lanzarote lebende Autor auf Absätze, Anführungszeichen und jegliche Strukturierung seines Textes verzichtet. Zudem wechseln häufig die Erzählperspektiven und die Minister und Regierungsbeamten bleiben als tragende Handlungsfiguren blutleere Funktionsträger.
    Danach führt Saramago einen Kommissar ins Geschehen ein, der im Auftrag der Regierung nach den Drahtziehern der vermeintlichen Verschwörung fahnden soll. Der Protagonist der zweiten Romanhälfte wird zur tragischen Figur. Er befindet alle Verdächtigen für unschuldig und gerät so selbst in den Verdacht, mit den "Weiß-Wählern" zu sympathisieren.
    José Saramago, der für die portugiesischen Kommunisten bei der letzten Europawahl kandidierte, hat einen bitterbösen Roman über den schmalen Grat zwischen Demokratie und Staatsterror geschrieben. Die Erhaltung der eigenen Macht wird zur politischen Leitlinie, in einem Willkürakt werden 500 Hauptstadtbewohner "entführt" und im Innenministerium verhört. Alle demokratischen, rechtsstaatlichen Grundsätze werden dabei mit Füßen getreten. "Ein gut organisierter Staat darf eine solche Schlacht nicht verlieren", verkündet ein Minister.
    Ging es in der "Stadt der Blinden" um die Entsolidarisierung in der Gesellschaft und um den moralischen Bankrott der Individuen, so steht nun dem Verfall der politischen Sitten und der ins Taumeln geratenen Demokratie eine starke, von einem unsichtbaren solidarischen Band zusammen gehaltene Gesellschaftsschicht gegenüber. Aus den einstigen "weißen Blinden" sind demzufolge sehende "Weiß-Wähler" geworden.
    Der kritische Schwarzmaler José Saramago hat wieder einmal einen Roman vorgelegt, der seinen Reiz aus der Unmenge von Fragen bezieht, die er nach der Lektüre aufwirft. Ein grandioses, von tiefem Skeptizismus durchzogenes Alterswerk.

    Peter Mohr


    José Saramago: Die Stadt der Sehenden.
    Roman. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis.
    Rowohlt Verlag, Reinbek 2006,
    384 Seiten, 22,90 Euro (SFR 39,90)
    ISBN: 3498063847

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