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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 09:42

     

    Bernardo Carvalho: Neun Nächte

    07.06.2006

    Was geschah mit Buell Quain?
    1939 hat sich der siebenundzwanzigjährige nordamerikanische Anthropologe Buell Quain im brasilianischen Dschungel, wo er unter Indianern lebte, umgebracht Der 1960 in Rio de Janeiro geborene Journalist und Romancier hat den Selbstmörder zum Objekt seiner erzählerischen Phantasie gemacht, mit der er dem Selbstmörder in dem Roman “Neun Nächte” nachspürt.

     

    Am 2. August 1939 beging der 27jährige Anthropologe Buell Quain, der Feldforschungen bei einem Indianerstamm in Zentralbrasilien getrieben hatte, einen exzentrischen Selbstmord. Er schlitzte sich die Adern auf und erhängte sich. Seine Hinterlassenschaften und Briefe, die er kurz vor seinem seltsamen Selbstmord geschrieben hatte, brachten die Indianer zu einem Posten der Reservatsbehörden. Aus keinem der Dokumente ging hervor, warum der Nordamerikaner sich umgebracht hatte, der zuvor schon ähnliche anthropologische Forschungen auf einer Südseeinsel betrieben hatte, deren Ergebnisse erst postum publiziert wurden. Nur: in zweien der Briefe sprach der Selbstmörder davon, sich mit einer unheilbaren und übertragbaren Krankheit infiziert zu haben.

    Am 12. Mai 2001 stieß der brasilianische Journalist Bernardo Carvalho in einer Zeitungsnotiz, in der vom aktuellen Tod eines Anthropologen im Kreis von Amazonas-Indianern die Rede war, auf die Erwähnung des analogen “Falls Buell Quain“. Das sei der Beginn seiner, wie er schreibt, jahrelangen Recherche nach dem Mann mit dem seltsamen Namen, dessen kurzem Leben und rätselhaften Tod gewesen.

    Ich habe mich im Internet vergewissert, dass Buell Quain gelebt, er eine viel versprechende wissenschaftliche Zukunft vor sich hatte und man bis heute das Rätsel seiner Selbstabschaffung nicht gelöst hat. Denn in dem derzeit höchst populären Roman-Genre, das Carvalho gewählt hat, dem historischen Abenteuer- & Recherche-Schmöker, wird professionell geflunkert und historische Realität täuschend echt simuliert - wie auch hier, wenn es heißt, der Nobody Buell Quain habe mit der Grand Dame der Südsee-Anthropologen, Margaret Meed, korrespondiert und sei Claude Levi-Strauss bei dessen Besuch in den “Traurigen Tropen” Brasiliens über den Weg gelaufen Kann oder könne schon sein. So what?

    Aber ist das für den Roman, den der 1960 in Rio de Janeiro geborene Bernardo Carvalho 2002 veröffentlicht hat, überhaupt von Belang? Könnte nicht sogar alles von A bis Z erfunden sein, wie z.B. in Carlos Ruiz Zafóns “Der Schatten des Windes“? Gewiss doch. Und Carvalhos Behauptung im Buch, er habe erstmals im Mai 2001 von dem historischen Fall gehört, dann seine weitläufigen, umständlichen Recherchen angestellt, die einen großen Teil des Romans einnehmen, und er sei sowohl an den Tatort im Urwald gereist & unter die Indianer gefallen, wie auch in nach New York auf Spurensuche gewesen und er habe sogar herausgefunden, dass der “Fall Quain” mit dem Tod seines eigenen Vaters acht Jahre zuvor in einem geheimnisvollen Zusammenhang stünde: - alle diese Behauptungen und Koinzidenzen erscheinen als Faktensammlung ziemlich gewagt, wenn man sich vor Augen stellt, dass Carvalhos Roman “Neun Nächte” schon ein Jahr später (2002) erschienen ist.

    Kurz: von einem rätselhaften historischen Vorfall ausgehend, hat der brasilianische Autor einen lupenreinen postmodernen Roman geschrieben, in dem Realität zum Spielfeld der Fiktion wird. Nicht nur dadurch dass Carvalho, in Kursiv gesetzt, den Bericht eines brasilianischen Freunds erfunden hat, dem Buell Quain in “Neun Nächten” ein Geständnis abgelegt habe (das der Freund jedoch nicht preisgibt), sondern auch im überwiegenden restlichen Teil des Romans, in dem Carvalho seine Recherche, seine Lektüre von Dokumenten, seine Treffen mit Zeugen scheinbar journalistisch exakt beschreibt Das “Dokumentarische” wird von dem einfallsreichen Romanciers jedoch genauso fiktionalisiert wie das angebliche Geständnis des Selbstmörders - und zwar unübersehbar, quasi mit doppeltem Augenzwinkern dort, wo an einer späten Stelle “angehende Schriftsteller” den Insassen eines Altersheims aus Büchern vorlesen! Ausdrücklich wird erwähnt, dass einer der Alten verlangt, immer wieder Joseph Conrads “Der geheime Teilhaber” und “Lord Jim” und die berühmte Passage über das Weiß in Herman Melvilles “Moby Dick” vorgelesen zu bekommen.

    Warum Conrad & Melville?

    Weil Bernardo Carvalho in seinem ebenso spannenden wie verzwickten Roman in Buell Quain einen jener einsamen jungen Männer sieht, die als Fremde in der exotischen Fremde verloren sind oder dort verloren (& und unter-) gehen wie “Lord Jim“; oder: die wie der junge Herman Melville in den fremden Gesellschaften der Südsee das “Paradies” suchten & fanden, aber dann (wie Buell Quain) unter den Indianern des Dschungels mit einer Kultur konfrontiert waren, die sie in Identitätsschwierigkeiten brachte und in existenzielle Ängste trieb, deren sie nicht mehr Herr werden konnten.

    Carvalho adaptiert Conrads perspektivisches Erzählen als labyrinthische Spurensuche, um in deren Verlauf seinen Helden erzählerisch unterschiedlichsten Lichtverhältnissen auszusetzen und immer neue, andere Fragen an seine Biografie, seinen Charakter, seine Motive zu stellen - ohne doch das Dunkel dieses selbst beendeten jungen Lebens aufhellen zu können oder zu wollen.

    Conrads “Geheimer Teilhaber” jedoch stiftet einen direkten Bezug zu dem geheimen Teilhaber an Buell Quains Leben & Sterben - sofern man der letzten erzählerischen Pointe des Romans psychologische Triftigkeit zusprechen möchte oder sie nicht eher als Trick ansieht, dem Roman ein Ende zu verschaffen, das trivialer ist als das Rätsel, das der wirkliche Buell Quain der Nachwelt hinterlassen hat. Gut unterhalten hat man sich aber gewiss mit den “Neun Nächten”, für deren Übersetzung Karin von Schweder-Schreiner den Förderpreis der Hansestadt Hamburg erhalten hat. Auch dies zurecht, zu unserem Lesevergnügen.

    Wolfram Schütte


    Bernardo Carvalho: Neun Nächte.
    Roman. Aus dem Brasilianischen von Karin von Schweder-Schreiner.
    Luchterhand Literaturverlag, München 2006.
    206 Seiten, 19.95 ¤

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