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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 09:01

    Xavier de Maistres: Reisen um mein Zimmer

    01.06.2006

    Das Fernste im Nächsten

    Wenn einer eine Reise tut, dann kann er ´was erzählen. Erst recht, wenn es eine Reise um mein Zimmer ist oder es sich um eine Nächtliche Expedition in meinem Zimmer handelt. Der aus Savoyen stammende Militär Xavier de Maistre (1763/1852) hat mit seinen beiden Reiseberichten Klassiker der Französischen Literatur geschrieben, die eben neu übersetzt in einer schönen Ausgabe bei Zweitausendeins auf deutsch erschienen sind. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Es gibt in der Weltliteratur Autoren, die nur Dank eines Buches im Gedächtnis ihrer Nachwelt fortleben. Der bekannteste: Cervantes mit seinem Don Quichote, aber auch der Russe Gontscharow mit seinem Oblomov, Malcolm Lowry mit seinem Säufer-Roman Unter dem Vulkan oder Laurence Sterne mit dem Tristram Shandy gehören dazu. Oder unter den Philosophen wäre an Schopenhauer mit seiner Welt als Wille und Vorstellung, Spinoza mit der Ethik oder an Montaigne mit seinen Essais zu denken. Kurz: so selten ist die Kategorie des »Ein-Buch-Autors« gar nicht.

    Der Savoyarde Xavier de Maistre, im langen Schatten seines bekannteren Bruder Joseph de Maistre - des reaktionären Staatsphilosophen und Feinds der Großen Französischen Revolution -, gehört auch zu dieser Kategorie, wenngleich er so berühmt wie die genannten nicht ist oder wurde, was vielleicht an der besonderen Besonderheit des kleines Büchleins liegt, das weder Roman & Erzählung noch Essay (sondern beides) ist, dem allein er aber seinen fragilen Nachruhm verdankt: den knapp 100 Druckseiten seiner Reise um mein Zimmer, 1794 von seinem berühmten Bruder anonym herausgegeben.

    Caroline Vollmann hat es jetzt, zusammen mit der noch kürzeren Fortsetzung Nächtliche Expedition um mein Zimmer, trefflich übersetzt, der Reiseschriftsteller Alain de Botton ein Vorwörtchen dazu verfasst und der Maler Andy Wildi sechs Bildphantasien beigesteuert, damit es der gewitzte Verleger Gerd Haffmanns bei Zweitausendeins als ein schmuckes kleines Bändchen zu seiner eigenen & erst recht auch der Leser Freude herausgeben konnte.

    Wer das Buch gelesen hat, weiß danach, dass er etwas Eigentümlich-Amüsantes entdeckte, das seinesgleichen in der Literaturgeschichte so nicht hat. Denn Autor wie Buch (+ Fortsetzung) sind Solitäre & Unikate, wenngleich ...: aber davon später.

    Zu Xavier de Maistre nur soviel: in Chambéry (Savoyen) 1763 geboren (das zum Königreich Sardinien gehörte), ist er mit 89 (!) Jahren 1852 in St. Petersburg gestorben, wo er zeitweise Bibliotheksdirektor der Admiralität, aber auch Generalmajor der Russischen Armee war, in deren Diensten er gegen die französischen Truppen der Republik und Napoleons und später auch im Kaukasus gegen Aufständische kämpfte, nachdem er einer der ersten gewesen war, der sich mit einem Ballon Mongolfiers in den Himmel erhoben hatte. Auch hielt er sich zeitweise in Turin und später immer wieder in Paris auf, hat also durchaus eine weitreichende Lebensreise durch Eurasien gemacht, mehr als bloß um seine Zimmer bei Tag & Nacht.

    Der zivilste Militär

    »Selten war ein Soldat so zivil und zivilisiert«, schreibt Haffmans im Klappentext des Buchs zurecht. Man kann ihm nur zustimmen, allein schon deshalb, weil dieser Militär den »Dämon des Krieges« verabscheut und seufzt: »Es gibt keinen Frieden mehr auf dieser Erde«. Aber dieser savoyardische Adlige, der aufgrund eines Duells zu Hausarrest verurteilt worden war und dadurch eine »zweiundvierzigtägige Rundreise durch sein Zimmer unternommen und vollbracht hat«, ist ein empfindsamer, phantasievoller und liebenswert-menschenfreundlicher Autor, der die »interessanten Beobachtungen, die ich machte, und das ständige Vergnügen, das ich auf dem Weg empfand« in seinen »Buch voller Entdeckungen, strahlend wie ein unerwarteter Komet im Weltraum« nicht nur der »Gelehrtenwelt« präsentieren will, wie er gleich zu Beginn ironisch behauptet, sondern auch ohne Ironie davon spricht, sein »Herz empfinde eine unaussprechliche Befriedigung«, wenn er »an die zahllosen Unglücklichen denke, denen ich ein Hilfsmittel gegen die Langeweile und eine Linderung der Leiden, die sie erdulden, anbiete.«

    Denn »das Vergnügen, das man beim Reisen in seinem Zimmer hat, ist sicher vor dem ruhelosen Neid der Menschen; es ist unabhängig vom Vermögen«. Deshalb empfiehlt er es vor allem »Leuten mit geringem Einkommen«; aber auch Reichen, Kranken, Angsthasen und Schwerfälligen. Denn das Reisen war ja zu seiner Zeit so problemlos & billig wie heute nicht.

     

    Emphatisch & humoristisch ruft er mit leicht biblischen Anklängen für sein Neuestes Testament des Reisens aus: »Folgt mir, ihr alle, die eine gekränkte Liebe, eine vernachlässigte Freundschaft in eurer Wohnung zurückhält, fern von der Kleinlichkeit und Falschheit der Menschen. Alle Unglücklichen, Kranken und Gelangweilten des Universums mögen mir folgen! - Alle Faulen mögen sich in Massen erheben! - Und ihr, die ihr in Euren Köpfen irgendeiner Treulosigkeit wegen finstere Pläne der Einschränkung oder des Rückzugs wälzt; ihr, die ihr in einem Schmollwinkel für alle Zeit der Welt entsagt; liebenswerte Anachoreten eines Abends, auch ihr, kommt mit; lasst ab von diesen düsteren Gedanken, glaubt mir: ihr büßt einen Moment des Vergnügens ein, ohne einen für die Weisheit zu gewinnen; geruht, mich auf meiner Reise zu begleiten; wir werden in kleinen Tagereisen voranschreiten und unterwegs über die Reisenden lachen, die Rom und Paris gesehen haben, - kein Hindernis kann uns aufhalten; wir überlassen uns wohlgemut unserer Phantasie und folgen ihr überall hin, wohin sie uns zu führen beliebt«.

    Raum ist in der kleinsten Hütte

    Xavier de Maistres stationäre Reise ist ein Hohes Lied auf die Bescheidenheit, in der Nußschale seines Zimmers dank der eigenen Phantasie die ganze Welt zu beschwören und im Nächsten das Fernste zu entdecken. Erinnerung & Vorstellungskraft, verbunden mit einer hohen psychologischen Sensibilität und Mitmenschlichkeit zeichnen den Charakter de Maistres aus, wie er uns aus seiner Reise um mein Zimmer entgegentritt und uns als seine Leser anspricht, denen er seine neue Art der Weltbetrachtung unterbreitetet. Sie ist ebenso sublim wie sublimierend. Marcel Proust hat in ihm einen winzigen Vorläufer.

    Gewiss ist de Maistres Haus-, bzw. Zimmerarrest durchaus standesgemäß für einen Adligen, wenn auch das Zimmer mit Bett, Schreibtisch, Spiegel, Stühlen, Wandbildern und Bibliothek nicht gerade üppig möbliert scheint; aber es gibt ja noch seinen ihm ergebenen, langjährigen Dienstboten Joanetti und seine ebenso treue Hündin Rosine, von denen er, beim Auftritt eines Bettlers, den der Adlige »in tierischem Groll« mit den auch heute gebräuchlichen Worten :»Faulpelz! Geh arbeiten!« beschimpft hatte, jedoch zu seiner Beschämung nachhaltig »Unterricht in Philosophie und Menschlichkeit« erhält. (Rousseau lässt auch schön grüßen.)

    Aber diese Gefährten spielen bei de Maistres minimalistischen Reisen zwischen Bett und Schreibtisch, Sessel und Fenster eine Neben-, jedoch Gegenstände (wie Bilder, das Bett, Briefe, Bücher) die Hauptrolle in seinem »Reisebericht«, der die Metaphorik des Reisens (Sturm, Windstille, Sturz im Postwagen) für die humoristische Poetisierung der intimen Zimmer-Landschaft benutzt.

     

     An den Alltagsgegenständen entzündet de Maistre seine Phantasie & Erinnerung, wenn er sich z.B. vorstellt, wie sich seine arrogant-selbstverliebte untreue Mätresse zum Ballbesuch (gleich Zolas Nan”) im Fasching Turins zurechtmacht oder wenn er von tiefer Melancholie erfasst wird beim Blättern in den Briefen von Freunden seiner Jugend, von denen manche gar nicht mehr leben, andere sich vollständig gewandelt haben: »Wir waren glücklich durch unsere Irrtümer«, seufzt er am Ende, nachdem er das Jugendglück beschworen hatte: »Wir litten unter tausend Vorurteilen; die Welt und die Menschen waren uns gänzlich unbekannt; aber was für eine Glut in unserem Austausch! Was für eine intime Beziehung! Was für ein grenzenloses Vertrauen!« Aus dieser rousseauistischen Jugend ist Voltairesche Erfahrung des Erwachsenen geworden: »Wir mussten, wie die anderen, in den Herzen der Menschen lesen; und die Wahrheit, die wie eine Bombe mitten zwischen uns einschlug, hat den zauberhaften Palast der Illusion für immer zerstört«. Die Aufklärung war so menschenfreundlich wie -skeptisch.

    Das schmale Buch mit seinen 42 Kapiteln enthält auf jeder Seite erstaunliche Entdeckungen und gleicht einem Rezeptbuch für die ihm nachfolgende literarische Entwicklung, deren Motive und Sichtweisen auf die (gesellschaftliche) Welt ebenso wie die Introspektion der Psyche des Menschen in ihm gewissermaßen embryonal vorgebildet sind: aber immer mit eloquenter Diskretion & Witz, mit Ironie und Warmherzigkeit.

    Sigmund Freud im Vorschein

    So erklärt de Maistre mehrfach die »Doppelnatur« des Menschen mit seinem »System von der Seele und dem Tier«, das er auch, wie Plato die Materie, des öfteren »das Andere« nennt. Leicht erkennt man darin den Gegensatz von Zivilisation und Kultur (»die Seele«) und Natur und deren Triebe (»das Tier«). Beide sind sowohl »völlig getrennt« als auch derart »in- oder übereinander verschachtelt, daß die Seele eine gewisse Überlegenheit über das Tier haben muß, um (...) die Trennung vorzunehmen«. Er empfiehlt: »Meine Herren und Damen, seien Sie ruhig stolz auf Ihre Vernunft; aber mißtrauen Sie dem Anderen, vor allem, wenn sie zusammen sind!« - und das sind sie ja immer.

    Interessant ist nicht nur seine Bemerkung, wonach sich »die Seele das Tier gefügig machen kann, aber daß dieses, im Gegenzug, aus Ärger die Seele häufig dazu zwingt, ihrem Willen zuwiderzuhandeln«, womit ja Freuds Bemerkung, dass wir »nicht Herren im eigenen Haus« seien, vorgebildet scheint. Bemerkenswerter aber noch sind die Beispiele, die er dafür anführt, nämlich zum einen die Beobachtung, daß der Lesende von einem Gedanken zum Abschweifen »der Seele« verführt wird, während die Augen weiterhin mechanisch den Worten und Zeilen folgen, ohne dass ihre Lektüre aufgenommen wird: »Das kommt daher« beschreibt er das Verhältnis von Herr & Knecht in unserem Ich, »daß Ihre Seele, die ihrem Gefährten befohlen hatte, für Sie zu lesen, diesem nicht ankündigte, daß sie kurz abwesend sei«.

    Noch hübscher und Freud-näher ist das andere Beispiel für die Eigenmächtigkeit des Anderen. Als er auf dem Weg zum Palast des Königs sich “damit vergnügte, über die Malerei nachzudenken” und sich während des Gehens allerlei enthusiastische Gedanken über malerische Sujets, u.a. über »bestürzte Nymphen, verfolgt von einem Satyr« macht, gelangt er am Ende nicht an sein vorgesehenes Ziel, sondern »an die Tür von Madame de Hautcastel«. An sein insgeheimes Wunschziel hat ihn »das Tier« geführt: »Ich überlasse es dem Leser, sich auszumalen, was passiert wäre, wenn es«- nämlich das Tier - »ganz alleine eine so schöne Dame besucht hätte«.

    Amüsant ist auch ein späterer »Dialog« zwischen moralischem Über-Ich und dem Es, bei dem de Maistre sogar Freuds Metapher von unserem unsicheren seelischen Haus(stand) antizipiert und auf eine humoristisch-diskrete Weise eine nächtliche Pollution und morgendliche Erektion des vom Karneval Ausgesperrten andeutet, reflektiert und als eingesperrtes Ich (mit träumerischer Phantasie) für sich in Anspruch nimmt, »die Wohltaten, die mir die Natur gewährt, und die Vergnügungen, die sie mir bietet, zu genießen«.

    Turiner Straßen mit Dickens-Augen gesehen

    Aber de Maistres Reise um mein Zimmer kennt noch ganz andere Sujets, als diesen Blick ins innerste Selbst. Er weiß, dass »die Welt von Menschen wimmelt, die in ihrer Lage unglücklicher sind als ich in der meinen«. Anstatt sich als Gefangener in den phantastischen Ballsaal mit den vielen Schönheiten hineinzuversetzen, brauche er nur einen Augenblick auf der Straße anzuhalten - und schon entsteht vor seinem geistigen Auge, was uns später Charles Dickens immer wieder ebenso ausgemalt hat und ihm de Maistre mit diesen Worten voraus schreibt: »Unter den Eingangsportalen dieser prunkvollen Wohnungen scheint ein Haufen halbnackter Unglücklicher nahe daran, vor Kälte und Hunger zu sterben. - Was für ein Schauspiel! Ich wünschte, die ganze Welt nähme diese Seite meines Buchs zur Kenntnis; ich wünschte, man wüßte, daß in dieser Stadt, in der alles Wohlleben atmet, während der kältesten Winternächte ein Haufen Unglücklicher unbedeckt, den Kopf an einem Prellstein oder der Schwelle eines Palais gelehnt, schläft. Hier ist es eine Gruppe Kinder, die sich aneinander drängt, um nicht vor Kälte zu sterben. - Dort ist es eine zitternde Frau, der die Stimme fehlt, um zu klagen. - Die Passanten kommen und gehen, ohne sich von einem Schauspiel rühren zu lassen, das sie gewohnt sind. - Der Lärm der Prachtkutschen, der Ruf der Zügellosigkeit, die bezaubernden Töne der Musik mischen sich manchmal unter die Schreie dieser Unglücklichen und erzeugen eine entsetzliche Dissonanz«.

    Seit einiger Zeit, gesteht de Maistre und man wird annehmen dürfen, dass er damit auf die Französische Revolution anspielt, die ihm und seiner Familie (vor allem dem Vater) übel mitgespielt hat, wie er an einer anderen Stelle andeutet -: seit »einiger Zeit flößen mir alle Gesellschaften mit vielen Personen Grauen ein«, schreibt er, als wäre er einer der Erzähler E.A. Poes (oder sogar unser vorausahnender Zeitgenosse): »Es überkommt mich dort ein düsterer Traum: (...) Wenn ich auf einer dieser Festveranstaltungen bin, umgeben von dieser liebenswürdigen, schöntuerischen Menge, die tanzt, die singt - die bei Trauerspielen weint, die nichts als Freude, Offenheit und Herzlichkeit ausstrahlt, frage ich mich: - Wie wäre es, wenn in diese höfliche Gesellschaft plötzlich ein weißer Bär, ein Philosoph, ein Tiger oder irgendein anderes Tier dieser Art eindringen würde und, indem er ins Orchester hinaufkletterte, mit wütender Stimme brüllte: >Unglückselige Menschen! Hört die Wahrheit aus meinem Mund: Ihr werdet unterdrückt, tyrannisiert, ihr seid unglücklich, ihr langweilt euch. Wacht auf aus eurer Lethargie! Ihr Musiker, zerbrecht als erste diese Instrumente auf euren Köpfen; jeder soll sich mit einem Dolch bewaffnen; denkt von nun an nicht mehr an Unterhaltung und Feste; steigt in die Logen hinauf, erwürgt alle; auch die Frauen sollen ihre unschuldigen Hände in Blut tauchen! Geht, ihr seid frei, zerrt euren König vom Thron und euren Gott aus dem Allerheiligsten!< Nun, wie viele dieser reizenden Menschen werden das ausführen, was der Tiger gesagt hat? - Wie viele dachten vielleicht schon daran, ehe er auftauchte? Wer weiß es? - Tanzte man nicht vor fünf Jahren in Paris?«

    Denkwürdige Koinzidenz im Zeichen Sternes

    Diese historische Lokalisierung verweist auf das Erscheinungsjahr der Reise um mein Zimmer: 1795. Also unmittelbar nach dem »Terreur«, der hier nachhallt, erblickte die Reise um mein Zimmer das Licht der literarischen Welt. Der berühmtere Brüder Josephe de Maistre meinte sich als Herausgeber genötigt zu sehen, das solitäre Buch seines Bruders vorweg gegen den möglichen Eindruck zu verteidigen, Xavier habe damit die heroischen Reiseabenteuer Drakes, Magellans oder gar Cooks, dessen Weltumsegelung gerade in aller Munde war, abfällig kommentieren wollen. Gewiß hatte er das nicht im Sinn, wenngleich der von ihm emphatisch justierte Fokus aufs Nächste & Intimste (gewissermaßen die Apotheose der Lupe), »objektiv« einer Polemik gegen das weltumspannende Schweifen ins Fernste & Entlegenste (unter dem Emblem des Fernrohrs) glich.

    Näher liegend dürfte aber nicht nur die damals im Schwange befindliche europäische Reiseliteratur insgesamt sein, sondern deren herausragendes literarisches und gefühlsbildendes Ereignis: Laurence Sternes A Sentimental Journey through France an Italy von 1768. Wie sein Tristram Shandy” ist diese »Empfindsame Reise« sehr schnell ins Französische und Deutsche übersetzt worden und hat in beiden literarischen Nationalkulturen die von dem Engländer entdeckten Quellen sowohl des skurrilen Humors und die Existenz des exzentrischen Sonderlings als auch der »empfindsamen, antiheroischen privatistischen Selbstbetrachtung sprudeln lassen.

    Xavier de Maistre, der auch ein weiteres europäisches Zentralereignis erwähnt, dessen Bewunderung er mit dem ihm verhassten Napoleon teilt, nämlich Goethes Werther, spielt an zwei Stellen auf Sternes O­nkel Toby aus dem Tristram Shandy an - nicht weil der ja auch (ein am empfindlichsten Organ verletzter) ehemaliger Soldat war, sondern weil sich der Franzose mit seinen zwischen Essay & Erzählung, zwischen Empfindsamkeit & intimer Lebens-Philosophie schwebenden Reise um mein Zimmer in diese Sternesche Tradition stellte.

    Es war der europäischen Blüte der Laurence Sterneschen Poetik zuzuschreiben, dass ihr Samen, wie man heute sagen würde, »intertextuell«, auch in Deutschland auf fruchtbaren Boden fiel - und bei keinem fruchtbringender als bei dem »Hinterwäldler« Jean Paul Friedrich Richter im Fichtelgebirge. Der Engländer Sterne war der Go-Between, der eine der denkwürdigsten und zeitgleichen Koinzidenzen zwischen de Maistre und Jean Paul herbeiführte; genauer: zwischen der 1790 geschriebenen, 1795 publizierten Reise um mein Zimmer und dem Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz in Auentha”, das Jean Paul im Frühjahr 1791 niederschrieb und 1793 im Anhang der Unsichtbaren Loge veröffentlichte.

    Jean-Paulinisches en francais

    In dieser von Jean Paul so genannten »Art von Idylle« entwickelt sich die »Wuzische Kunst, stets fröhlich zu sein« (ein Glücksversprechen, das auch de Maistre gibt) aus der Kraft seiner Phantasie, mit deren Hilfe Wuz die Armut und Enge seines bescheidenen Lebenswelt subjektiv transzendiert - am Phantastischsten gewiß in dem Einfall, die Bücher, die er sich nicht kaufen kann (wie z.B. Kants “Kritik der reinen Vernunft“), sich selbst zu schreiben. Wenn es auch zwischen dem französischen Adligen, der notgedrungen mit Phantasie um sein Zimmer reist, und dem bitterarmen Schulmeister, der über sein Auenthal nicht hinausgelangt, geografisch, gesellschaftlich & politisch »Welten liegen«, so erschaffen sich beide doch ihre Ersatzwelten auf die gleiche phantastische Weise.

    Noch verblüffender aber sind - speziell für Jean-Paul-Kenner - stilistische und metaphorische Gleichklänge, die de Maistresche Passagen »jeanpaulisch« bis ins Syntaktische hinein formuliert erscheinen lassen. Z.B. diese über das Bett: »Ein Bett sieht, wie wir geboren werden und wie wir sterben; es ist die Bühne, auf der das Menschengeschlecht abwechselnd interessante Dramen, lächerliche Possen und entsetzliche Tragödien aufführt. - Es ist eine mit Blumen geschmückte Wiege; - es ist der Thron der Liebe; - es ist ein Grab«.

    Eine andere Reflexion im nächtlichen Andenken an einen früh verloren Freund auf einem Friedhof gleicht sowohl einem der Jean-Paulschen »Zernichtungsträume«, als dessen Unsterblichkeitshoffnungen: »Der Tod eines fühlenden Menschen, der inmitten seiner untröstlichen Freunde sein Leben aushaucht, und der eines Schmetterlings, den die kalte Morgenluft im Kelch einer Blume erfrieren läßt, sind im Gang der Natur vergleichbare Ereignisse. Der Mensch ist nichts als ein Schemen, ein Schatten, ein Dunst, der sich in den Lüften auflöst... Aber die Morgendämmerung beginnt, den Himmel zu bleichen; die düsteren Gedanken, die mich umtrieben, verflüchtigen sich mit der Nacht und Hoffnung kehrt in mein Herz zurück.- Nein, derjenige, der den Osten so mit Licht überflutet, hat ihn nicht vor meinen Augen erglänzen lassen, um mich gleich danach in die Nacht des Nichts zu stürzen. Derjenige, der diesen unermeßlichen Horizont ausgespannt hat, der die riesigen Gebirgsmassen auftürmte, deren eisige Gipfel die Sonne vergoldet, ist derselbe, der meinem Herzen befohlen hat zu schlagen und meinem Geist zu denken. Nein, mein Freund ist nicht ins Nichts eingegangen; wie immer die Grenze beschaffen sein mag, die uns trennt, ich werde ihn wieder sehn. - Ich gründe meine Hoffnung nicht auf einen Vernunftschluß. - Der Flug eines Insekts, das die Luft durchkreuzt, genügt, um mich zu überzeugen; und der Anblick der Landschaft, der Geruch der Luft und ich weiß nicht was für ein Zauber, der mich einhüllt, erhebt meine Gedanken so, dass die unbesiegbare Gewißheit, der Mensch sei unsterblich, mit aller Macht in meiner Seele Einzug hält und von ihr Besitz ergreift«

    Noch einen Blick auf Jean Paul und dessen »Tuttiliebe« - und wie de Maistre weit darüber hinaus geht: in einer ebenso originellen wie absonderlichen Phantasie, um die ihn der deutsche Geistesverwandte, hätte er sie gekannt, bestimmt beneidet hätte. Nachdem er mehrfach Unglück in der Liebe nach »der alten Methode« hatte, schreibt de Maistre in seiner Nächtlichen Expedition um ein Zimmer, kam »ich darauf, dass ich mir, ohne mich im geringsten dadurch zu kompromittieren, neue Genüsse verschaffen könnte, wenn es mir gelänge, das Gefühl, das mich einen Menschen lieben läßt, auf das ganze Geschlecht, das Gegenstand der Liebe ist, auszudehnen. Welchen Vorwurf könnte man in der Tat einem Mann machen, der ein so starkes Herz besitzt, dass er alle liebenswerten Frauen des Universums zu lieben vermag? Ja, Madame, ich liebe sei alle, und nicht nur die, die ich kenne oder denen ich zu begegnen hoffe, nein, alle, die auf der Erdoberfläche existieren. Darüber hinaus liebe ich alle Frauen, die jemals existiert haben und die in der Zukunft existieren werden, nicht eingerechnet die Zahl derer, die meine Phantasie aus dem Nichts hervorzaubert«.

    War auch Samuel Beckett in de Maistres Zimmer?

    Eine letzte, zugegeben: spekulative, Ausschweifung über eine mögliche zarte intertextuelle Nachwirkung der Nächtlichen Expedition um mein Zimmer - vermute ich in Samuel Becketts ultimativen Prosatext Stirring Still. Beckett beginnt mit der Evokation eines Mannes, der »den Kopf auf den Händen am Tisch saß« in einem Zimmer, in dem auch im Dunkel des nächtlichen Zimmers »etwas wie Licht von dem einzigen Fenster oben« kam. »Darunter noch immer der Hocker auf den er bis er nicht mehr konnte oder wollte für gewöhnlich stieg um den Himmel zu sehen. Wenn er nicht den Kopf hinausstreckte um zu sehen was darunter lag so vielleicht deshalb weil das Fenster nicht zum Öffnen gemacht war oder weil er es nicht öffnen konnte oder wollte. Vielleicht wußte er nur zu gut was darunter lag und wollte es nicht mehr sehen, So stand er denn stets nur dort oben hoch über der Erde und sah durch die trübe Scheibe den ungetrübten Himmel«.

    Diese »letzteste« (Goethe) von Becketts Endspiel-Situationen korrespondiert erstaunlich mit jener Dachkammer, in der de Maistres Erzähler auf der Flucht in Turin eine letzte Nacht verbringt. Auch bei dieser nächtlichen Expedition hat das Zimmer mit den schrägen Wänden nur eine einzige Öffnung, durch die das Licht in das Dunkel des Zimmers fällt. Diese »Luke (liegt) ungefähr sechs bis sieben Fuß über dem Boden« und man gelangt zu ihr »nur mit Hilfe einer kleinen Leiter« - was der Erzähler denn auch tut und »ähnlich dem Seefahrer, der, verloren auf dem weiten Ozean, nur den Himmel und das Meer sieht, sah ich nur den Himmel und mein Zimmer, und die nächsten Gegenstände draußen, auf die sich meine Blicke richten konnten, waren der Mond oder der Morgenstern: was mich in eine unmittelbare Beziehung zum Himmel versetzte und meinen Gedanken einen Höhenflug gab, den sie nie gehabt hätten, wenn ich eine Wohnung im Parterre gewählt hätte«.

    Während aber de Maistre in diesen Mastkorb steigt, um von dort aus melancholisch seine erinnernden Reflexionen starten zu lassen wie phantasmatische Ballons, ist für Beckett das gleiche szenische Arrangement von Tisch, Hocker, Dachluke die Beschwörung einer nun endgültig aufgegebenen selektiven Sicht auf den Himmel und die Welt. Nicht uninteressant wäre zu wissen, ob dieser klaustrophobischste Reduktionist der Literaturgeschichte nicht auch einmal Xavier de Maistres Reise und Exkursion um sein (nächtliches) Zimmer mit Bewunderung gelesen hat. Zumindest die Titel hätten ihn neugierig machen müssen.

    Aber das kleine Buch ist groß genug, dass es zu seiner Empfehlung diese beifällig assoziierten Blicke auf sein Umfeld und die in ihm antizipierten Topoi seiner literarischen Nachwelt nicht, um dem »Genußleser« (Haffmans) gerade heute & immer noch Erstaunen und Bewunderung abzuverlangen und Vergnügen zu bereiten.

     

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