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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 19:09

     

    Gert Jonke: Schule der Geläufigkeit

    19.06.2006

    Wiederholte Geläufigkeit
    Am Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts stand die deutschsprachige Literatur vor der Frage: Erzählen oder berichten, Formular oder freier Text. Namen wie Peter Handke, Peter O. Chotjewitz, F.C. Delius gingen dem Formelhaften der Sprache auf den Grund. Auch G.F. Jonke aus Klagenfurt schrieb sich in seinem Debüt "Geometrischer Heimatroman" wie in den folgenden Büchern "Glashausbesichtigung" und "Die Vermehrung der Leuchttürme" durch die Präzisionsgebäude der Beschreibungsliteratur und nagten am Begriff der Nachkriegsliteratur.

     

    Gert Jonke, der von G.F. Jonke über Gert Friedrich Jonke zum einfachen Gert mutierte, fand zum Ende der siebziger Jahre für sich eine literarische Form, die das formelhafte, statische abgelegt und statt dessen zu einer melodischen Sprache gefunden hatte. Sprachklangforscher Jonke veröffentlichte 1977 die Erzählung "Schule der Geläufigkeit", die nicht nur im Titel auf außerliterarische, dafür innermusikalische Strukturen zurück griff. Inspiriert vom Titel des vierbändigen Unterrichtswerks des Klavierlehrers Carl Czerny ("Zur Schule der Geläufigkeit op. 299") schrieb Jonke über ein Fest beim Fotografen Anton Diabelli, das bei genauer Betrachtung nur die Wiederholung des vorjährigen Festes war.

    Was ist wirklich an der Wirklichkeit?

    In Czernys pädagogischem Text lautet der erste Satz: "Unter den unerlässlichen Eigenschaften, welche der Klavierspieler besitzen muss, wenn er sich über das Mittelmäßige emporheben will, ist die wahre und regelmäßige Geläufigkeit der Finger, auch in der schnellsten Bewegung, eine der nothwendigsten, und bei jedem Schüler so frühzeitig als möglich zu entwickeln." Jonke stellt der "regelmäßigen Geläufigkeit der Finger" als Parallelform seine Geläufigkeit der Sprache gegenüber, rupft und zupft die unnötigen Ausschmückungen heraus und erfindet durch die Genauigkeit des Ausdrucks eine neue Harmonie im literarischen Sinne.
    W. Martin Lüdke gelang mit dem ersten Satz seines Beitrages über Jonke im KLG (Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur) die nahezu perfekte Definition von dessen Literatur: „Der Gegenstand und die Reflexion auf das, was ihn als Gegenstand ausmacht, sind für Jonke nicht zu trennen. Seine Poesie ist zugleich Poetik, oder mehr noch: Jonke reflektiert die Bedingungen des Schreibens – als die Bedingung der Möglichkeit des Beschriebenen. Sein Thema ist, so abstrakt dies vorderhand erscheinen mag, die Wirklichkeit, die Fra-ge mithin: was wirklich an der Wirklichkeit ist." Vielleicht darf man die Frage noch etwas erweitern: "was ist musikalisch an der Wirklichkeit", wie Gert Jonke sie empfindet, aufnimmt, verarbeitet. Denn Jonkes Schreiben ist undenkbar ohne eine enorme Musikalität, ohne die rhythmische Struktur, ohne die Klangfarbe der Wörter. Was sich in Noten nicht mehr ausdrücken lässt, meißelt Jonke mit spitzem Sprachwitz und donnernder Sprachgewalt in die Steintafeln der Literatur.

    Die Geräusche der Wörter

    Das Buch enthält zwei Erzählungen: "Die Gegenwart der Erinnerung" (über Diabellis Fest) und "gradus ad parnassum": zwei Brüder, die auf dem Dachboden eines Konservatoriums eingesperrt sind und jeweils ihre Sicht der Dinge reflektieren. Sorgfältig seziert Jonke die Wirklichkeit der Erinnerung, in dem er die Zeit aufhebt und eine zeitlose, beliebige Wiedereingliederung des Erinnerten in die Gegenwart ermöglicht. Was gestern geschehen ist, überlagert – wenn man es denn will – die Schrecken oder Freuden des Gegenwärtigen. Das birgt natürlich die Gefahr der Manipulation, des Schönfärbens in sich. Dem geht Gert Jonke aber aus dem Weg, in dem er die Verpflichtung ernst nimmt, das Vergangene im Kompletten darzustellen.
    Bei Gert Jonke kann man erfahren, welche Geräusche die Wörter machen, wenn sie auf dem Papier landen. Man spürt ihr Echo im Kopf und weiß endlich einen Begriff wie Sprachrhythmus zu durchschauen.
    Erstmals erschien die "Schule der Geläufigkeit" 1977 bei Suhrkamp. Nach einer Taschenbuchausgabe im Jahr 1980 bei Rowohlt veröffentlichte der Residenz Verlag 1985 eine revidierte Neuausgabe. Dieser Neuausgabe liegt die nun in der Bibliothek Suhrkamp erschienene Ausgabe zu Grunde.

    Klaus Hübner


    Gert Jonke: Schule der Geläufigkeit.
    Bibliothek Suhrkamp (Band 401) im Suhrkamp Verlag.
    Frankfurt am Main. 2006.
    191 Seiten. 13,80 Euro.
    ISBN 3-518-22401-8


    Textprobe:
    "Genau in diesem Augenblick hatte Diabelli fotografiert, zog das Bild aus dem Apparat, hier, siehst du, sagte er, und ich sah: auf dem Foto stand ich neben der Sandsteinstatue und warf einen unsicher suchenden Blick ins Gras, das kam mir bekannt vor; es handelte sich um ein dem Foto vom vorigen Jahr, das er mir vorhin gezeigt hatte, völlig identisches Foto, und wenn man die beiden Bilder nebeneinander betrachtete, war nichts auffindbar, wodurch sich das eine vom anderen unterschieden hätte."

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