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Donnerstag, 30. März 2017 | 02:41

 

Annette Mingels: Der aufrechte Gang

12.06.2006

Zwischen Willy und Sven

Die 35-jährige Schriftstellerin Annette Mingels, die als Literaturwissenschaftlerin und Journalistin in Zürich arbeitet, hat ein ausgeprägtes Faible für komplizierte Beziehungen. In ihrem Roman "Die Liebe der Matrosen" (2005) erzählte die gebürtige Kölnerin von vier unglücklich liebenden Figuren und deren Unfähigkeit zur Liebe, die in stark ausgeprägten Egoismen und fehlender Selbstkritik ihre Ursachen hatte.

 

Um allerlei Beziehungsunglück kreist auch der neue Roman "Der aufrechte Gang", in dem die Protagonistin Ruth in kurzer Zeit alles verliert, was ihr am Herzen liegt. Annette Mingels erzählt auf alternierenden Erzählebenen, wie es zum emotionalen Super-GAU kam. Zu Beginn der Handlung erleben wir Ruth als Vierzigjährige, wie sie sich bei einem England-Aufenthalt mit Willy, dem Sohn ihrer besten Freundin Simone vergnügt. Dadurch kommt es zum irreversiblen zweiten Bruch zwischen den gleichaltrigen Frauen. Das erste Zerwürfnis hatte Ruth durch ihre Heirat mit dem zwanzig Jahre älteren Kunsthistoriker Sven herbeigeführt. Simones Einwände, dass Sven lediglich "ein finanzstarker Vaterersatz" sei, konterte die Protagonistin einst schwülstig-naiv: "Das gibt es, Liebe, die verlässlich ist und diskret wie eine Schweizer Bank."
In Rückblenden berichtet die Autorin über diese Ehe, die durch Svens Tod abrupt beendet wird, ohne dass wir allerdings eine greifbare Vorstellung von ehelicher Verlässlichkeit und Diskretion erhalten. Im Gegenteil: Die Beziehung schien einseitig verankert zu sein, Ruths Anpassungswille grenzte schon an unterwürfige Selbstaufgabe. Glücklichsein als Ergebnis exponierter Autosuggestion.
Wie soll eine solche Figur wieder auf die Beine kommen, gar zum aufrechten Gang finden? Wie soll die einstige Studentin der Kunstgeschichte, die sich ihrem Professor später in der Ehe bedingungslos unterwarf, im Blochschen Sinne zum aufrechten Gang, zum selbstbewussten, nonkonformistischen Handeln finden? Die Antwort hat Annette Mingels mit ihrer Eingangsszene schon vorweg genommen, in der sie Ruth beim Geschlechtsakt kniend vor Willy platzierte. Dem Schicksal dieser gebrochenen Frau folgt man als Leser relativ teilnahmslos, weil die Autorin durch eine kühle, rein deskriptive Erzählhaltung große Distanz zu den Figuren wahrt.

Peter Mohr


Annette Mingels: Der aufrechte Gang. Roman. Dumont Verlag, Köln 2006, 167 Seiten, 17,90 Euro (SFR 31,70). ISBN: 3832179658

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